Zeitung Heute : Die Schwarzmarktklinik

Freiburg galt als Aushängeschild der Sportmedizin. Nun ist der Mythos entzaubert

Andreas Strepenick[Freiburg]

Es war im Jahr 1991. Da beschloss die Deutsche Telekom, einen Radrennstall zu sponsern. Sie brauchte dafür Sportmediziner. Da besann sie sich darauf, dass in Freiburg eine Universitätsklinik steht, die einen glänzenden Ruf genoss bei der Betreuung von Athleten. Hier steht die Wiege der Sportmedizin, 1924 wurde in Freiburg das erste sportmedizinische Institut der Welt gegründet. Die Lehrlinge der sogenannten Freiburger Schule besetzen heute in Deutschland sportmedizinische Schlüsselstellungen. Und sein langjähriger Leiter, Joseph Keul, galt stets als Koryphäe in seinem Fach. Über Jahrzehnte begleitete er deutsche Athleten zu Olympischen Spielen. Er genoss Ansehen in den höchsten politischen Kreisen.

Schon früh allerdings begannen hässliche Gerüchte das schöne Bild zu trüben. In Freiburg, hieß es hinter vorgehaltener Hand schon vor 30 Jahren, werde mehr angeboten als nur die offizielle medizinische Betreuung. Mehr als nur Leistungsdiagnostik und schnelle Hilfe bei gesundheitlichen Beschwerden. „Freiburg war bekannt dafür, das komplette Spektrum anzubieten“, sagt ein Kenner der Szene. Er meint jene Schattenwelt, von deren Existenz Experten wie der Heidelberger Professor Werner Franke seit Jahrzehnten ausgehen. Keuls Abteilung, sagt Franke, habe ebenso wie die Sporttraumatologische Spezialambulanz im Freiburger Mooswald unter ihrem langjährigen Leiter Professor Armin Klümper „zweifellos eine zentrale Rolle“ in der Geschichte des Dopings gespielt – was der Beschuldigte stets weit von sich wies. Und ein ehemaliger Sportreporter aus Ostdeutschland sagt: „Wenn du damals in der DDR unsere Leute gefragt hast, wer eigentlich im Westen mit Doping zu tun hat, dann fiel häufig zuerst der Name Keul.“ Ein Freiburger Arzt erklärt dagegen, Keul sei noch der Harmlosere der beiden gewesen: „Der Klümper hat es viel schlimmer getrieben als der Keul.“ Aber was genau wurde getrieben? Und wie will man es heute noch beweisen? „Es wurde sorgfältig darauf geachtet, keine schriftlichen Unterlagen in dieser Angelegenheit zu hinterlassen“, sagt der Insider.

Die beiden nun in Verdacht stehenden Ärzte Andreas Schmid und Lothar Heinrich nahmen Anfang der 90er Jahre für das Team Telekom ihre Arbeit auf. Sie waren jung, und sie waren ehrgeizig. Vieles spricht dafür, dass Schmid sich anfänglich dagegen gewehrt hat, die Radrennfahrer zu dopen. Aussagen in der Enthüllungsgeschichte des ehemaligen Telekom-Masseurs Jef d’Hont deuten darauf hin. Schmid hat dann aber doch mitgemacht. Er legte am Mittwochabend ebenso wie sein Kollege Lothar Heinrich ein Teilgeständnis ab. Dieses Geständnis lässt noch viele Fragen offen. Über anderthalb Jahrzehnte hinweg hatten Schmid und Heinrich behauptet, mit Doping nichts zu tun zu haben. Anderthalb Jahrzehnte logen sie.

Und wer log noch? Professor Joseph Keul starb im Jahr 2000. Auch er hatte immer wieder erklärt, mit Doping nichts zu tun zu haben. Eine Enthüllungsgeschichte des „Spiegel“ vor acht Jahren schmetterte er zusammen mit Tour-de-France-Sieger Jan Ullrich mit großem juristischen Aufwand ab. Keul trug einen letzten Sieg davon. Nun aber scheint es doch sehr wahrscheinlich, dass der Professor, nach dem der Konferenzraum im Olympiastützpunkt Freiburg-Schwarzwald benannt ist, sehr genau wusste, was Schmid und Heinrich taten. Vielleicht hat er es sogar angeordnet und überwacht. „Sie glauben doch nicht im Ernst, dass Schmid und Heinrich ein Dopingprogramm in Freiburg entwickelten, ohne dass ihr direkter Vorgesetzter davon wusste“, sagt der Insider.

Matthias Brandis, der Leitende Ärztliche Direktor der Freiburger Universitätsklinik, berichtete, Keul habe mit der Telekom seinerzeit einen Privatvertrag abgeschlossen. Das Geld sei nicht über die Universitätsverwaltung, sondern direkt über Keul geflossen. Rechtlich sei das höchst fragwürdig, wenn nicht gar unzulässig gewesen, sagt Brandis. Nach Keuls Tod habe daher Interimsnachfolger Professor Aloys Berg sämtliche Verträge für betreute Sportler und Sportarten umschreiben und auf eine rechtlich einwandfreie Grundlage stellen müssen. Dass der Name Keul bis heute kaum eine Rolle spielt in der öffentlichen Debatte, verbittert einen der damals Beteiligten: „Es kann doch nicht sein, dass die beiden kleinen Assistenzärzte von damals nun am Pranger stehen, der damalige Chef aber wieder ungeschoren davonkommt.“

Was bei der Sportmedizin in Freiburg genau geschehen ist, soll nun eine unabhängige Kommission untersuchen.

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