Zeitung Heute : Die silberne Regel

Wolfgang Schäuble

TRIALOG

Dem Wort „Nachhaltigkeit“ wird oftmals nachgesagt, ein „Wieselwort“ zu sein: Wie ein Wiesel nach Aussaugen eines Eis eine fast unbeschädigte Hülle ohne Inhalt zurücklässt, so sei dieser Terminus eine schöne Hülle ohne wirklichen Inhalt. Ein Blick auf die historischen Wurzeln dieses Wortes ändert diese Einschätzung – nachhaltig – und erhebt den Begriff zu einem Kernprinzip der aktuellen Reformvorhaben in Deutschland vom Zuwanderungsgesetz über die Gesundheitsreform bis hin zur Rentengestaltung.

Das Wort „Nachhaltigkeit“ stammt ursprünglich aus der Forstwirtschaft und wurde etwa um 1700 vom Oberberghauptmann Hans Carl von Carlowitz in der Silberstadt Freiberg, Sachsen geprägt. Auch hier war der neue Begriff ein Kind der Krise: Nicht etwa die Erschöpfung der Silberlagerstätten, sondern die sich schnell verschärfende Holzknappheit veranlasste Carlowitz zur Erarbeitung eines Nachhaltigkeitskonzepts zur dauerhaften Bereitstellung ausreichender Holzmengen für den Silberbergbau. Nachhaltigkeit bezeichnete dabei eine Art und Weise der Wirtschaft, bei der natürliche Ressourcen auf Dauer gesichert bleiben. So wird immer nur so viel Holz geschlagen, wie durch Wiederaufforstung nachwachsen kann.

Ein so verstandenes Prinzip der Nachhaltigkeit ist fast uneingeschränkt auf die Reform unserer sozialen Systeme übertragbar, die unter der demografischen Schieflage wegzubrechen drohen. Politik und Wirtschaft setzen gesellschaftliche Stabilität und harmonisches Zusammenleben von Alt und Jung aufs Spiel, wenn sie sich den Herausforderungen, denen sich unsere überalterte Gesellschaft gegenübersieht, nicht stellen. Strebt man eine Änderung der Bevölkerungs- und Sozialstrukturen in Deutschland an, dann reicht Ursachenforschung allein nicht aus. Wirklich nachhaltige Reformen lassen sich nur bewerkstelligen, wenn die Bürger von deren Notwendigkeit dauerhaft überzeugt sind. Nur wer begreift, in welch ernster Krise er sich bereits befindet und welche Bringschuld er gegenüber nachfolgenden Generationen hat, nur der lässt sich überzeugen, nicht schon heute auf Kosten der Generationen von morgen zu leben, ob nun finanziell oder ökologisch.

Nachhaltigkeit zahlt sich oft an Stellen aus, an denen wir es in der Gegenwart kaum vermuten: Freiberg ist lange kein Zentrum des Silberbergbaus mehr, aber geblieben ist neben einem reichen Waldbestand eine Bergakademie, die sich als Technische Universität im Bereich Ressourcenökonomik und Energietechnik mit Fragen der Rohstoffnutzung im 21. Jahrhundert beschäftigt. Jungen Menschen in einer Region wird so ein wirklicher Anreiz geboten, sich zum Wohle aller zu bilden, um ihre eigene Zukunft zu sichern und die ihrer Kinder – nachhaltig!

Der Autor ist Präsidiumsmitglied der CDU.

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