Zeitung Heute : Die Schuldzuweisung

IRGENDWIE, IRGENDWO, IRGENDWANN

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Eine Generation weiß nicht wohin – einer macht sich schon mal auf den Weg.

Von Matthias Kalle

Natürlich sind die Hunde schuld, dass ich Berlin verlasse.“ So einen Satz kann man ruhig mal öfter sagen – der kommt ja wahnsinnig gut an. Vor kurzem war ich in einer Bar in Mitte, dort traf ich ein Mädchen, das ich länger nicht gesehen hatte, und wir unterhielten uns über dieses und über jenes und irgendwann sagte das Mädchen: „Sag mal, stimmt es, dass du wegziehst aus Berlin?“ – „Ja“, antwortete ich und sie fragte: „Aber warum denn nur?“, und ich sagte: „Wegen der Hunde.“ Und dann sah mich dieses Mädchen, das eigentlich ziemlich schlau und erst recht ganz hübsch ist, so an, als ob ich an Obdachlose Suppe mit Scherben drin verteilen würde. „Aaaaaaaaaaach“, sagte sie mit diesem dämlichen, allwissend lang gezogenem „a“, „du magst wohl keine Hunde?“ – „Nein, ich hasse Hunde. Ich hasse Tiere im Allgemeinen und Hunde im Besonderen. Tiere esse ich, aber ich will zu den Viechern keine Beziehung aufbauen.“ Das Mädchen habe ich an diesem Abend nicht wieder gesehen, eigentlich will ich generell keine Beziehungen aufbauen.

Wer Tiere, also vor allem Hunde, nicht mag, der bleibt in Berlin alleine, der führt ein Leben in selbst gewählter Isolationshaft, denn Tiere nicht zu mögen, bedeutet automatisch, dass man auch keine kleinen Kinder mag. Jeder in Berlin mag kleine Kinder und Tiere, vor allem Hunde, und wer in Berlin kein kleines Kind hat, der hat einen Hund – in Kreuzberg leben nach Augenschätzung eh mehr Hunde als Menschen. Deshalb machen in Kreuzberg die Menschen auch das, was die Hunde wollen, nicht umgekehrt. Alles, was die Hunde machen, ist ihr Geschäft, und das machen sie überall, am liebsten auf den Bürgersteig. Ja, eigentlich verlasse ich die Stadt wegen der vollgeschissenen Bürgersteige.

Als ich nach Berlin zog, im August 2001, las ich den Roman „Herr Lehmann“. Er spielt in Kreuzberg, im ersten Kapitel muss sich die Hauptfigur gegen einen Hund zur Wehr setzen – es gelingt ihm bedingt, ich fühlte mit ihm.

Woher mein Hass kommt? Einmal, da war ich 14 oder 15, saß ich mit meinem Freund Nommi in einem kleinen Park. Es war Herbst und bereits, dunkel und im Schutze der Dunkelheit rauchten wir Zigaretten. Plötzlich raschelte etwas im Gebüsch und dann sprang bellend ein Schäferhund auf uns zu und in einer Reaktionsschnelle, die man wohl nur in der Jugend hat, kletterten wir auf einen Baum. Wir zitterten, während der Köter keine Anstalten machte, seine Beute zu verlassen: Er legte sich unter den Baum ins Gras und wartete auf uns. Zwei Stunden hockten wir auf einem Ast, die Zigaretten hatten wir in der Hektik verloren.

Ein Einzelfall. Hunde gelten in Minden als ausgestorben, es gibt sie nicht. Die wenigen Menschen, die in Minden einen Hund haben, gehen mit ihm in die Hundeschule und da muss der Hund über Bänke hüpfen, einen Ball wieder holen und auf Kommando „Sitz!“ machen. Der Mindener ist Ostwestfale und Ostwestfalen fallen nicht gerne auf, und deshalb sollen auch die paar Mindener Hunde wie Ostwestfalen erzogen werden.

Der Hund, der Nommi und mich zwei Stunden auf einem Baum gefangen hielt, war im Herzen ein Berliner.

Matthias Kalle verlässt Berlin und zieht zurück in seine Heimatstadt Minden. Darüber berichtet er Woche für Woche. Wer ihm schreiben will: Sonntag@Tagesspiegel.de

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