Zeitung Heute : Die Sense schwingen

Wie ein Vater Berlin erleben kann

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Paul ist Städter, geboren in einer großen Stadt im Süden Deutschlands, dort aufgekrabbelt und ein bisschen aufgewachsen. Ein bisschen mehr wuchs er dann in einer großen Stadt im Norden Deutschlands auf und zum Pubertisten reifte er schließlich in einer großen Stadt im Osten des Landes, in der Hauptstadt nämlich. Städte, Städte, Städte, das prägt. Paul war also nicht ganz unvorbereitet, als sich der Vater und die Mutter vor ein paar Wochen auf dem Lande einen Acker mit Ruine drauf zulegten, aus dem mal ein Garten mit Bauernhaus drauf werden soll. Man kann sich trotzdem denken, dass es gewisse Reibungen gibt, wenn ein städtischer Pubertist aufs Land trifft.

Nicht, dass Paul nicht mithilft, Paul tut schon, was ein Mann tun muss: Virtuos handhabt er die Kettensäge, chirurgisch setzt er die Sense ein, filigran schwingt er den Vorschlaghammer. Und abends, wenn die Feuerstelle entfacht werden muss, dann kommt die Axt zum Einsatz: Zack, ist das Holz gespalten. Auch geht Paul zur Jagd.

Neulich erst wieder. Da war der große Konrad mit aufs Land gekommen, Mitpubertist auch der und Städter ebenfalls. In der Früh waren die beiden mit ihren Angeln zum nahe gelegenen Strom losgezogen. Der ist in Wahrheit ein kleiner Rinnsal (und die Mutter, die Landfrau, war sicherheitshalber zum nächsten Supermarkt gefahren und hatte Würste gekauft, die Gute). Der Tag war vergangen, der Vater hatte getan, was ein Mann tun muss, hatte die Kettensäge gehandhabt, die Sense eingesetzt, den Vorschlaghammer geschwungen, das Bier getrunken, allein die Jäger, die waren beutelos geblieben. Was daran lag, wie Paul berichtete, dass Bullen den Angelplatz belagert hatten, also echte Bullen, keine städtischen Grünen, sondern schwarz-weiße, vierbeinige Männer von Kuh, mit denen nicht zu spaßen ist. Der Vater hatte sich bei den Erzählungen, bei Würsten und bei Feuerschein gedacht, dass so ein Landleben und so eine Urbarmachung verwilderten Landes offensichtlich auch für städtische Pubertisten hoch spannend und abenteuerlich ist. „Mhm, ja“, hatten Paul und der große Konrad gesagt und sich dann über Warcraft III, das neue Computerspiel unterhalten. „Phh“, hatte der Vater gedacht und war mit seiner Romantik alleine geblieben.

Am Tag darauf war der Regen gekommen, der große Regen, keine städtische Brause, sondern so eine Art Weltuntergang, bei dem der Acker zum Schlammfeld mutierte, die Ruine zur Tropfsteinhöhle und die Romantik zum Fluch. Aber das hatten Paul und der große Konrad nicht mitbekommen, die waren in der Früh zum nächstgelegenen Bahnhof gezogen und zurück in die Stadt gereist und spielten dort irgendein Computerspiel, in dem es um die Urbarmachung verwilderten Landes geht. „Total spannend“, hatte Paul gesagt, und der Vater hatte nicht einmal mehr „Ahhhrrrrggg!“ denken können über die Logik städtischer Pubertisten. Dass er dabei im Schlamm stand und sich wünschte, städtischer Pubertist zu sein, hatte er Paul allerdings nicht erzählt.

Helmut Schümann

Auf der Domäne Dahlem, Königin-Luise-Straße 49, wird dem Städter das Landleben leicht gemacht. Täglich zehn bis 18 Uhr, Eintritt frei.

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