Zeitung Heute : Die Serie hinter der... Linden-

Die „Coronation Street“ läuft seit 45 Jahren – und hat in England Quoten von gut 40 Prozent

Raphael Honigstein

Ein altes Showbiz-Credo besagt: „Much better to copy a good idea than to come up with a bad one.“ Hans W. Geißendörfer hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass seine „Lindenstraße“, deren 1000. Folge heute Abend läuft, der englischen „Coronation Street“ nachempfunden ist – von Anfang an orientierte sich das deutsche „Anti-Dallas“ (Geißendörfer) genau wie „Corrie“ am Alltagsleben einfacher Menschen von nebenan.

Die bereits 1960 von Autor Tony Warren konzipierte Serie, die in Weatherfield, einem fiktiven Vorort von Manchester spielt, brachte erstmals das vom Fernsehen bis dahin weitgehend ignorierte nordenglische Arbeitermilieu auf den Bildschirm. Die sozial-realistische „Coronation Street“ wurde sofort zum Publikumsrenner; diesen Dezember wird die langlebigste Seifenoper der Welt 45 Jahre alt, im April strahlt der Privatsender ITV die 6000. Folge aus. Fünf Mal in der Woche sehen bis zu 20 Millionen Zuschauer (Einschaltquote: 42 Prozent) die 30-minütigen Staffeln. Die Serie ist so erfolgreich, dass ITV letztes Jahr seine Übertragungen der Champions League auf Druck der Öffentlichkeit verschieben musste.

Im Gegensatz zur in München angesiedelten, aber in Köln gedrehten „Lindenstraße“ wird „Corrie“ quasi vor Ort, in Manchester, produziert. Queen Elizabeth II., ein großer Fan, weihte 1983 höchstpersönlich das neue Studio-Set ein, vor fünf Jahren hatte Prinz Charles einen Gastauftritt. Die Bewohner der Street leben nicht wie Else Kling und Co. in einem mehrstöckigen Nachkriegsklotz, sondern in leicht heruntergekommenen viktorianischen Einfamilienhäusern. Alle Protagonisten sprechen mit hartem Manchester-Akzent, der Nicht-Engländern nur schwer verständlich ist; trotzdem hat die Serie sehr viele Fans in Kanada und den USA.

Die Grundstimmung in der „Street“ ist wie ihre jazzige Titelmusik: äußerst melancholisch. Intakte Familien gibt es nicht, das Durchschnittseinkommen liegt weit unter dem in der kleinbürgerlichen Lindenstraße. Viele Bewohner sind chronisch arbeitslos oder halten sich mit wechselnden Gelegenheitsjobs über Wasser, fast alle Männer sind in zwielichtige Geschäfte verwickelt, mit der Moral ist es ohnehin nicht weit her. Verheiratete Weatherfielder lassen sich mit Vorliebe mit ihren Stieftöchtern ein, wenn sie sich nicht gerade im „Rovers Return“ die Hucke zusaufen. Große Probleme werden nämlich kollektiv im Pub oder bei einer heimischen Tasse Tee gelöst. Aber trotz allen Auseinandersetzungen und Schwierigkeiten wird es in der „Street“ nie so zappenduster existenzialistisch wie manchmal in Köln. Dafür steckt in „Corrie“ zu viel feinfühliger Humor und Romantik: Die Serie erzählt von Kameradschaft und sozialem Zusammenhalt und bedient im modernen, coolen England eine kollektive Sehnsucht nach einer „besseren“ Vergangenheit, die die meisten Zuschauer nie erlebt haben.

Obwohl im vergangenen Jahr ein gewiefter Massenmörder für neue Einschaltrekorde sorgte, betonen die Macher der Serie stets, dass nicht Themen, sondern die Charaktere die Handlung bestimmen. Anders als die „Lindenstraße“ hat „Coronation Street“ so aktuelle Gesellschaftsprobleme wie Aids oder Rassismus nie explizit behandelt; erst in den 80er Jahren zogen die ersten schwarzen und asiatischen Bewohner ein. In England sind rivalisierendere Serien wie „Eastenders“ oder „Brookside“ für die Verletzung von Fernsehtabus zuständig, „Corrie“ bleibt lieber bodenständig und profan. Große Aufregung gab es allerdings im Sommer um den ersten Homosexuellen in der Street: Todd Grimshaw betrog seine schwangere Frau mit einem Krankenpfleger, diese verlor natürlich prompt ihr Kind. Mehrere seriöse Tageszeitung warfen „Corrie“ daraufhin Schwulenfeindlichkeit vor. Grimshaw, der inzwischen nach London abgewandert ist, soll im Laufe des Jahres übrigens seine eigene Serie bekommen.

Wie es sich für eine waschechte Soap gehört, sind die stärksten Charaktere Frauen. Das englische Pendant zu Mutter Beimer, Elsie Tanner, war von 1960 bis 1984 die Chefin im Pub, die moralische Instanz der Serie. Darstellerin Patricia Phoenix heiratete 1972 ihren „Corrie“-Kollegen Alan Browning, der auch in der Serie ihren Mann spielte. 1979 ging die Ehe vor und hinter der Kamera in die Brüche. 1986 heiratete die an Lungenkrebs erkrankte Phoenix Anthony Booth, den Schwiegervater von Englands späterem Premier Tony Blair. Tausende von Menschen legten nach ihrem Tod Blumen vor dem Studio nieder, das ganze Land wurde von einer Welle der Traurigkeit erfasst. Corrie-Erfinder Warren ist fest davon überzeugt, dass ihr guter Geist immer noch auf dem Set auftaucht: „Ich rieche manchmal ihr Parfüm, und mein Hund, der verrückt nach ihr war, benimmt sich so, als ob sie wieder da sei.“ Auch andere Schauspieler schwören, dass die Studios von Geistern heimgesucht werden. Leider kann man sich nicht mehr persönlich von dem Wahrheitsgehalt überzeugen: die Coronation Street kann im Gegensatz zur Lindenstraße seit fünf Jahren nicht mehr von Fans besucht werden.

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