Zeitung Heute : Die Schwerpunkte sind falsch gesetzt Achim  Rieger ist Allgemeinmediziner und hat in Berlin eine Hausarztpraxis.

Er beklagt, dass Krankenkassen für Palliativmedizin zu wenig Geld übrig haben.

Achim Rieger hat als Palliativmediziner keine Angst vor den letzten Dingen des Lebens. Aber die zukünfitige Betreuungssituation für demente Menschen fürchtet er. Foto: Paul Zinken
Achim Rieger hat als Palliativmediziner keine Angst vor den letzten Dingen des Lebens. Aber die zukünfitige Betreuungssituation...

Sterbenskranke werden in Deutschland oft zwischen Kurzzeitpflegestationen, ihrem Zuhause und Krankenhäusern hin- und hergeschoben. Was muss passieren, damit sich Leben in Würde vollendet?

Wir benötigen in Deutschland gut funktionierende Strukturen zur Versorgung Schwerstkranker und Sterbender. Dabei müssen sich diese spezialisierten Anbieter im stationären und ambulanten Bereich gut ergänzen. Eine Krankenhauseinweisung sollte erst dann erfolgen, wenn es zu Hause absolut nicht mehr geht, z. B., wenn die Angehörigen überfordert sind. Mit der sogenannten spezialisierten ambulanten Palliativversorgung wurde bereits ein Meilenstein auf diesem Weg geschaffen. Weitere müssen aber nun folgen. Neben einer fundierten palliativmedizinischen Weiterbildung benötigen wir auch eine bestimmte Haltung gegenüber Sterbenden und ihren Angehörigen.

Welche strukturell bedingten Defizite bei der Basisversorgung multimorbider Menschen sind unbedingt anzuprangern?

Zunächst einmal benötigen wir mehr und besser ausgebildetes Personal in den Pflegeheimen. So lange der Beruf der Altenpflegerin/des Altenpflegers so schlecht bezahlt und angesehen ist, brauchen wir uns nicht zu wundern, dass Pflegekräfte bald nur noch vorübergehend aus dem Ausland angeworben werden können. Auch kann es nicht sein, dass eine Pflegekraft für 20 und mehr Patienten zuständig ist. Von einer palliativpflegerischen Zusatzqualifikation ganz zu schweigen. Auch die ärztliche Versorgung muss unbedingt attraktiver werden. Das System der Fallpauschalen, z. B. 37,- Euro pro Patient im Quartal, führt sich hier ad absurdum: je häufiger der multimorbide Patient vom Arzt gesehen wird, desto größer wird das wirtschaftliche Problem. Auch und gerade für die vielen Alten ist eine Basisqualifikation der Haus- und Heimärzte in Palliativmedizin sinnvoll. Die sogenannte allgemeine ambulante Palliativmedizin (AAPV) sieht dies eigentlich so vor, wird aber bisher nicht von den Krankenkassen finanziert.

Kliniken sparen gerne Morphin und andere Mittel ein, weil dies die Etats belastet. Wie groß sind Ihre finanziellen Spielräume – die Spielräume eines Hausarztes?

Bei starken Schmerzmitteln gibt es eigentlich keine Einschränkungen. In der Regel werden Opiate als Praxisbesonderheit aus dem Budget herausgenommen. Dabei gilt natürlich das Wirtschaftlichkeitsgebot. Ich kann nicht ausschließlich die teuersten Schmerzmittel verordnen, sondern schaue, ob eine gute Schmerzlinderung auch mit preislich günstigen Mitteln möglich ist, was auch meistens geht. Anders sieht es mit anderen Therapien aus: allein eine künstliche Ernährung über die Vene bei nur einem Patienten kann ein hausärztliches Budget völlig sprengen. Kommen dann noch gehäufte Verordnungen für unterstützende Physiotherapie, Lymphdrainagen oder Atemtherapie hinzu, ist eine Regressforderung fast schon vorprogrammiert. Hier muss es unbedingt möglich sein, dass eine Palliativbehandlung durch Hausärzte als ganze Leistung nicht dem Budget zugeschlagen wird, so wie es jetzt auch für Verordnungen im Rahmen der SAPV funktioniert.

Welchen weiteren Verlauf nimmt in Ihrer Praxis das Gespräch mit einem Patienten, der mit Ihrer Hilfe „erlöst werden“ will?

Das respektiere ich zunächst einmal. Ich möchte herausfinden, wovon der Mensch erlöst werden will: sind es quälende Schmerzen, quälende Sorgen, quälende Ängste vor dem, was kommen könnte? Oft scheint das Warten auf den Tod sinnlos. Ich bin ein spiritueller Mensch und sehe auch im Prozess des Sterbens ein großes Potenzial, wichtige Erfahrungen zu machen, erlebe häufig, wie Menschen in dieser Phase wachsen können. Um dies zu ermöglichen biete ich ihnen an, mit all meinem Wissen und meiner Erfahrung dafür Sorge zu tragen, dass sie von schweren körperlichen Symptomen verschont werden. Sehr selten bleibt der Wunsch bestehen, das Leben unter diesen Vorzeichen früher zu beenden.

Wenn Angehörige an Demenz erkranken, ist die Not besonders groß. Die Familie ist mit der Pflege schnell am Rande ihrer Kräfte und überfordert.
Wie können Demente ohne hohe Renten und Rücklagen bis zum letzten Atemzug so gepflegt werden, wie sie es verdienen?

Wenn ich auf diese Frage eine seriöse Antwort hätte, würde ich morgen in den Expertenrat des Gesundheitsministers aufgenommen werden! Die geschilderte Situation gehört zu den größten Herausforderungen für unser Gesundheitssystem in den kommenden Jahren. Mehrere Millionen demente Menschen müssen in geeigneten Strukturen menschenwürdig versorgt werden. Es führt kein Weg daran vorbei, dass wir eine Umbewertung der Schwerpunkte in der Ausgabenverteilung der Krankenkassen brauchen. Nicht mit neuen Honorarforderungen der Leistungserbringer oder mit bunten Broschüren und riesigen Rücklagen der Krankenkassen können wir dieses Problem lösen.

Ärzte sind oft sprachlos, wenn Sie Angehörigen oder Patienten sagen müssen, dass das Lebensende nicht nur theoretisch bevorsteht. Sie auch?

Ich hoffe nicht, dass ich so gesehen werde. Jedoch sollte man sich auch vor Allgemeinplätzen und Sprechblasen hüten. Wichtig ist die Wahrnehmung des Gegenübers: Womit überfordere ich vielleicht? Bin ich verständlich? Lasse ich genügend Zeit, das Unfassbare zu erfassen? Ein Moment des Schweigens kann manchmal auch sehr tröstlich sein.

Das Interview führte Reinhart Bünger.

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