Zeitung Heute : Die Sehnsucht fliegt mit

Benedikt Voigt

Was das Skispringen angeht, arbeitet man im Bundeskanzleramt mit schneller Hand. Das hatte ein Beamter schon am 6. Januar bewiesen. Um 15 Uhr 56 stand fest, dass Sven Hannawald als erster Skispringer der Sportgeschichte alle vier Wettbewerbe der Vierschanzentournee gewonnen hatte. Nur eine Minute später drückte der Beamte in Berlin auf den Sendeknopf eines Faxgerätes und schickte ein Gratulationsfax des Bundeskanzlers auf den Weg. Während der Olympischen Spiele reagiert das Bundeskanzleramt wieder prompt. Nachdem der deutsche Goldmedaillenkandidat am Mittwoch beim Springen auf der Großschanze nur einen vierten Platz belegt hatte, ließ Gerhard Schröder statt der üblichen Glückwunschworte einen neuen Text verfassen. Nun richtete er Sven Hannawald aus: "Sie haben in diesem Winter Sportgeschichte geschrieben, daran ändert auch das Missgeschick von Salt Lake City nichts."

Man muss es schon zu einem besonderen Volkshelden gebracht haben, wenn der Bundeskanzler persönlich Trost spendet. Hannawald ist so einer, spätestens seit dem Sieg bei der Vierschanzentournee steht er in einer Reihe mit Michael Schumacher, Jan Ullrich und Franziska van Almsick. Während seine Mannschaftskameraden hart für die Olympischen Spiele trainierten, saß der neue Liebling der Nation bei Thomas Gottschalk in "Wetten, dass...?" auf der Couch. Und jetzt sollte der neue Volksheld von den Olympischen Spielen mit einer Goldmedaille heimkehren. Die "Bild"-Zeitung nannte ihn schon "Gold-Hanni". Doch Hannawald holte erst Silber und dann gar nichts. Schlimmer noch, der Held stürzte.

Artig gratuliert

Um genau zu sein, ist Sven Hannawald nur für ein paar Sekunden den Hang auf dem Rücken hinuntergerutscht und hat sich dabei mit beiden Händen im Schnee abgestützt. Das war sein Pech. Im Skispringen gilt eine solche Landung als gestürzt und bringt Abzüge in der Punktewertung. Hannawald verpasste deshalb eine zweite Medaille. Dabei war er selbst noch am wenigsten enttäuscht, sagte gerade mal: "Schade, dass es nicht gereicht hat." Bundestrainer Reinhard Hess reagierte da heftiger, legte Protest gegen die Punktewertung ein, zog den Einspruch später wieder zurück und schimpfte auf Jury und Punkterichter: "Das ist pervers, so geht das nicht mehr weiter." Er glaubte, sein Schützling sei benachteiligt worden, ihm seien zu viele Punkte abgezogen worden. Beim Mittagsessen spülte Hess den Frust mit drei Whiskeys hinunter. Co-Trainer Wolfgang Steiert ging Skifahren. "Er musste sich abreagieren", sagte Hess. Nur Hannawald blieb ruhig. Von dem verpatzten Sprung hatte er sich, zumindest äußerlich, schnell erholt. Er gratulierte den drei Medaillengewinnern, und auf eine Diskussion über die Punktewertungen ließ er sich nicht ein. "Noten hin oder her, das ist doch egal." Artig.

Das ist ja das Kuriose bei den Skispringern. Man hält sie für Draufgänger, für kühne Bezwinger der Schwerkraft, aber in den meisten Fällen sind sie nur brave Bürschchen. Auch Sven Hannawald ist mehr Hausmann als Haudegen. Sein Hobby ist, man glaubt es kaum, Kuchenbacken. Die Traumfrau, auch das haben ihm die Journalisten entlockt, sollte aussehen wie die Fernsehmoderatorin Nina Ruge. In Interviews wiederholt er unaufhörlich Phrasen wie "Ich mache mein Zeug". Sein Heimtrainer Wolfgang Steiert versucht nun, den 27-Jährigen zu erziehen, indem er in die Hände klatscht, wenn er wieder einmal "von dem her" oder Ähnliches sagt. Auf der Pressekonferenz nach seinem Silbermedaillengewinn bei der Vierschanzentournee musste Steiert drei Mal klatschen. Als Hannawald danach gefragt wurde, wie er die nächsten Tage verbringe, sagte er: " Auspacken, Wäsche waschen, trocknen, einpacken, weiterfahren." Und bei einem solchen Langweiler sollen die Teenies kreischen?

Sogar Schlimmeres. Beim Weltcupspringen in Willingen belagerten hundert Mädchen das Hotel, in dem Sven Hannawald und sein Teamkamerad Martin Schmitt übernachteten. Bodyguards schirmten die beiden tagsüber ab, nachts mussten sogar die Türgriffe am Hotelzimmer abgeschraubt werden, damit kein übermütiger Fan daran zieht. Ä hnliches spielte sich in Polen ab, allerdings waren dort die Fans schon älter. Als die Polen nach den wichtigsten Persönlichkeiten des vergangenen Jahrhunderts gefragt wurden, kam der Skispringer Adam Malysz auf Rang zwei. In seinen Heimatort Wisla fahren die Touristen busseweise. Vor ihm rangiert nur noch Papst Johannes Paul II.

Es muss wohl an der Sportart liegen, dass Skispringer so beliebt sind. Adler nennt man sie oder Überflieger, und wenn man sie beobachten will, muss man den Kopf in den Nacken legen und nach oben blicken. Dort schweben sie über allen. Das hebt sie auch ab von allen. Wenn es auch nur für einige Sekunden ist, so erfüllen sie doch einen Menschheitstraum: Sie fliegen. Ein Skispringer kann diese Sehnsucht gar nicht mehr nachvollziehen. Simon Amman, seit vorgestern Doppel-Olympiasieger, sagt: "Ich bin kein Held, ich bin nur ein Skispringer." Allerdings einer von wenigen, denn Skispringen wird immer ein exklusiver Sport bleiben. Man kann gar nicht so viele Schanzen bauen, um es in eine Sportart der Massen umzuwandeln.

Hannawald und Schmitt leben gut von der Faszination des Fliegens. Angeblich zwei Millionen sollen sie im Jahr durch Preisgelder, Sponsorengelder und Merchandising einnehmen. Damit sind sie in der deutschen Olympiamannschaft neben den Eishockeyprofis aus der National Hockey League die Großverdiener. Hannawald bleibt in Salt Lake City immerhin noch eine Chance, seinem Status als Star gerecht zu werden. Wenn es am Montag auf die Großschanze im Mannschaftswettbewerb geht, wird von ihm erwartet, dass er sein Team zu Gold führt. Die Menschen glauben an den Helden Hannawald. Er ist gestürzt, aber nicht gefallen.

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