Zeitung Heute : Die Seele der Anderen

Wer sich in der DDR zu Sigmund Freud bekannte, riskierte seine Karriere. Doch 1956, zum 100. Geburtstag, schien eine Wende möglich. Die Hoffnung trog. Das hatte dramatische Folgen für die Psychotherapie in Ostdeutschland.

Heike Bernhardt

Eine „Hadesfahrt in die Abgründe der Seele“ verspricht der Titel, im Text geht es in den „Keller menschlichen Daseins“, geladen „mit Dynamit“ – so schreibt der Ostberliner Hans Kudszus am 6. Mai 1956 zu Ehren von Sigmund Freud und feiert darin den Vater der Psychoanalyse als einen, der „etwas vom Philosophen in sich hat, der den Salto mortale der Imagination über die Grenzbäume des kontrollierbaren Intellekts riskiert.“ Kudszus ist freier Schriftsteller, Außenseiter, Philosoph ohne Universitätsabschluss. Unter den Artikeln zu Freuds Hundertstem, die in Berlin erscheinen, ist sein Beitrag der wohl leidenschaftlichste. Abgedruckt wird er in West-Berlin, im Tagesspiegel.

Die Überschriften im Osten Berlins fallen verhaltener aus. Im „Sonntag“ schreibt Alexander Mette einen Artikel „Sigmund Freud – Leben und Werk“. Mette ist zu dieser Zeit Professor für Psychotherapie an der Humboldt-Universität. Die Zeitschrift „Neue Deutsche Literatur“ bringt „Die Natur des Menschen und Sigmund Freud“ von Arnold Zweig, dazu ein Text von Freud: „Das Motiv der Kästchenwahl“. Zweig, der große deutsche Schriftsteller des Ersten Weltkrieges, ist der wohl prominenteste Verfechter der Psychoanalyse in der DDR. Die Veröffentlichungen zu Freud mögen zahm klingen, 1956 in der DDR sind sie eine Überraschung. Es ist, als ob sich ein Kurswechsel ankündigt, denn Freud war von Stalin wissenschaftlich für tot erklärt worden.

Das Verdikt ist eindeutig: „Eine antihumanistische, barbarische Ideologie“ sei die Psychoanalyse, „denn sie macht die tierischen Triebe zur Grundlage der menschlichen Psychologie und verleugnet die Beherrschung des Tierischen durch die Kraft des menschlichen Bewusstseins.“ Höhepunkt der Psychoanalysefeindlichkeit ist eine groß angelegte Pawlow-Tagung im Januar 1953 in Leipzig. Zwar ist der russische Mediziner und Nobelpreisträger des Jahres 1904 da auch schon 17 Jahre tot. Aber auf der Tagung wird Pawlows Lehre von den bedingten Reflexen zum Dogma für die Psychotherapie erhoben und Freud endgültig beerdigt. Alexander Mette hat in Leipzig als Einziger den Mut, sich als ehemaliger Psychoanalytiker zu outen. Er schwört der Psychoanalyse ab und behauptet „heute vor einem Nichts“ zu stehen. Der Bekennermut sollte sich auszahlen. Mette wurde noch 1949 eine Professur verweigert, weil er als Anhänger der Psychoanalyse galt. 1954 erhält er die Psychotherapieprofessur an der Humboldt-Universität als „einer der hervorragendsten Vertreter der Pawlowschen Lehre in Deutschland.“

Zweig widersteht im Fall Freud allen stalinistischen Anfeindungen. Unter der Nr. 1029 im Arnold-Zweig-Archiv der Akademie der Künste findet sich heute noch ein „Briefumschlag mit einer von S. Freud stammenden roten Rose.“ Die Rose hat 40 Jahre DDR überwintert – auch wenn das Rot längst welk ist, die Blüte bröckelt. Freud hatte sie Zweigs Frau beim letzten Besuch 1937 in Wien geschenkt.

