Zeitung Heute : Die Seelensammler

Wenn sich in Israel ein Selbstmordattentäter in die Luft sprengt, wird Lior Blumstein alarmiert. Der orthodoxe Jude ist ehrenamtlicher Helfer. Er versorgt Verletzte und sammelt Körperteile auf. Das Attentat vom Dienstag war besonders schwer – „Gott gibt uns die Kraft für diese Arbeit“, sagt er.

Frank Hessenland[Tel Aviv]

Von Frank Hessenland,

Tel Aviv

Am Dienstag war es wieder so weit. Der kleine Pager an der Hose des Fischhändlers Lior Blumstein piepste. Es ist jedesmal, als reiße eine Welt entzwei, sagt er. Der Alarm ertönt und in seinem Kopf wird das Geschrei am Carmel-Markt in Tel Aviv unwirklich leise. Lior greift dann nach dem Gürtel, wo der Pager neben den Gebetsriemen angeklemmt ist. Der 56-jährige orthodoxe Jude liest auf dem winzigen Bildschirm: „Bombenanschlag in Jerusalem. Tote und Verletzte.“ Es folgt die genaue Adresse. Normalerweise lässt Lior dann alles liegen, stolpert über die Kisten mit dem Fisch, raus auf den kleinen Gang hinter den Verkaufsbuden, wo der BMW-Scooter mit dem Erste-Hilfe-Kasten steht. Er reißt dann die gelb-blaue Leuchtweste unter dem Sitz hervor. Blaulicht aufs Dach. Los. Die ersten fünf Minuten entscheiden zu 80 Prozent über Leben und Tod der Schwerverletzten. Am Dienstag fuhr er nicht, der Anschlag war zu weit weg.

Wenn irgendwo eine Bombe im Land hochgeht und er nicht zum Tatort fährt, dreht Blumstein im Hinterzimmer seines Ladens das Kofferradio an. Er hört die Stimme des Moderators, der mit weinenden Augenzeugen spricht. Auch seine Kollegen hören dann auf zu bedienen, die Kunden vor dem Stand schweigen und lauschen dem Radio.

Ende der Waffenruhe

Beim Anschlag in Jerusalem hatte sich am Dienstagbend ein Mann als orthodoxer Jude verkleidet und in einem voll besetzten Bus in die Luft gesprengt. Eine Verkleidung, die Attentäter häufig wählen. Der Bus sollte Gläubige von der Klagemauer in der Altstadt abholen. Das Attentat, so war am nächsten Tag zu lesen, habe selbst langjährige Sanitäter und Helfer schockiert. Unter den 20 Toten waren mindestens sechs Kinder. Lange war es verhältnismäßig ruhig gewesen im Land, im Juni war eine Waffenruhe ausgehandelt worden, doch dann kam ein Anschlag in einem Supermarkt in der Stadt Rosch Ha’ain, jetzt in Jerusalem.

Während Lior neben dem Radio steht, kommen Bilder in ihm hoch. Vom letzten Anschlag. Seit fünf Jahren ist der Fischhändler ehrenamtlicher Helfer der Organisation zur Identifikation von Katastrophenopfern in Israel, genannt Zaka. Er hat sieben Kinder. Bei der Armee war er nicht, denn wie viele Orthodoxe lehnt er den säkularen Charakter des Staates Israel ab. Als jedoch 1996 die Anschlagsserie auf Busse in Jerusalem dutzende von Menschenleben forderte, bewarb er sich bei Zaka. Nun leistet er wie die anderen 800 orthodoxen Freiwilligen der Organisation erste Hilfe und wird zu Anschlagsorten oder Unfallstellen geholt, um Körperteile aufzusammeln und Blut zu wischen, um beides nach den jüdischen Gesetzen begraben zu können.

