Zeitung Heute : Die Sehnsucht nach der großen Stadt

Zarengunst und Zeitreisen: Das Begleitprogramm präsentiert deutsch-russische Filmbeziehungen aus fünf Epochen

Christina Tilmann

St. Petersburg und der Kaukasus – alles nicht echt. Die prachtvollen Ballettszenen am Zarenhof – alles Kulisse. Und der Kampf der aufständischen Tscherkessen im Kaukasus – wurde in Südfrankreich,an der Riviera gedreht. Alexander Wolkoffs Stummfilm „Der Weiße Teufel“ von 1929/1930 nach einer Erzählung von Leo Tolstoj ist ein besonders interessanter Fall des russischen Exilfilms. In der Hauptrolle der Stummfilmstar Ivan Mozzhukhine, der als Tscherkessenführer Hadzi Murad zum Rivalen von Zar Nikolaus I. wird und am Ende im Kaukasus den Heldentod stirbt.

Russlandbilder, wie sie sich das westliche Ausland machte, stehen im Zentrum der fünfteiligen Filmreihe, die die Ausstellung „Macht und Freundschaft“ begleitet. Wobei es zumeist ein fiktives St. Petersburg ist, das im Zentrum steht. Gustav Ucickys Film „Der Postmeister“ von 1940 zum Beispiel basiert auf einer sehr beliebten Novelle von Alexander Puschkin und zeigt neben Hilde Krahl den alternden Heinrich George in einer höchst eindrucksvollen Performance. Gedreht wurde in Österreich, in die deutschen Kinos kam der Film zu Kriegszeiten nicht mehr: Propagandaminister Joseph Goebbels hatte befunden, das Bild des russischen Menschen sei zu sympathisch gezeichnet. Anastasia wiederum, die Protagonistin von Falk Harnacks Film von 1957, war überhaupt nie in St. Petersburg. Die verwirrte junge Frau, die 1920 nach einem Selbstmordversuch aus dem Berliner Landwehrkanal gezogen wurde und sich für die russische Zarentochter hielt, war eine polnische Bäuerin, wie sich 1995 bei einer DNA-Analyse endgültig herausstellte. Harnacks Film, mit Lili Palmer in der Hauptrolle, war als Konkurrenzproduktion zu einem Hollywood-Film gedacht, der im gleichen Jahr mit Ingrid Bergman als Anastasia gedreht wurde.

Drehen vor Ort war für das europäische Ausland erst wieder nach Ende des Kalten Kriegs, in den Neunzigerjahren, möglich. Die Außenaufnahmen für Bernd Eichingers Großproduktion „Der Untergang“ wurden 2003 zu einem Großteil in St. Petersburg gedreht – was angesichts der Belagerungsgeschichte der Stadt durch die Deutschen nicht der Pikanterie entbehrt. In Großproduktionen wie „Das Russland-Haus“ von 1990 oder dem James-Bond-Film „Goldeneye“ von 1995 dient die Stadt vor allem als spektakuläre Kulisse – mit der St. Petersburger Geschichte oder dem Leben heute haben sich vergleichsweise wenig Filme befasst, da scheint Moskau als Hauptstadt, Schmelztigel und Konfliktpotential interessanter.

Begleitend zur Ausstellung sind noch zwei jüngere russische Produktionen im Programm: Leonija Wuss-Mundeciema porträtiert in ihrem Dokumentarfilm von 1991 die St. Petri-Kirche auf dem Newski-Prospekt, die seit 1836 als Kirche der deutschen Gemeinde in Russland dient. Ungleich spektakulärer ist Alexander Sokurows Kulturfilm „Russian Ark“ von 2002, der in einer einzigen langen Kamerafahrt die 36 Säle der Eremitage durchmisst, und mit ihnen die Jahrhunderte der Palastgeschichte von Peter über Katharina bis zu der letzten Zarenfamilie und dem Sturm auf den Winterpalast. 300 Jahre zaristisches Russland, gesehen mit den Augen eines französischen Marquis des 19. Jahrhunderts, der den Filmemacher begleitet und seine Kommentare abgibt. Schon die Dreharbeiten waren ein Abenteuer: Da die Eremitage nur an einem Tag in der Woche für das Publikum schließt, musste in Windeseile aufgebaut, ausgeleuchtet und das Heer der 2000 Statisten eingewiesen werden. Reine Drehzeit war dann nur zwei Stunden. Das gibt dem Film seine Mischung aus Improvisation, Spontaneität und Anspruch, der ihn – neben den spektakulären Innenansichten – zu einer höchst reizvollen Reise macht. Christina Tilmann

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar