Zeitung Heute : Die Selbstblockade

Als Lenin stürzt, geht ein Raunen durch die Menge. Manche beschleicht das Gefühl, dass hier eine Linie überschritten wurde. In Kiew haben sich Opposition und Regierung in eine Situation manövriert, in der jeder weitere Schritt sie näher an die Katastrophe führt.

Foto: AFP

Die Nacht ist jung, als Lenin fällt. Demonstranten haben das riesige Denkmal mit Stahlseilen von seinem Sockel gezerrt, jetzt liegt der geborstene Revolutionsführer auf den Treppenstufen des Schewtschenko-Boulevards, kopfunter. Ein schwerer Vorschlaghammer macht die Runde, reihum lassen junge Aktivisten Stahl auf Granit krachen, wieder und wieder. Wie Trophäen werden abgesplitterte Stücke durch die johlende Menge getragen, ein Nasenfragment, ein Jackensplitter, schließlich eine ganze Hand, zwei Männer schleppen sie gemeinsam fort. Auf dem verwaisten Sockel wehen Flaggen der radikalen Nationalistenpartei „Swoboda“, die sich später zum Sturz des Denkmals bekennen wird. Im weiten Umkreis ist kein Polizist zu sehen, obwohl zehntausende in den umliegenden Straßen postiert sind. Dass sie es nicht einmal mehr wagen, sich der Menschenmenge zu nähern, lässt nichts Gutes für die anbrechende Nacht hoffen.

Es ist der 17. Revolutionstag in Kiew, und der vorletzte Tag des Ultimatums, das die Regierung den Demonstranten gestellt hat: Freigabe aller belagerten Verwaltungsgebäude bis zum heutigen Dienstag. Die Opposition besteht derweil auf ihrem eigenen Ultimatum, das ebenfalls heute ausläuft: Rücktritt der Regierung, Abzug der Elitepolizei, Freilassung aller politischen Gefangenen. Die Forderungen sind unvereinbar, die Nervosität auf beiden Seiten ist greifbar. Als die Polizei am Montagabend beginnt, den Demonstranten erste Blockaden abzuringen, scheint eine ungemütliche Nacht anzubrechen.

„Zugzwang“, titelte am Vortag eine ukrainische Zeitung, das deutsche Lehnwort beschreibt die verfahrene Lage vielleicht am besten: Opposition wie Regierung haben sich in eine Situation manövriert, in der jeder weitere Schritt sie nur näher an die Katastrophe führt. Als Lenin stürzt, geht ein Raunen durch die Menge, manchen beschleicht das Gefühl, dass hier eine Grenze überschritten wurde. „Was tun wir nur?“, ruft ein älterer Mann, der von der anderen Straßenseite aus beobachtet, wie die Revolution ihren Vater frisst. „Wo soll das hinführen? Vor neun Jahren hatten wir wenigstens noch einen Gegenkandidaten, wir hatten Juschtschenko. Und jetzt? Wir haben niemanden!“

Es gibt mindestens drei Männer in Kiew, die das anders sehen. Einer von ihnen überragt die anderen beiden Oppositionskandidaten bei Weitem, rein körperlich jedenfalls: Vitali Klitschko. Ein paar Stunden vor Lenins Sturz sieht man den massigen Kopf des Schwergewichtsboxers aus der Menschenmenge ragen, zusammen mit Aktivisten seiner Partei „Udar“ ist Klitschko dabei, die Blockade auf eine weitere Straßenkreuzung auszudehnen. Mit Armeezelten und Stacheldraht blockieren sie alle Zufahrten. Als sich Klitschko danach durch die Menge drängt, Richtung Maidan, muss er alle zwei Meter Hände schütteln, Autogramme geben. Er ist populär hier, aber wahrscheinlich weiß er selbst nicht recht, ob der Zuspruch dem Boxer oder dem Politiker gilt. Gerade Klitschkos internationaler Erfolg als Sportler ist es, der ihm in der Heimat zur Schwäche wird: Das lange Leben im Ausland, das immer noch holprige Ukrainisch, in dem er seine Parlamentsansprachen hält, seine steife Rhetorik, der bereits zweifach gescheiterte Versuch, in Kiew Bürgermeister zu werden – all das lässt manche zweifeln, ob Klitschko als Politiker in der richtigen Gewichtsklasse kämpft.

Als er sich zur Rednerbühne auf dem Maidan durchgeschlagen hat, wechselt Klitschko ins Russische, die Sprache, mit der er aufgewachsen ist. Er ist so ziemlich der Einzige unter den Revolutionären, dem das verziehen wird – die politische Teilung des Landes ist auch eine sprachliche, im regierungstreuen Osten und Süden spricht man Russisch, im oppositionsnahen Westen die offizielle Landessprache Ukrainisch. Er habe, ruft Klitschko in die Menge, in den vergangenen Tagen viele ausländische Politiker empfangen. „Oft wurde ich gefragt, ob unser Protest nicht sterben wird, sobald die kalten Winternächte kommen. Ich frage euch: Kann die Kälte uns besiegen?“ Ein vieltausendstimmiges „Nein!“ ist die Antwort.