Das letzte Mal, das war Ende April, ist er drei Minuten nach dem Knall nachts um halb eins bei „Mike’s Place“ angekommen, einer Jazzbar an der Strandpromenade von Tel Aviv. In der Bar überall Glassplitter. Schreiende Menschen. Eintreffende Hilfskräfte. Lior läuft ins Innere des kleinen Jazzlokals. Er sieht nach Menschen, die nicht mehr schreien, denn sie sind die Schwerstverletzten. Keine mehr da. Gut. Draußen hilft er, die Opfer in drei Gruppen einzuteilen. Die Schwerverletzten links, davon getrennt dann die Mittelschwerverletzten und schließlich die Leichtverletzten auf der anderen Straßenseite. Er nimmt ihre Daten auf, während die anderen schon erste Hilfe leisten. Fehlen Körperteile? Gibt es verborgene Schnittwunden, Schrapnelllöcher in der Nähe lebenswichtiger Organe?

Ein schreiender Mann wird von zwei Helfern entkleidet. Der Finger eines anderen Opfers hing an seinem Overall. Ein Kollege nimmt den Finger und steckt ihn in einen Plastiksack. Später wird er zugeordnet werden. Lior hält die Hand des Mannes und redet leise auf ihn ein.

In der Zwischenzeit kommen immer neue Freiwillige von Zaka dazu. Es sind die von der zweiten Schicht. Sie streifen sich die weißen medizinischen Handschuhe doppelt über und pellen sich in die raschelnden Papieranzüge. Ihre Schläfenlocken stecken sie unter der Kipa fest. Nachdem die Polizei den Ort freigibt, hasten sie als religiöse Reinigungskräfte über den Anschlagsort, um menschliche Überreste zu sammeln.

So war es damals in der Strandbar. So ist es am Dienstag in Jerusalem. Lior Blumstein hat sich hinter die Rückwand seines Ladens zurückgezogen und steckt sich eine Zigarette an. „Zaka ist entstanden aus einer religiösen Notwendigkeit heraus“, sagt er. „Nach der jüdischen Gesetzeslehre, der Halacha, ist der Körper das Gefäß der Seele.“ Wenn Teile eines toten Körpers oder Anteile des Blutes nicht begraben werden, finden auch Teile der Seele keine Ruhe. „Uns hat Gott die Kraft gegeben diese Arbeit zu tun. Daher müssen wir diese Teile finden, zuordnen und begraben.“

Viel später, als im Radio des Fischstandes schon keine Live-Berichterstattung mehr kommt, sondern nur noch langsame israelische Musik wie immer Stunden nach einem Anschlag, gibt er zu, „die Bilder kommen hoch, sobald du zu Hause bist und dich neben deine Frau legen willst.“ Durch das Grauen verschiebt sich der Horizont im Leben, sagt Lior und dass er manchmal seine Kinder wegen Kleinigkeiten anschreit. Und dass er aufgehört hat, mit seiner Frau darüber zu sprechen. Er trägt die Angst ständig mit sich. Sie versteht es nicht. Niemand von außen versteht es.

In der Zaka-Zentrale in Jerusalem weiß man von den Problemen der Freiwilligen. Seit nach einem besonders blutigen Anschlag auf einen Bus viele aus der Organisation austraten, gibt es ein Kursangebot mit Trainern, die im Umgang mit posttraumatischen Belastungs-Störungen (PBS), wie das im Fachjargon heißt, geschult sind. Jeder Zaka-Freiwillige, der unter bösen Bildern, unkontrollierbaren Angstzuständen, Entfremdungsgefühlen, dem inneren Druck leidet, darf daran teilnehmen. „Anfangs sind wenige gekommen“, sagt Pressesprecher Zelig Feiner. „Niemand wollte als schwach gelten.“ Zaka hat harte Zulassungskriterien für die Freiwilligen. Jeder muss seine gesamten Krankendaten offen legen. Wer früher Depressionen hatte, wird nicht genommen, ebenso jemand, in dessen Familie irgendwann mal Depressionen vorgekommen sind. „Inzwischen sind viele Kurse aber voll“, sagt Feiner weiter. Es gibt das gemeinsame Gespräch nach dem Einsatz und Seminare. Dort malen die hartgesottenen Helfer assoziative Bilder. Bedrohungsszenarien aller Art werden zu Wachsmalkreidezeichnungen, zu Gedichten oder kleinen Erzählungen.

