Zeitung Heute : Die Schwankstube bebt

HEIMATHAFEN NEUKÖLLN Die Rixdorfer Perlen retten den Kiez in der musikalischen Revue „Zum Feuchten Eck an der Sonnenallee“.

PATRICK WILDERMANN

Die Rixdorfer Perlen stehen vor ihrer größten Bewährungsprobe. Hinter Bardame Marianne, Freudenmädchen Jule und Putzfrau Miezeken liegen ungezählte Neuköllner Nächte des sangesfreudigen, schnapsseligen und schnodderphilosophischen Großreinemachens. Etliche Kämpfe gegen die Zumutungen der Moderne haben sie an der Theke ausgefochten, und bislang ließ sich noch jedes Übel mit Mampe und Mundart besiegen. Aber das könnte sich jetzt ändern. Die Schauspielerinnen Inka Löwendorf, Johanna Morsch und Britta Steffenhagen sprechen mit angemessen ernstem Blick von der „ersten echten Bedrohung des Paradieses“. Ein „Schweinebacken-Investor“ (O-Ton Steffenhagen) plant, Mariannes Traditionspinte „Zum Feuchten Eck“ an der Sonnenallee zu übernehmen. Mit einem Gastrokonzept, das so ausgefuchst ist, dass es an dieser Stelle nicht verraten werden darf. Die Nachahmergefahr wäre zu groß. Die Absichten des Mannes verstoßen jedenfalls gegen das Perlen-Credo, wonach der Alkoholgenuss die soziale Wärme anzufachen habe und als „gruppendynamische Veranstaltung“ zu zelebrieren sei, wie Löwendorf betont. Der Investor sieht den Fusel einzig als Mittel zur Profitmaximierung. Und so droht eines der letzten Urberliner Bollwerke gegen die umgreifende Gentrifizierung zu fallen. Die Schankstube sei am Ende nicht mehr das, was sie vorher war, stellt Morsch vielsagend in Aussicht.

Am Heimathafen Neukölln brechen neue Zeiten an. Wofür am deutlichsten spricht, dass die Rixdorfer Perlen sich diesmal sogar Männer auf die Bühne holen. Mit von der Partie ist zum Beispiel der Musiker und Schauspieler PR Kantate, der den Spross eines Getränkehändlers spielt. „Männer im Zuschauerraum haben immer so viel Angst davor, von uns angesprochen zu werden, dass wir dachten, wir nehmen mal solche, die damit umgehen können“, erklärt Löwendorf den pragmatischen Ansatz. Soll aber keiner denken, dass den Männern (im Fachjargon: „Menschen ohne Menstruationshintergrund“) die Beschützerrolle zufiele. Es sind fast sämtlich Säue, mit denen die Perlen zu tun bekommen. Mieze ist etwa von dem Putzmittelhersteller der Firma „Wix und weg“ geschwängert worden, und wie der Name, „so das Verhalten nach der Zeugung“, sagt Morsch. Um der Rolle mehr Glaubwürdigkeit zu verleihen, ist sie tatsächlich schwanger geworden. „Voller körperlicher Einsatz, damit keine Show der anderen gleicht“, lobt Kollegin Löwendorf.

„Zum Feuchten Eck an der Sonnenallee“ heißt das jüngste Abenteuer um die drei beherzten Kodderschnauzen, es ist ihr achtes, wie in der Runde nach reiflichem Nachrechnen festgestellt wird. Regisseurin Julia von Schacky und ihre Schauspielerinnen, die gemeinsam auch Autorinnen der Perlen-Saga sind, nehmen mit dieser musikalisch befeuerten Stammkneipenrevue schärfer denn je die Neuköllner Realitäten in den Blick. Nicht als Verfechterinnen des Ewiggestrigen, bewahre. Dass längst die Künstler und Touristen den vormals prekären Kiez als hip entdeckt haben, halten die Heimathafen-Betreiberinnen nicht per se für eine katastrophale Entwicklung. Auch Perlen-Wirtin Marianne, erzählt Steffenhagen, sei offen für den Nachwuchs. Die habe im „Feuchten Eck“ nicht nur einen Artist in Residence (Stammpianist Felix Raffel), sondern hänge auch mit Ketchup gemalte Avantgardekunst junger Zugezogener auf.

Nein, wogegen die drei mit den Mitteln ihrer Niedriglöhner-Figuren kämpfen, ist der entseelte Kommerz. Vor dem gelte es Orte wie das „Feuchte Eck“ zu verteidigen, als letzte klassenlose Räume. „Hier ist es egal, wie viel man verdient oder was man anhat. Wichtig ist nur, wie viele Schnäpperken einer verträgt“, malt Steffenhagen das Utopia aus. Ein solcher Ort ist natürlich auch der Heimathafen, als erklärtes Volkstheater ein Bollwerk eigener Art gegen die Gentrifizierung. In den Saalbau, so Löwendorf, „hätte ja auch eine Großraumpizzeria kommen können.“ PATRICK WILDERMANN

Premiere 17.1., 20 Uhr

Weitere Vorstellungen 18., 25., 26. und 31.1., jeweils 20 Uhr

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