Zeitung Heute : "Die Schwester": Gott ist von dir entsetzt, Maria

Meike Fessmann

Es ist bei Büchern nicht anders als bei Menschen. Während die einen sich ständig erklären - und gerade dadurch des Interesses verlustig gehen, das sie hervorzurufen suchen -, wahren die anderen ihr Geheimnis selbst dann noch, wenn sie sich preisgeben. Malgorzata Saramonowiczs Roman "Die Schwester" gehört zur Gattung jener Bücher, die beim Leser den dringlichen Wunsch hervorrufen, sie bis auf den letzten Buchstaben zu entziffern und die dennoch verschlossen bleiben. Am Ende liegen die Karten offen auf dem Tisch, und dennoch ist das Geheimnis stark genug, um weiter auszustrahlen.

Die 1964 in Warschau geborene Autorin nennt ihren Gewährsmann mitsamt den Einflüssen und Traditionslinien, die sein Werk durchkreuzen. Ihr Romandebüt, das bei seinem Erscheinen vor vier Jahren in Polen ("Siostra") begeisterte Aufnahme fand, ist eine ebenso kluge wie souveräne KafkaParaphrase: eine Entgegnung auf Gregor Samsas Inzestwunsch. Dabei ist der Roman ohne Tendenz, er bezieht nicht von vornherein eine feministische Gegenposition - und kommt gerade damit sehr weit. "Die Schwester" paktiert mit dem Feind, macht sich sein Innenleben, seine Phantasmen zu eigen. Und so wird aus dem kleinen, gleichermaßen karg wie kraftvoll erzählten Roman eine beeindruckende Meditation über den sich mit jeder Kindheit erneuernden Ursprungsmythos unserer Kultur: über Gott, den Vater, der zürnt und verzeiht, wie es ihm passt.

Wer je einem Kind aus der Bibel vorgelesen hat, weiß, worum es geht. Unweigerlich gerät man in Erklärungsnot: Warum befiehlt Gott Abraham, seinen Sohn Isaak zu opfern? Warum hätte Abraham den Sohn getötet, wenn ihn Gott, angesichts der Bereitschaft zum Gehorsam, nicht im letzten Moment davon abgehalten hätte? Liebt Abraham seinen Sohn weniger als Gott? Warum verschmäht Gott das Opfer Kains, während er das von Abel anerkennt - um so auf ewig den Bruderzwist zu nähren und Kain zum Mörder zu machen? Und warum lässt er Adam und Eva den Sündenfall begehen, wo es ihm doch ein Leichtes gewesen wäre, die Einflüsterungen der Schlange zu unterbinden?

Eben da setzt der Roman an und beginnt mit einem Rätsel. Scheinbar grundlos ist eine junge Frau ins Koma gefallen. Die Ärzte vermuten, die Mitteilung ihrer Schwangerschaft müsse ein großer Schock gewesen sein. Nur eine überwältigende Angst könne diese spezielle Form der katatonischen Schizophrenie auslösen. Doch Jakub, Marias Mann, will das nicht glauben. Schließlich hat sich Maria seit zwei Jahren vergeblich ein Kind gewünscht. Warum also sollte die Erfüllung des Wunsches zu einem "Totstellreflex" führen, wie das "halsbrecherische deutsche Wort" dafür heißt?

Bald wird klar, dass Jakub nicht allzu viel über seine Frau weiß. Dass sie sich manchmal seltsam verhielt, war ihm weder Anlass zur Sorge noch zur Nachfrage. "Natürlich war nicht alles ideal, aber er hatte gedacht, Maria hätte wie jede Frau zuweilen schlicht merkwürdige Launen und sei schwermütig. Schwermut ist noch keine Krankheit." Zwar bringt es die Situation mit sich, dass er zum ersten Mal ernsthaft über sie nachdenkt, doch sein Interesse entspringt eher einer Art Forscherdrang als dem Versuch, seine Frau wirklich zu verstehen. Jakub ist Philosoph, ein Anhänger des logischen Positivismus. Mit großem Eifer beginnt er über seine Frau zu forschen, stellt Thesen auf und verwirft sie, sobald Widersprüche auftreten.

Und tatsächlich: die Familiengeschichte weist einige Merkwürdigkeiten auf. Da ist die starke Bindung an den Vater, einen renommierten Arzt, der oft monatelang auf Vortragsreise war. Jakub findet alte Briefe Marias, in denen das kleine Mädchen den Vater anfleht, bald zurückzukehren. Als Sechsjährige war Maria schon einmal ins Koma gefallen. Zwei Monate später erwachte sie ohne sichtbaren Grund.

