Zeitung Heute : Die sind ja süß

Pralinés aus der Niederlausitz klingt wie Currywurst aus der Champagne. Aber es gibt sie – seit belgische Chocolatiers bei Cottbus produzieren.

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Von Inge Ahrens An den Haselnusssträuchern werden die Pralinés produziert: Nougatbäumchen und Weihnachtsplättchen, MachoMänner und Schokoladenzapfen zum Kaffee. In Hornow in der Niederlausitz – der Name ist sorbisch und bedeutet wohl „An den Haselnusssträuchern“. Ein 450-Seelen-Dorf mit Kirche (St. Martin) und Schloss, in dem auch Fürst Pückler mal wohnte. Dessen Landschaftsparks, Muskau und Branitz, sind auch nicht weit und ganz in der Nähe liegt Bohsdorf, wo der Schriftsteller Erwin Strittmatter aufgewachsen ist.

Das Dorf also ist sorbisch – oder war es zumindest einmal –, die Pralinés aber sind so belgisch wie die Chocolatiers. Kurz nach dem Mauerfall, 1991, kamen Goedele Matthyssen und Peter Bienstmann hierher, ins südliche Brandenburg, und mieteten sich in der Scheune des Schlosses ein. Zwei Verliebte aus Leuwen, denen ihr Belgien zu eng geworden war, nachdem sie als Entwicklungshelfer in Nigeria gearbeitet hatten. Nach der Wende schauten sie sich in den östlichen Bundesländern um, auf der Suche nach der etwas anderen Existenz.

Die Menschen in der Lausitz gefielen ihnen sofort. Nur das Schokoladenangebot in Ostdeutschland – das war für sie ein Desaster. In Leuwen waren sie mit feinsten Pralinés groß geworden, ein Dutzend Chocolatiers gab es in dem kleinen Ort, manchmal drei in einer Straße. Wenn Goedele als kleines Mädchen Taschengeld bekam, kaufte sie dafür am liebsten eine Tüte Pralinen ein. Eigentlich ist die inzwischen 37-Jährige ja Hebamme. Aber ausgestattet „mit einem absoluten Geschmack“, wie ihr drei Jahre älterer Ehemann schwärmt, ließ sie sich kurzentschlossen ein Jahr lang in Antwerpen zur Chocolatiere ausbilden. Peter, Ingenieur und Betriebswirt, fand derweil Wohnung und Werkstatt im Cottbus-nahen Hornow.

Warum sollte hier nicht funktionieren, was in Belgien selbstverständlich ist: handgefertigte Qualitätsware aus besten Produkten, keine Massenware vom Fließband. Die Belgier, von denen jeder durchschnittlich zwölf Kilo Schokolade im Jahr isst, halten fest am Reinheitsgebot – nur Kakaobutter, kein billiges Kokos- oder Palmfett, das die Industrie gern benutzt, weil es die Produktion leichter macht. Die Belgier erheben auch das Urheberrecht: In Brüssel soll die Praline, mit Butter und Sahne gefüllte Schokolädchen, erfunden worden sein; von einem Schweizer zwar, Jean Neuhaus, aber immerhin zusammen mit seinem belgischen Schwager, einem Apotheker. Auch wenn andere Quellen sagen, die Franzosen hätten die süßen Kleinigkeiten da längst schon erfunden gehabt – Brüssel gilt bis heute als Hauptstadt der Chocolaterie.

Auf engstem Raum haben die zwei in Hornow ihre erste Schokolade gemacht, nicht mal einen Kühlschrank hatten sie am Anfang. „Wir mussten immer wieder Tür und Fenster öffnen, um die richtige Temperatur zu haben“, erzählt Goedele Matthyssen. Viele Dörfler kosteten so etwas zum ersten Mal: die Bitterschokolade (mit 70 Prozent Kakaoanteil), die als Tafel oder feine Blättchen endet, die Halbbittere (56 Prozent), die Vollmilch- (36 Prozent) und die weiße Schokolade. Alles ohne vorgefertigte Nussmassen, ohne sonstige Zusatzstoffe. „Das war der Beginn unseres Werksverkaufs.“

Die Schokoladenblöcke von Callebaut werden aus Belgien importiert, schmelzen ab über Nacht. Bei 50 Grad zergehen die Kristalle; stimmt die Temperatur nicht, schlägt die Masse aus. Am Morgen werden kalte Stückchen Schokolade dazugegeben. Viel Gefühl ist nötig und Erfahrung. „Schokolade ist schon was Komisches“, sagt Goedele Matthyssen lachend. „Sie hat ihren eigenen Willen. Manchmal denke ich, sie lebt.“

Alles wird mehrlagig gegossen, mindestens in zwei Schichten. Der Finger wird in die flüssige Schokolade getunkt und die noch jungfräuliche Kunststoff-Form eingefärbt, so kriegen auch der dicke Weihnachtsmann und das Kind an seiner Hand ihr festliches Kleid. Mit der Spritztüte wird der Rest der dekorativen Hülle jeder Figur in die leere Form gebracht. Alle Hohlkörper entstehen so. Wenn eine Schicht erkaltet ist, kommt die nächste. