Zeitung Heute : Die schwere Prüfung der Geduld

ROBERT BIRNBAUM

Seitdem Schlachten nicht mehr mit dem Ziel geschlagen werden, den Gegner zu vernichten, gerät jeder Krieg irgendwann in eine Grauzone.Der Kosovo-Krieg hat diese Zone erreicht.Beide Seiten haben einander zugesetzt.Aber weder hat eine gewonnen noch die andere verloren.Beide könnten so weitermachen wie bisher.Aber Milosevic kann nicht sicher sein, daß ihn die Nato nicht doch noch besiegt.Die Nato kann nicht sicher sein, daß ihr nicht die eigenen Bürger von der Fahne gehen.Zu einem solchen Zeitpunkt schlägt gemeinhin die Stunde der Diplomatie.

Das also ist die Stunde der Vermittler Ahtisaari, Talbott und Tschernomyrdin.Die Bundesregierung hat diesen Eindruck kräftig befördert.Von Hoffnungszeichen ist die Rede.Außenminister Fischer hat gar die Schicksalsstunde beschworen: Wenn sich in den nächsten Tagen nichts zum Frieden wende, laute die Alternative Eskalation.Nun darf man das zu einem gewissen Teil auf das Konto der Parteipolitik buchen.Fischer, aber auch Kanzler Schröder wissen: In ihren Parteien gärt es.Jedes plausibel klingende Angebot aus Belgrad vergrößert die Zahl derer, die eine Feuerpause fordern.Darum erklärt Fischer Ahtisaaris und Tschernomyrdins erste gemeinsame Reise nach Belgrad zu einer Art virtueller Feuerpause: einem Test dafür, ob Belgrad ernsthaft einlenkt.Besteht Milosevic den Test nicht, verliert ein Bombenstopp seine Plausibilität - jedenfalls dann, wenn man ihn als Instrument zur Erleichterung einer politischen Lösung versteht und nicht "Feuerpause" sagt, aber "Schluß mit diesem Krieg" meint.

Dies ist die eine, die innenpolitische Seite.Andererseits belegt der Vorschlag, mit dem die Vermittler nach Belgrad reisten, daß die Dinge in Bewegung gekommen sind.Es ist eine Bewegung der Vermittler aufeinander zu: Die Vorstellungen Rußlands, der Europäer und der USA über einen Zeitplan und die Bedingungen für die Rückführung der Flüchtlinge sind so dicht beieinander, daß Milosevic nicht mehr darauf bauen kann, als der lachende Vierte dem Streit der Vermittler zuzuhören.Dieser Konsens ist die Bedingung dafür, daß Ahtisaari in Belgrad mit Härte auftreten kann.

Zugleich könnte die Einigkeit der Vermittler das zentrale Problem lösen, das noch stets aufkommt, wenn Schlachten nicht mit dem Ziel der Vernichtung geschlagen werden.Rußland will es Milosevic ermöglichen, sein Gesicht zu wahren.Nicht, weil Moskau dieses Gesicht besonders attraktiv findet.Sondern weil die russische Führung ihrerseits nach innen wie nach außen nur ihr Gesicht wahren kann, wenn sie nicht zum bloßen Erfüllungsgehilfen eines Nato-Siegfriedens wird.Man mag den Gedanken allemal moralisch unerträglich finden, daß ein gesuchter Kriegsverbrecher mit heiler Haut davonkommt.Aber wie sonst sollte es gehen, solange niemand ernsthaft vorhat, in das Kosovo, gar nach Belgrad einzumarschieren?

Die Stunde der Diplomatie, sie scheint wirklich gekommen zu sein.Vielleicht sind dies die entscheidenden Tage.Vielleicht kommt auch Milosevic zu dem Schluß, daß er mehr als das, was ihm der Finne und der Russe präsentieren, auf keinen Fall bekommen kann.Vielleicht ist die neue Formel der Vermittler geeignet, die Differenzen über Kommando und Struktur einer Friedenstruppe zu überbrücken.Nur darf man sich einer Hoffnung nicht hingeben: daß es unmittelbar nach dem Besuch der Vermittler zu einem Frieden kommt - oder auch nur zu einer Feuerpause.Der Krieg wird erst noch weitergehen, denn Diplomatie braucht immer auch Zeit.Die vielleicht größte Bewährungsprobe für den Westen ist nun eine Geduldsprobe.

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