Jakub verstrickt sich in der Biografie Marias und kommt doch keinen Schritt weiter. Inzest mit dem Vater? Zuviel spricht dagegen. Immer deutlicher enthüllen seine Recherchen, dass Maria ein Doppelleben geführt hat. Ihre Doktorarbeit über Casanova und Cagliostro hatte sie offenbar seit längerer Zeit aufgegeben. Statt dessen findet er im Speicher ihres Instituts-Rechners Notizen und Exzerpte zu einem ganz anderen Thema: "Insektenmotive in Literatur und Kunst". Statt Verführung und Abenteuer ekliges Gewürm? Dem Gatten wird es zu Recht unheimlich, für den Leser dagegen kommt die Enthüllung nicht unerwartet.

Der Roman ist virtuos komponiert als schrilles Zusammenspiel dreier Stimmen. Da ist die brave Erzählerstimme, die Jakubs Erkundungen wiedergibt und den Leser mit den nötigen Informationen versorgt. Da ist die innere Stimme der komatösen Maria. Angstvoll kreisend, abgehackt und dann wieder in zärtlicher Zwiesprache mit dem ungeborenen Kind: eine delirierende Prosa auf höchstem Niveau. Und da ist drittens ein bösartiges Zischen, ein Umgarnen, Drohen, Bedrängen, Schuldzuweisen: als wäre die Schlange aus dem Paradies entwichen und vergnüge sich nun, hoch aufgerichtet als Rettung versprechender Schwarzer Ritter, am hilflosen Körper der im Koma erstarrten Maria.

Man schadet dem Roman nicht, wenn man des Rätsels Lösung preisgibt. Denn sein Geheimnis ist ein literarisches und beruht auf seiner Sprache (und nicht auf dem Plot wie beim Krimi). Es war der Bruder, der das Mädchen jahrelang missbraucht hat, mit Billigung, vielleicht sogar unter Anleitung der Mutter. In Kafkas "Verwandlung" und in den "Zimtläden" des 1942 von der Gestapo ermordeten galizischen Schriftstellers (und Kafka-Übersetzers) Bruno Schulz entdeckte Maria nach jahrelangem Schweigen die Symbolwelt, mit der sich die Verwundung artikulieren ließ. Von da an gab es kein Halten mehr. Was Jakub im Rechner seiner Frau findet, sind keine wissenschaftlichen Texte, sondern dem Wahnsinn nahe Exerzitien einer Teufelsaustreibung. Der Kakerlak wird zum Sinnbild dessen, was sich logisch nicht auflösen läßt: der Verbindung menschlicher Sexualität mit Scham, Schuld und Gewalt. Von Anbeginn an, im Angesicht Gottes.

Es ist kein Zufall - und sagt einiges über die Literatur dieses Landes aus -, dass "Die Schwester" aus der Feder einer polnischen Autorin stammt. Der Roman bewegt sich, von Ursula Kiermeier hervorragend übersetzt, traumwandlerisch sicher in einer literarischen Tradition und benützt den Katholizimus als eine Art Hintergrundfolie. Das religiöse Dogma wird niemals zum Thema - keine Ausfälle, wie sie für die Literatur österreichischer Autoren charakteristisch sind - und doch entsteht daraus eine Kritik, die nicht nur den jüdisch-christlichen Glauben trifft, sondern die abendländische Kultur. Ihr Phallologozentrismus, wie man das hierzulande nennt, wurde selten literarisch so einleuchtend dargestellt.

Maria versucht die Geburt ihres Kindes zu verhindern, indem sie sich, gemeinsam mit ihm, ins Nichts zurückzieht. Denn das Nichts ist in ihren Augen besser als eine Existenz, in der die Erbsünde von Generation zu Generation weitergereicht wird. Während Jakub den Rat der Ärzte zur medizinisch legitimierten Abtreibung ausschlägt, spricht die Stimme des Kakerlaken-Bruders jenen Text, mit denen religiöse Fanatiker abtreibende Frauen zu traktieren pflegen: "Aber du, Schwester, du bist ein Nichts. Du bist Dreck, Abfall, ein unflätiges Aas, das man nur beiseitetreten kann. Du bist eine entartete Mutter, die ihr eigenes Kind von sich stößt. Gott ist von deiner Grausamkeit entsetzt. Du bist schuldig, Schwester. Wir verurteilen dich zur ewigen Wiederholung, zur ewigen Berührung, zur ewigen Penetration."

Malgorzata Saramonowicz ist mit ihrem Debüt ein kleines Wunder gelungen, eine zugleich dezente und wortgewaltige Meditation über eine Kultur, in der das Opfer immer Opfer bleibt: als Objekt des Begehrens, des Erkenntnisdrangs und der Gewalt.

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