Die Veröffentlichungen zu Freuds 100. Geburtstag in der DDR wurden möglich, weil dieser in die Zeit des 20. Parteitages der KPdSU fällt. Nikita Chruschtschow, Generalsekretär der KPdSU, macht im Februar 1956 Hoffnung auf ein Ende des Stalinismus, ermutigt Künstler und Intellektuelle in der DDR bisher Undenkbares zu wagen. Aber warum wählt Zweig „Das Motiv der Kästchenwahl“ von Freud für dessen 100. Geburtstag aus?

In diesem Gleichnis beschreibt Freud eine Szene aus Shakespeares König Lear, der sein Reich unter seinen drei Töchtern teilen will – je nach Maßgabe der Liebe, die sie für ihn äußern. Die beiden älteren beteuern ihre Liebe, die dritte bleibt stumm. König Lear verstößt die Jüngste und das Unheil nimmt seinen Lauf. Doch wer wählt schon stumm, wenn ihm andere wortreich die Liebe beteuern? Freud denkt weiter: Die drei Möglichkeiten symbolisieren die Frauen des Lebensweges, die erste, die Mutter, die zweite, die selbstgewählte Frau und die dritte, die stumme, soll Mutter Erde sein, die Todesgöttin. Niemand wählte den Tod freiwillig und doch ist er das zwingende Ziel des Weges. Deshalb wird die Dritte in vielen Mythen von der Stummen auch zur Schönsten, zur Jüngsten, gar zur Liebesgöttin. „Kann ein Widerspruch vollkommener gedacht werden?“, ruft Freud erfreut aus.

Über Zweigs Entscheidung für diesen Text lässt sich nur mutmaßen: Das Zwingende der „Kästchenwahl“ erinnert an die unfreien Wahlen in der DDR. Zweig könnte auch an seine eigene Wahl zwischen Israel, West- oder Ostdeutschland gedacht haben. Er sprach vom „goldenen Vorhang“ statt des Eisernen. Zweig war in Palästina ohne sein deutschsprachiges Publikum von Geldsorgen getrieben. In Ost-Berlin war er Präsident der Deutschen Akademie der Künste, Mitglied im Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands, im PEN, im Friedensrat und in der Volkskammer. Vielleicht sah Zweig sich manchmal in der Tragik des König Lear, der falsch gewählt hatte.

Es gibt einen dritten Grund, diesen Text von Freud in dieser Zeit zu veröffentlichen. Die hohe Kunst der Ambivalenz des Denkens, die Freud beherrscht, war in der DDR verloren gegangen, die ideologischen Formeln des Kalten Krieges im Entweder-Oder erstarrt. Zweig hofft auf dem Schriftsteller-Kongress 1956 auf ein Tauwetter: „Ich bin seit 1910 ein freier Schriftsteller und habe es nicht aufgehört zu sein. Wir empfangen Befehle, aber von uns selbst ... aus unserem freien Denken.“ Das klingt wie eine Beschwörung.

Die Psychoanalyse hatte Zweig in Berlin vor dem Ersten Weltkrieg kennen gelernt, als der Psychoanalytiker Otto Groß die neue Heilmethode am Teetisch im Café des Westens ausübte. Zweig beschreibt eine junge begabte Violinistin, deren Hände versagten. „Doktor Otto“ vermutete ein Verbot, „als Kind mit sich selbst zu spielen, mit den Händchen an dem kleinen Genital Lust gesucht zu haben“, welches sich unbewusst auf das Geigenspiel übertrug. Die Frau wurde geheilt, das überzeugte Zweig. Sprechen, Zuhören, die Wertschätzung von Träumen und freien Assoziationen sowie das letztliche Enträtseln des Unbewussten erschienen ihm um vieles menschenfreundlicher als das, was die Psychiater damals zu bieten hatten.

