Zeitung Heute : Die Schuld der Unschuldigen

Sie hat das SPD-Erdbeben ausgelöst. Jetzt spürt Andrea Nahles die Wucht der Verantwortung

Tissy Bruns

Fast scheint es, als wäre Andrea Nahles im Sommer 2005 ein kleines Stück gewachsen. Es ist leicht, sie in der Menge auszumachen, auf SPD-Versammlungen oder beim Juso-Bundeskongress. Wo Andrea Nahles ist, da sind die Kameras, die ihren Weg begleiten. Wenn sie kommt, bildet sich ein kleiner Auflauf, die Köpfe wenden sich in ihre Richtung. Nahles ist in diesem Sommer 35 Jahre alt geworden; die ehemalige Juso-Vorsitzende ist herausgewachsen aus dem politischen Jugendalter. Sie wird zur Hoffnung.

Denn die SPD steht vor schlechten Aussichten bei den vorzeitigen Neuwahlen, die der Bundeskanzler nach der Niederlage in Nordrhein-Westfalen angesetzt hat. Nahles fühlt, wie die Erwartungen wachsen, wie die Blicke auf die Jungen in der SPD sich schärfen. „Ich habe den Eindruck, wir werden neu vermessen“, sagt sie dem Tagesspiegel, „ich auch.“ In einer Partei mit der großen Tradition der SPD sei der Stabwechsel „eine sehr emotionale Sache“. Das ist im Juli.

Vier Monate später lodern die Gefühle in der SPD, und am heftigsten um Nahles. Der Stabwechsel zu den Jüngeren hat in einer Drei-Tage-Aktion stattgefunden. Ausgelöst hat ihn Nahles, die Parteilinke, die am letzten Montag im Parteivorstand eine Mehrheit für ihre Kandidatur als Generalsekretärin hinter sich bringt. „Ich trage hier eine Verantwortung“, sagt sie am Mittwochabend im Willy-BrandtHaus, „und für meinen Teil stehe ich auch gerade. Ich frage mich, ob ich den Schuss nicht gehört habe.“ Der Schuss, also die unmissverständliche Rücktrittswarnung Münteferings, haben am Montag im Parteivorstand fast alle überhört, die sie gewählt haben. Nahles sagt: „Ich werde mich nicht entschuldigen.“ Doch sie verzichtet auf die Kandidatur zur stellvertretenden Parteivorsitzenden, die der designierte Vorsitzende Matthias Platzeck ihr angetragen hat.

In der SPD sind Abschiede und Neuanfänge ohne Emotionen nicht möglich. Franz Müntefering hat der Partei gedient, sie hätte ihn noch gebraucht, er ist vor der Zeit gegangen und auf eine Weise, die beschämt. Was eben noch eine respektable Gruppe mit nachvollziehbaren Motiven war – die 23 im Parteivorstand, die lieber Nahles als Münteferings Kajo Wasserhövel wollten –, verwandelt sich durch Münteferings Rückzug in eine Meute verantwortungsloser Intriganten oder oppositionsverliebter Oppositioneller. Es rast die See, sie will ein Opfer: die „Königsmörderin“ Andrea Nahles. Aus dem Seeheimer-Flügel der SPD wird ihr grob geraten, zwei Jahre ganz stillzuhalten. In der „Bild“ schreibt Kolumnist Franz-Josef Wagner: „MünteMörderin, natürlich haben Sie danach nicht geweint.“ Seine Post an Nahles endet mit dem Satz: „Frau Nahles braucht einen Mann.“

Andrea Nahles wird nicht SPD-Vize, eine Stellvertreterin ist sie trotzdem. Denn sie spricht mit ihrem Verzicht für sich und alle anderen Beteiligten das „Mea culpa“, das die SPD einem wie Franz Müntefering schuldig ist. Danach kann die SPD vorwärts schauen. Die neue Spitze, darunter einige der 23, die am Montag gegen Müntefering gestimmt haben, gibt ja Anlass zur Hoffnung. Und Müntefering wird der Parteitag in Karlsruhe den Rücken stärken für seine Rolle als wichtigster Mann der SPD in der großen Koalition. Es sei eine selbstkritische Reinigung der Partei gewesen, urteilt Nahles am Tag danach.

Aber schon am Dienstag, unmittelbar nach Münteferings Rücktritt, ist nicht zu übersehen und zu überhören, dass sie die gewaltige Wucht der Schuldfragen gespürt hat, die sie absichtslos verursacht hat. Nahles bespricht sich mit Kurt Beck und Platzeck, sie stellt ihre Person hinter das Personaltableau, das der künftige Parteichef präsentieren muss. Als Platzeck mit dem Vorschlag ins SPD-Präsidium geht, steht sie unter vollem Beschuss des Seeheimer-Flügels. Die Diskussion im Parteivorstand macht ihr klar, dass ihr vor den Delegierten in Karlsruhe die Rolle droht, die Parteitage brauchen, um plötzliche Wechsel zu verarbeiten, die des Sündenbocks. Es ist klug, dass sie schon an diesem Abend verzichtet, und es trägt ihr Achtung ein. Franz Müntefering spricht ihr im Parteivorstand seinen Respekt aus.

Der scheidende Parteichef gehört zu ihren Förderern. Denn die Linke mit den wilden Locken, den entschiedenen Argumenten, dem lauten Lachen ist zwar höchst unbequem. Aber unübersehbar ist auch, dass die linke Nahles ein politisches Temperament hat, das im ohnehin schwachen Parteinachwuchs eine seltene Ausnahme ist. 1995 wird sie Juso-Chefin, „keine Marxologin“, stellt die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ fest, die sie später einmal als „linke Sirene“ tituliert. Sie, die als „Erwachsene“ zur führenden Parteilinken wird, lässt sich nicht festlegen im Strömungsraster der Jusos, trägt kein Anti-AKW-Abzeichen, sondern das Dreieck der „Trekkis“ und besucht als psychologische Beraterin „Deanna Troy“ deren Conventions. Sie bekennt sich als Genießerin von Kinderschokolade; das sieht man ihr auch an. Mit der Nebenwirkung, dass sie sich schon rein äußerlich dem Perfektionszwang für junge ehrgeizige Frauen verweigert, der einen definierten Body vorschreibt. Und den pseudo-sanften Kommunikationsmustern, die absolut nicht Nahles Sache sind. Sie ist keine, die das Vokabular von Verständnis und solidarischem Verhalten vortäuscht, um sich durchzusetzen. Sie sagt an, wenn sie sich durchsetzen will, und sucht Balance, wo sie das muss. Wenn man Nahles fragt, warum sie sich in dieser oder jener Situation im Parteipräsidium nicht auf die Seite der Linken geschlagen hat, kann man die freimütige Antwort erhalten: „Weil ich meine Deals schon gemacht hatte...“ Denn unverstellt bekennt sich Nahles zum Spaß an der Politik, der in ihrer Generation nicht sehr verbreitet ist. Vor allem aber ist sie die Maurerstochter aus der Eifel: Sozialdemokratin. Am Mittwochabend hat sie es mehr bewiesen als in allen bisherigen Ämtern.

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