Zeitung Heute : Die schöne Seele in der schönen Form

Die Karriere der Schauspielerin Henny Porten begann 1911 in der Steglitzer Albrechtstraße 40

Andreas Conrad[Harald Oklus]

Das Angebot war fürstlich, mehr konnte eine junge Filmschauspielerin nicht erwarten: 200 Mark monatliche Gage, der erste feste Vertrag. Aber Anfangserfolge beim Publikum, das mehr Filme mit der schönen Unbekannten forderte, hatten die gerade 21-jährige Henny Porten selbstbewusst gemacht: „Ich war unverschämt genug, 225 Mark zu fordern. An diesen 25 Mark hing wie an einem dünnen Faden meine ganze Zukunft, aber ich ließ es auf alles ankommen und blieb unerweichlich.“ Der Produzent Oskar Messter wollte nicht, sie ging, war schon auf dem untersten Treppenabsatz angelangt – da ließ er sie zurückrufen.

Die am 7. Januar 1890 geborene Schauspielerin, die neben Pola Negri und Asta Nielsen zum Dreigestirn des Stummfilms in Deutschland zählt, stammte aus Magdeburg. Mit fünf Jahren war sie über Dortmund nach Berlin gekommen. Ein Jahr in Moabit war zu kurz, um sie zu prägen. In Steglitz aber, in der Albrechtstraße 40, verbrachte sie ihre Jugend, hier erhielt sie die Impulse, die für den Beginn ihrer Karriere entscheidend waren. Daran erinnert eine Gedenktafel an dem Gebäude. Als die Porten viel später in die Kurfürstenstraße nach Tiergarten zog, ins heutige Café Einstein, war sie längst ein Star, gefeiert als „die schöne Seele in der schönen Form“.

1906, nach dem Schulabschluss, spielte sie in vielen Tonbildern Oskar Messters – Vorläufern des Tonfilms, eher Jahrmarktsvergnügungen als Kunst, aber Henny Porten erkannte schnell das Potenzial des Films: „Ich habe an ihn und seine künstlerischen Möglichkeiten geglaubt, als ihn noch niemand ernst nahm und als es auch tatsächlich nicht leicht war, ihn ernst zu nehmen.“ Mit ihrem Filmpartner und Regisseur Curt A.Stark, den sie 1912 heiratete, wurde sie schnell zum Star. Vier Jahre danach fiel er an der Front, und wenig später verkaufte Messter seine Firma an die Ufa. Henny Porten musste mit.

Der 5. Oktober 1919 bedeutete für ihre Karriere und auch die Geschichte des Films in Deutschland einen Höhepunkt: Ihr Film „Rose Bernd“ feierte Premiere. Sie selbst hatte Gerhart Hauptmann überzeugt, sein Drama zur Verfilmung freizugeben. Das Ansehen des neuen Mediums stieg enorm.

Ein Jahr später folgte „Anna Boleyn“, mit Emil Jannings als Partner. Ein Film, dessen Kunde bis nach Hollywood drang. Jannings wagte den Sprung nach Amerika – und kehrte mit dem ersten Oscar zurück. Henny Porten dagegen blieb und versuchte sich als Produzentin – anfangs erfolgreich, aber 1923 war die Firma pleite. Schon im folgenden Jahr gründete sie eine neue, ermutigt durch den neuen Erfolg als Schauspielerin in dem von Carl Froelich gedrehten Film „Mutter und Kind“. In den Jahren davor hatte sie fast als Kassengift gegolten. Mittlerweile war sie zum zweiten Mal verheiratet, mit dem Arzt Wilhelm von Kaufmann-Asser.

Noch manche Höhen und Tiefen der Karriere lagen vor ihr. Ihr Tonfilm-Debüt 1930, „Skandal um Eva“ unter G. W. Pabst bestand sie mit Bravour, doch zwei Jahre später stand sie als Produzentin wieder vor dem Konkurs – ausgerechnet mit ihrem Lieblingsprojekt „Luise, Königin von Preußen“. Der Film war den Rechten zu pazifistisch, den Linken zu militaristisch und kam nur stark gekürzt in den Verleih.

In der NS-Zeit wurde Henny Porten gedrängt, ihren jüdischen Ehemann zu verlassen, doch weigerte sie sich und erhielt teilweise nur noch kleine Rollen oder wurde ganz boykottiert. Nach Kriegsende lebte sie in Ratzeburg, wo ihr Mann ein Behelfskrankenhaus für Flüchtlinge einrichtete, spielte in Lübeck und Hamburg Theater – und wartete auf Filmrollen. Aus Westdeutschland kamen sie nur spärlich, also folgte Henny Porten 1953 einer Einladung der Defa und drehte in der DDR „Carola Lamberti“ und „Das Fräulein von Scuderi“, was ihr im Westen umgehend den Vorwurf einbrachte, sie sei übergelaufen. Zurück in Ratzeburg, wurde die wirtschaftliche Lage der Eheleute immer schwieriger. 1957 zogen sie nach West-Berlin, wo Kaufmann zwei Jahre später starb. Zuletzt lebte die Schauspielerin verarmt und ohne Engagements, wurde im Mai 1960 noch mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt und starb am 15. Oktober 1960 nach schwerer Krankheit. 25 Jahre später erklärte der Senat ihre Ruhestätte auf dem Kirchhof der Gedächtnis-Gemeinde am Fürstenbrunner Weg 69-79 in Charlottenburg zum Ehrengrab.

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