Nach dem Ersten Weltkrieg leidet Zweig selbst, seine Kreativität ist versiegt. Er führt die Symptomatik auf seine Kriegserlebnisse zurück, sieht sich gemeinsam mit vielen ehemaligen Soldaten an einer Neurose leiden. Zweig sucht in Berlin einen Psychoanalytiker auf: „Ich warf mich in die Analyse – rückhaltlos, wie ich alles zu tun gewohnt war. Ich wusste nicht, dass der mir empfohlene Herr erst durch mich zum Freudianer werden würde.“ Als Zweig 1926 wieder schreiben kann, widmet er „Sigmund Freud respektvoll“ sein Buch über den Antisemitismus „Caliban oder Politik und Leidenschaft“. Freud nimmt die Widmung freundlich an.

1929 treffen sich Arnold Zweig und Sigmund Freud zum ersten Mal im Sanatorium in Berlin-Tegel, wo Freud wegen seiner Krebserkrankung weilt. Die beiden Männer verbindet vor allem ein herzlicher Briefkontakt, aber sie sehen sich auch in Berlin, in Wien und in London. Zu Freuds 80. Geburtstag teilt Zweig ihm mit, eine Biografie schreiben zu wollen. Freud antwortet, dass er Zweig zu sehr liebe, um solches zu gestatten. Anna Freud beauftragt Zweig dennoch fünf Jahre nach dem Tod ihres Vaters 1944 mit einer Freud-Biografie, „weil fast niemand ihn so gut gekannt hat wie Sie.“ Zweig fängt in Palästina an zu schreiben und hat 1948, als er nach Deutschland, in die sowjetische Besatzungszone, zurückkehrt, ein halbfertiges Manuskript „Freundschaft mit Freud“ im Gepäck.

Zweig geht davon aus, an ein links-liberales Publikum und ein Wissen um Sigmund Freud von vor 1933 anknüpfen zu können. Doch er wird enttäuscht und beginnt Zeitungsausschnitte zu sammeln, in denen die Psychoanalyse und Freud hassvoll verzerrt werden. „Wichtig aufheben! Anti-Freud-Angriff“, schreibt er auf einen Zeitungsrand vom 1. August 1953. In diesem Artikel wird Wjatscheslaw Michajlowitsch Molotow, der dem explosiven Cocktail seinen Namen gab, zitiert, der seinen Genius Stalin pries. Stalins Arbeiten würden „allen idealistischen Theorien erneut einen vernichtenden Schlag versetzen“. Idealismus wurde einer der Hauptvorwürfe gegen die Psychoanalyse. Doch Stalins Feindschaft gegenüber der Psychoanalyse gründete unter anderem darin, dass sein Gegenspieler Leo Trotzki als ihr Anhänger galt. Für den Rest hielt der Klassenfeind her. Zweig streicht in einem anderen Artikel den Satz an: „Die Psychoanalyse wurde seinerzeit von den Hitlerfaschisten in bedeutendem Maße benutzt, jetzt wird sie in den USA in weitem Umfang gepflegt.“

Eine unglaubliche Verdrehung. Nationalsozialistische Studenten hatten 1933 auf dem Berliner Opernplatz die Bücher von Sigmund Freud ebenso wie die von Arnold Zweig verbrannt. Die meisten Berliner Psychoanalytiker wurden wegen ihres jüdischen Hintergrunds vertrieben. Viele von ihnen gingen in die USA. Der Name Freud durfte ebenso wie die Fachbegriffe der Psychoanalyse in Nazi-Deutschland nicht mehr erwähnt werden. Sigmund Freud wurde 1938 hochbetagt und schwerkrank aus Wien vertrieben. Erst durch die Verfolgung wurde die Psychoanalyse amerikanisch, gerät sie nun in die Argumentation des Kalten Krieges.

