Zeitung Heute : Die Schuld der chinesisch-mongolischen Hamster

Frank Bachner

Wenn man es ganz genau nimmt, sind chinesisch-mongolische Hamster schuld. Dass Johann Mühlegg positiv auf das Dopingmittel Darepoetin getestet werden konnte. Dass das IOC gestern die positive A-Probe des dreimaligen Olympiasiegers im Skilanglauf, der für Spanien startet, bestätigte. Und dass die Winterspiele "vor dem größten Doping-Skandal ihrer Geschichte stehen" (Deutsche Presse-Agentur). Denn Darbepoetin wird aus den Eierstöcken der Hamster gewonnen. Allerdings nicht lange. Es ist erst seit 2001 auf dem Markt. Aber es wirkt wie das berühmte Epo, das sich vor allem Ausdauer-Sportler so gerne illegal spritzen. Darepoetin vermehrt die Zahl der roten Blutkörperchen, die Sportler können damit mehr Sauerstoff aufnehmen. In der Medizin wird es bei Nierenversagen und Blutarmut eingesetzt, im Sport als Dopingmittel. Dass es wie Epo wirkt, ist naheliegend: Es wurde ja extra als Epo-Nachfolgemittel entwickelt. Und es hat einen entscheidenden Vorteil: Es muss nur alle vier Tage gespritzt werden, Epo dagegen müssen sich Sportler jeden zweiten Tag injizieren. Nach rund einem Tag ist Darbepoetin nicht mehr nachweisbar.

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Newsticker: Aktuelle Nachrichten von den XIX. Winterspielen sowie weitere Sportmeldungen Mühlegg könnte es zum Verhängnis werden, dass er bei einer Trainingskontrolle, zwei Tage vor dem 50-Kilometer-Lauf am Sonnabend, getestet wurde. Wenn die B-Probe das Ergebnis bestätigt, muss er sich das Mittel einen Tag vorher gespritzt haben, die Wirkung hält vier Tage. Am Freitag wäre es schon nicht mehr nachweisbar gewesen.

Wenn Mühlegg wirklich gedopt war, liegt die Frage nahe, ob er das auch vor seinen Siegen über 30 Kilometer und der Verfolgung war. Nach diesen Wettkämpfen waren seine Proben negativ, aber das heißt nicht viel. "Nach einem Rennen wird ja stark kontrolliert, kurz davor spritzt sich niemand mehr, das wäre ja dumm", sagt Werner Franke, Zellbiologe und renommierter Doping-Experte. Also wäre alles auf eine Trainingskontrolle vor den Rennen angekommen. Aber da tauchte kein Dopingfahnder bei Mühlegg auf. Hatte Mühlegg vor diesen Rennen kein Darbepoetin im Blut? "Äußerst unwahrscheinlich", sagt Franke vorsichtig. Schließlich gibt es keinen Beweis. Deshalb wird Mühlegg seine Goldmedaillen über 30 km und in der Verfolgung wohl auch nicht verlieren.

Ist der Fall Mühlegg überhaupt ein Dopingfall? Darbepoetin steht nicht ausdrücklich auf der Dopingliste. "Selbstverständlich ist das ein Dopingfall", sagt Franke. "Im Regelwerk sind ausdrücklich Substanzen verboten, die wie Epo oder verwandte Substanzen wirken." Und das sei bei Darbepoetin selbstverständlich der Fall. "Eine dumme Diskussion", sagt Franke.

Epo kann erst seit 2000 nachgewiesen werden. Bis dahin hatten Blut-Doper einen Vorsprung, weil auch der Körper Epo produziert. Und niemand konnte das künstlich hergestellte Epo nachweisen. Das IOC verlangt allerdings einen Nachweis in Blut und Urin. "Eigentlich unnötig", sagt Franke. Es genüge, wenn im Blut künstliches Epo gefunden würde. Dann sei der Missbrauch auch belegt. Zumal es Methoden gebe, den Epo-Wert im Urin zu verschleiern.

Aber Mühlegg ist ja schon vor dem 50-Kilometer-Lauf aufgefallen. Tester hatten ihm kurz vor dem Start Blut abgezapft und einen Hämoglobinwert von mehr als 17,5 gemessen. Damit hatte er den Grenzwert überschritten. Ein erhöhter Wert könnte auf Epo-Missbrauch hindeuten. Und zu viel Epo verdickt das Blut, es drohen Thrombosen. Aber weil ein zu hoher Hämoglobinwert noch kein Beweis für Epo-Missbrauch ist, erhält ein ertappter Sportler nur eine so genannte Gesundheitssperre. Er darf nicht starten. Deshalb musste zum Beispiel auch die Russin Larissa Lasutina auf ihren Staffel-Einsatz verzichten.

Mühlegg durfte starten. Warum? Weil sein zweiter Blut-Wert, die Probe, die ihm anschließend nochmal genommen worden war, wieder unter 17,5 lag. Allerdings gibt es Ungereimtheiten. Mühlegg verkündete zwar, eine spezielle Diät habe den Wert nach oben getrieben, aber da winkt Patrick Schachmasch nur ab. "Absurd", sagt der Medizinische Direktor des Internationalen Olympischen Komitees (IOC). "Eine Diät beeinflusst den Hämoglobinwert nicht." Und dann lag zwischen dem ersten und dem zweiten Blut-Test mehr als eine Stunde. Erlaubt sind im Reglement aber nur fünf Minuten. "Ein Teamkollege von mir war auch bei der Kontrolle und hat berichtet, dass Mühlegg zwischen den Tests viel Wasser getrunken hat", sagte Michail Iwanow, der Olympiazweite über 50 km. Wasser trinken zwischen den Proben ist aber verboten. Aus gutem Grund: Es senkt den Hämoglobinwert.

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