Es ist eine Zweckallianz, dieses Dreierbündnis da oben auf der Bühne. Rechts neben Klitschko steht ein schmaler Enddreißiger namens Arsenij Jazenjuk, er leitet die Batkiwschina-Partei, deren eigentliche Chefin Julia Timoschenko im Gefängnis sitzt. Käme es zum Umsturz, wäre Jazenjuk, der unter der letzten Regierung Außenminister war, sicher Klitschkos stärkster, womöglich der stärkere Konkurrent. Der Dritte im Bunde ist Oleh Tjahnybok, ein Mittvierziger, der 2004 aus der Partei des damaligen Präsidenten Viktor Juschtschenko ausgeschlossen wurde, nachdem er öffentlich erklärt hatte, die Ukraine werde von einer „jüdisch-russischen Mafia“ kontrolliert. Tjahnybok gründete kurzerhand seine eigene Partei, „Swoboda“, auf deren Konto später am Abend der Sturz des Lenin-Denkmals gehen wird. Auf der Bühne hält sich Tjahnybok mit fremdenfeindlichen Äußerungen zurück, aber das gebrüllte Wort „national“ bringt er in fast jedem Satz seiner Ansprache unter. „Wir haben unterschiedliche Ideologien“, hat Klitschko ein paar Tage zuvor erklärt, als er von Journalisten nach Tjahnybok gefragt wurde. „Was uns eint, ist die Überzeugung, dass es mit dieser Regierung nicht weitergeht.“

Und das ist inzwischen der Kernpunkt, der auch die Demonstranten vor der Bühne eint. Längst ist, was als Protestaktion für die EU-Assoziierung begann, zu einem Aufstand gegen das Regime geworden. „Nach Europa ohne Janukowitsch“ lautet der Slogan, den man am häufigsten auf den Plakaten liest. Gegenüber der Bühne ragt das nackte Stahlgestell des zentralen Kiewer Weihnachtsbaums in den Himmel, dessen tannenbegrünte Einzelteile die Protestler zu Barrikaden verbaut haben. Trotz Stacheldraht sehen die eingeschneiten Absperrungen deshalb sehr feiertäglich aus, anders als das entgrünte Gestell, das mit entschieden unweihnachtlichen Botschaften geschmückt ist: „Janukowitsch an die Tanne!“

Auch an anderen Stellen schleichen sich in den Protest Töne, die der Orangenen Revolution fehlten. Tausendfach ist der Kampfruf „Ruhm der Ukraine!“ zu hören, gefolgt von der rituellen Antwort „Ruhm den Helden!“, mitunter auch „Die Ukraine über alles!“. Es sind nationalistische Slogans aus der Partisanenära, postsowjetisch wiederbelebt von Fußballfans, bevor sie zum breitentauglichen Revolutionsmotto wurden. Als Parolen einer proeuropäischen Bewegung klingen sie mit jeder Wiederholung irritierender.

Rund um den Maidan wehen Flaggen versprengter Radikalistenbündnisse. Wenige schenken ihnen Beachtung, nur in der langen Warteschlange vor dem besetzten Rathaus lassen sich ein paar gelangweilte Studenten ein Manifest der „Nationalrepublikanischen Volksarmee“ in die Hand drücken. Drinnen ist der intarsienverzierte Parkettboden des Kolonnensaals mit fleckigen Matratzen ausgelegt, erschöpfte Revolutionäre dösen im Dämmerlicht der Kronleuchter, es riecht nach Knoblauchwurst und Fußschweiß. Ein Aktivist erklärt Interessierten, wie man sich mit Knieschonern und an den Unterarm geschnalltem Holzbrett für den Straßenkampf wappnet.

Sein Chef, ein ehemaliger Parlamentsabgeordneter namens Taras Stezkiw, ist im Revolutionsstab für die „Organisation des friedlichen Widerstands“ zuständig, und das Wort „friedlich“ unterstreicht er so beharrlich, dass man es ihm irgendwann nicht mehr abnimmt. „Freiwillig wird Janukowitsch nicht gehen“, sagt Stezkiw. Die Mobilisierung der Bevölkerung sei in vollem Gange, 3000 Freiwillige hätten sich zur Selbstverteidigung eingeschrieben.