Was aber bedeutet die Ablösung Freuds durch Pawlow für die Patienten in der DDR? 1956 hat sich die „Pawlowsche Schlaftherapie“ durchgesetzt. Seit 1951 sind an vielen Orten Schlaftherapieabteilungen geschaffen worden, in denen Tausende Patienten therapiert werden, einige bis 1971. Pawlow selbst hatte kurz vor seinem Tod einen Dauerschlaf mit Medikamenten zur Therapie der Neurosen an Hunden, dann an Patienten angewandt. In einem Lehrbuch von 1957 findet sich folgende Beschreibung der Schlaftherapie: „Die Schlafenszeiten waren von 8 bis 12.30 Uhr, von 14.30 bis 18.30 Uhr und von 20.30 bis 6 Uhr festgesetzt. Darüber hinaus suchten wir einschläfernde bedingte Reflexe in folgender Weise herzustellen. Zugleich mit der Verabreichung der Medikamente wurde ein blaues oder grünes Licht eingeschaltet oder das sonor tönende Gangwerk einer Standuhr in Betrieb gesetzt.“ Wenn der Behandlungseffekt nicht eintrat, wurden die Medikamente erhöht, „so dass Intoxikationserscheinungen nicht immer ausblieben.“

Was muss 1956 mit so drastischen Mitteln wie Medikamenten-Überdosierungen und Zwangsschlaf bekämpft werden? Ist es die mögliche Explosion des „Dynamits im Keller der menschlichen Seele“, von der Kudszus schreibt und mit der nun in der zweiten deutschen Diktatur zu rechnen ist?

Zweig schreibt 1954 Anna Freud, „die Bedeutung von Pawlows Arbeiten und die S. Freuds unterstützen einander, statt einander zu hemmen.“ Er will einen Umschwung in der Öffentlichkeit herbeiführen und überschätzt sich. Zweig übersieht, dass die Anhängerschaft zu Pawlow längst ein politisches Glaubensbekenntnis ist. Diesem Glaubensbekenntnis ist auch der Beitrag von Alexander Mette zum 100. Geburtstag Freuds sowie ein von Mette verfasstes Buch zuzuordnen. Folgerichtig erhält er für dieses Buch „Sigmund Freud“ den Virchow Preis mit der Begründung „ein knappes, aber ausgewogenes und reifes Werk im ideologischen Kampf“ verfasst zu haben.

Der kurze Frühling 1956 konnte die Psychoanalyse in der DDR nicht retten. Langsam, mühevoll und nur sehr unvollständig konnte erst in den 70er und in den 80er Jahren in der DDR wieder Wissen um das Unbewusste, Verständnis für Beziehungsdynamik und Wissen um Sigmund Freud neu erworben werden.

Was aber ist aus den Protagonisten des 100. Geburtstages von Freud in der DDR geworden?

Hans Kudszus, der 1956 weiß, seinen Artikel nicht mehr für den Osten schreiben zu können, geht 1960 nach West-Berlin. Auf Empfehlung Adornos wird er Ehrendoktor der Freien Universität.

Alexander Mette legt seine Professur für Psychotherapie an der Humboldt-Universität 1959 nieder und wird „Vater marxistischer Medizinhistoriographie“, also Professor für Medizingeschichte. 1958 wird er Mitglied des ZK der SED.

Arnold Zweig reicht im Mai 1962 sein Manuskript „Freundschaft mit Freud“ beim Aufbau-Verlag ein. Er bekommt es ein Jahr später kommentarlos zurück. 1996, 34 Jahre später, bringt der Verlag „Freundschaft mit Freud“ heraus, als kommentiertes Fragment – ein schönes Buch.

Und Sigmund Freud, der nach Kudszus „den Salto mortale der Imagination über die Grenzbäume des kontrollierbaren Intellekts riskierte“? Der würde am nächsten Samstag 150 Jahre alt werden. Was wäre ein Salto mortale der Imagination für Freud? Mit roten Rosen und Bitter-Kräutern, die die Juden an die Flucht aus Ägypten erinnern, vor ihm stehen und sagen: „Respekt, Sigmund Freud!“ Und Freud wird die alte Importenschachtel mit den guten Zigarren im unteren Fach des Schreibtisches, fast auf dem Fußboden, suchen und reichen: „Bitte, nehmen Sie! Rauchen wir!“

Die Autorin ist Ärztin, Psychotherapeutin und Mitherausgeberin des Buches „Mit ohne Freud“ zur Geschichte der Psychoanalyse in Ostdeutschland.

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