Was die Männer von Zaka am Tatort aufsammeln, bringt ein Krankenwagen mit ins forensische Institut nach Abu Bakir. Es ist ein einsamer, gespenstischer Gebäudekomplex hinter hohen Mauern mit Stacheldraht im Süden von Tel Aviv. Dort herrscht die strengste Sicherheitsstufe. Kein Journalist konnte innen je ein Photo machen. Auch kleinste Überreste der Opfer werden einer blitzschnellen DNA- oder Blutgruppenanalyse unterzogen. Prof. Yehuda Hiss und seine Kollegen gleichen diese mit den medizinischen Daten ab, die sie aus dem Gesundheitsministerium oder der Armee erhalten und ordnen die Körperteile den Personen zu. „So zynisch es klingt: Wir haben mit den Jahren Routine in diesen Dingen bekommen. Soldaten und Kriminelle identifizieren wir innerhalb von Minuten“, sagt Hiss, „denn bei diesen Gruppen haben wir den sofortigen Zugriff auf alle Daten.“ Andere Gruppen dauern etwas länger, doch höchstens einige Stunden. Nach der Identifikation der Teile werden diese den Angehörigen übergeben. Die Reste, die Tücher mit dem aufgewischten Blut erhält Zaka zurück. Sie werden auf dem Friedhof an einer besonderen Stelle beigesetzt – allerdings ohne Zeremonie und Grabplatte. „Denn man weiß nicht, wie viel davon Nichtjuden, beispielsweise dem Attentäter, gehören“, sagt Lior.

Kein Triumph für den Feind

Am Carmel-Markt schließen die Händler ihre Läden, Räumfahrzeuge spülen den Dreck des Tages vor sich her. Das Radio im Fischgeschäft ist aus. Die Kollegen am Anschlagsort haben bald das Gröbste hinter sich. „Immer gegen Ende eines Einsatzes verändert sich die Szenerie. Beim letzten Mal in der Bar ,Mike’s Place’ war das so um vier Uhr nachts“, sagt er. Dann wenn nur noch Polizeiwagen ihr Blaulicht kreisen lassen. Die Schaulustigen können dann näher kommen und der Verkehr rollt wieder vorbei. Jugendliche und Anhänger des orthodoxen Rabbiners Schneerson aus Lubawitsch kommen und schreien für die übrig gebliebenen Kamerateams „Tötet alle Araber“. Bäcker bringen große Kisten mit Keksen und Teigtaschen und stellen sie den Helfern auf Autodächer oder Müllkübel. Lior sagt, das Essen ist Teil der Rückkehr in die Normalität, auch wenn noch überall Glassplitter herumliegen. „Es ist Teil unseres Überlebens in Israel“, sagt Lior. „Den Feinden Israels soll kein Triumph gegönnt werden.“

Nach Stunden bereits ist am Tatort der Anschein der Normalität wiederhergestellt. Fenster sind ausgetauscht. Verbrannte Flächen sind gestrichen. Einige Tage nach dem Anschlag öffnete auch die Strandbar wieder, unterstützt mit Mitteln der Stadt. Zaka hat die religiösen Bedürfnisse erfüllt, die mit dem Tod der Opfer verbunden sind. Nach einem Einsatz geht Lior Blumstein nach Hause, um ein paar Stunden allein zu schlafen. Seine Frau hält dann die Kinder einige Tage von ihm fern, bis sich die Erinnerung beruhigt und die Familie wieder näher zusammenrückt. Gott, sagt er, und eine Dusche helfen ihm, darüber wegzukommen. Bis es wieder losgeht.

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