Wie zur Bestätigung marschiert am Nachmittag eine Kolonne von 200 jungen Männern durch das Regierungsviertel, sie tragen Skimasken und Motorradhelme. „Provokateure!“, rufen Demonstranten am Straßenrand – die Angst, von der Gegenseite Gewalttaten untergeschoben zu bekommen, ist derzeit groß in Kiew. Als die Kolonne den Park erreicht, wo gerade eine Gegendemonstration von Anhängern des Präsidenten stattfindet, sieht für eine quälend lange Viertelstunde alles nach einem Blutbad aus. Dann aber öffnen die Maskierten einen Korridor, in den ein weißer Kleinbus einschwenkt. Drei Oppositionsabgeordnete steigen aus und klettern aufs Autodach, um sich per Megafon an die Janukowitsch-Anhänger zu wenden. Es ist eine Friedensansprache, aber dass die Opposition hier offenbar mit organisiertem Wachschutz auftritt, kann nur bedeuten, dass sie sich nicht mehr allein auf die Rückendeckung der Demonstranten verlässt.

Die gefährlichsten Konfrontationslinien sind die blockierten Zonen rund um die Regierungsgebäude. Auf der einen Seite stehen Elitetruppen, schwarz uniformiert, metallgraue Schutzschilde, starre Blicke hinter Plexiglasvisieren, auf der anderen Studenten in dicken Daunenjacken, Protestplakate vor der Brust, verfrorene Gesichter unter Wollmützen. Ein drei Meter breiter Korridor liegt zwischen diesen beiden Fronten, in der Regel ist er menschenleer, mit einer Ausnahme: Mitten im Niemandsland sieht man dieser Tage manchmal einen kräftigen Mann von 40 Jahren stehen, der ein hellblaues UN-Barett trägt und zu den Uniformierten spricht. „Ich war selbst Polizist, ich weiß, was in euren Köpfen vorgeht.“ Die Uniformierten reagieren nicht, aber seiner Stimme können sie nicht ausweichen. „Ihr habt nur dieses eine Land. Ihr wollt weiter hier leben, ihr wollt eure Kinder hier großziehen. Macht keinen Fehler!“

Der Mann mit dem UN-Barett heißt Pawlo Skala. Vor neun Jahren, bei der letzten ukrainischen Revolution, stand er noch auf der anderen Seite, er war Polizeileutnant im Innenministerium. Als erster Polizist gab er damals dem Oppositionsfernsehen ein Interview, er versicherte öffentlich, dass die Polizei keine Schießbefehle gegen Demonstranten ausführen würde. „Ich kannte die Stimmung unter meinen Kollegen, ich konnte das damals mit Sicherheit sagen“, erinnert er sich. „Heute bin ich mir da nicht mehr sicher.“

Nicht erst seit dem Polizeieinsatz vom 30. November, dessen Brutalität die Proteste erst richtig anfachte, misstraut Skala der Polizei. Beunruhigt ist er vor allem, weil er die Umstrukturierungen kennt, die nach seinem Weggang im Innenministerium stattgefunden haben. Alle Schlüsselpositionen, sagt Skala, seien mit Gefolgsleuten des Präsidenten besetzt worden, auf die Straße schicke man Nachwuchskräfte, denen blinder Gehorsam antrainiert worden sei. „Wir haben es mit einer sehr anderen Polizei zu tun als noch während der Orangenen Revolution.“ Deshalb ist Skala jeden Tag im Niemandsland unterwegs, mit dem UN-Barett, das von einem Polizeieinsatz in Osttimor stammt. Als selbst ernannter Blauhelm stellt er sich zwischen Polizei und Demonstranten, in der Hoffnung, seine ehemaligen Kollegen von Fehlern abzuhalten.

Und Fehler darf jetzt wirklich niemand machen. Langsam dämmert allen in Kiew, dass sich hier eine ungleich gefährlichere Situation zusammengebraut hat als während der Orangenen Revolution. Damals hatte ein Gericht die gefälschten Präsidentschaftswahlen annulliert, womit der Weg für Neuwahlen frei war. Diesmal dreht sich der Streit nicht um juristisch verhandelbare Fragen. Das Misstrauensvotum im Parlament hat die Opposition verloren, und selbst wenn es ihr gelänge, die Regierung zum Rücktritt zu zwingen, ist nicht ausgemacht, dass sie bei Neuwahlen eine Mehrheit bekäme. Eher dürfte die Ukraine wieder auf das alte geografische Unentschieden zusteuern, mit dem sich das Land seit 20 Jahren selbst blockiert. Einen potenziellen Koalitionspartner hat die Opposition nun auch noch verprellt: Die Kommunisten ließen nach dem Lenin-Sturz wissen, dass sie an „neofaschistischen Umstürzen“ kein Interesse haben.

Über Nacht verschwindet Lenins Kopf. Zwei alte Frauen kommen am frühen Morgen vorbei, sie wissen nicht, auf welche Seite des verstümmelten Granitleibs sie ihre Grablichter stellen sollen. Am Ende stellen sie sie weinend vor den Sockel.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!