Zeitung Heute : „Die Schuldfrage ist nachrangig“

Personalprofi rät zur Vorbeugung

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Auch im Bundesverband Deutscher Unternehmensberater (BDU) wird das Thema Mobbing „immer mal wieder“ behandelt. Jan Kuhnert, Vorsitzender der Fachgruppe Personalmanagement und hauptberuflich Geschäftsführer der IMAR Unternehmensberatungs GMbH in Leubsdorf bei Bonn, sieht durch das neue Artikel-Gesetz zum „Schmerzensgeld“-Paragrafen keinen Grund zur Aufregung. Konfliktmanagement gehöre „seit jeher zu den Aufgaben des Vorgesetzten“.

Herr Kuhnert, seit einer guten Woche schwebt ein zusätzliches Damoklesschwert über den Häuptern der Vorgesetzten.

Noch ist ja nicht geklärt, ob sich der Vorgesetzte selbst kümmern soll oder ob die Aufgabe an einen Beauftragten delegiert wird – wie etwa beim Umweltschutz oder der Arbeitssicherheit. In diesem Fall halte ich die Delegation an einen Beauftragten nicht für besonders schlagkräftig. Konfliktvermeidung muss jeder Vorgesetzte selbst in die Hand nehmen. Sie gehört zur Führungsaufgabe und wird immer wichtiger.

Weil zunehmend mehr Arbeitnehmer um ihren Arbeitsplatz bangen und deshalb aneinander geraten?

Im Moment liegen tatsächlich die Nerven blank – bei den Mitarbeitern wie bei den Vorgesetzen. Die Angst vorm Jobverlust und der enorme Leistungsdruck sind aber nur ein Aspekt. Es geht auch um Grundsätzliches. Mitarbeiter haben nun einmal nicht die Chance, sich ihre Kollegen auszusuchen. Und Personalentscheider setzen den Schwerpunkt bei der fachlichen und methodischen Kompetenz – nicht bei der sozialen. Wenn der Vorgesetzte dann einmal Arbeitsaufgaben vergibt, die nicht unbedingt dem formulierten Qualifikationsprofil des Mitarbeiters entsprechen . . .

. . . fühlt sich der Mitarbeiter gemobbt.

Möglicherweise ja, denn was Mobbing genau ist und wo wirkliches Mobben anfängt, ist ja sehr subjektiv. Es ist auch unklar, wann ein Versäumnis des Arbeitgebers eintritt und wie man den Schaden beziffert.

Dafür gibt es ein Urteil vom Landesarbeitsgericht Rheinland-Pfalz. . .

. . . das aber nur sagt, dass sich die Höhe des Schmerzensgeldes nicht am Monatseinkommen des Geschädigten orientiert, sondern am Gewicht der Handlungen und den Folgen – beispielsweise die Gesundheit. Für uns als Verband ist viel wichtiger: Wie können Führungskräfte geschult werden, Mobbingfälle frühzeitig zu erkennen? Und wie soll ein Vorgesetzter reagieren, wenn sich Mitarbeiter übereinander beschweren? Wer ist eigentlich Täter und wer ist Opfer?

Können Sie als Berater da helfen?

Uns geht es in erster Linie nicht um die Schuldfrage, die ist eher nachrangig. Es müssen Lösungsstrategien entwickelt werden. Durch Mobbing entsteht erheblicher Schaden – auch ohne Schadensersatzpflicht des Vorgesetzten dem Mitarbeiter gegenüber. Und: Was hat den ein Geschädigter von einem Schmerzensgeld? Das macht sein Leiden nicht ungeschehen. Besser ist es, alle Belegschaftsangehörigen miteinander lassen Schikanen gar nicht erst zu. rch

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