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Robert Ide

Wie ein Ost-Berliner die Stadt erleben kann

Das Land befindet sich im Übergang. Das Alte ist schon vorbei, das Neue muss sich erst noch seinen Platz suchen. So geht es mir auch. Das habe ich bei meinem letztem Besuch in Pankow gemerkt.

Das erste Bild: ein dunkler Raum in einer leeren Fabrikhalle, vorne eine wild fuchtelnde Nachwuchsband, angeleuchtet von ein paar Scheinwerfern. An einer aus Kisten gezimmerten Bar gibt es Bier und Negerküsse. 100 Leute tanzen in Winterjacken. Putz fällt von der Decke.

Das zweite Bild: ein hell erleuchteter Saal in einer leeren Fabriketage, rote Teppiche, aufgebaute Schmink- und Computerspielsalons, eine Garderobe, ein brüllender Moderator, überall kostenlose Zigaretten, dann plötzlich ein Mann, der mit einer Spitzhacke eine Steinmauer durchbricht, dahinter ein noch heller erleuchteter Raum mit einer Bühne und einer zehnköpfigen Band, die das wilde Fuchteln längst verlernt hat. 500 Leute tanzen in Röcken und Jacketts. Putz fällt von der Decke.

Das alles ist am Wochenende am selben Ort passiert – in der alten Zigarettenfabrik in Pankow. In dem Industriekomplex am S-Bahnhof ist in den vergangenen 15 Jahren Putz von der Decke gefallen, sonst nichts. Nun fanden in den Hallen gleich zwei Partys statt. Veranstalter war einmal das alte Berlin, einmal das neue Berlin.

Das alte Berlin: „Wir spielen Punkpoprap“, ruft der Sänger ins Mikrofon und springt ins Publikum. An der Bar werden die Negerküsse knapp.

Das neue Berlin: „Ihr seid alle Teil eines Videoclips“, ruft der Moderator ins Mikrofon und winkt von einer Leinwand. Die Schlangen an den Schminkplätzen werden länger.

Das Land befindet sich im Übergang. Und ich auch. Zuerst war ich bei den Rockern. Ich habe mich unterhalten, gelacht und gegessen. Dann war ich drüben bei den Spießern. Ich habe geschaut, gelacht und getrunken. Am Ende war ich zu müde, um noch einmal ins alte Berlin zurückzukehren. Doch im Taxi verspürte ich eine Sehnsucht nach Negerküssen.

Der Videoclip soll in Kürze bei www.camel.de zu sehen sein. Die Internetseite ist aber nach Angaben der Betreiber „nur für Raucher bestimmt, die ihr 18. Lebensjahr vollendet haben“.

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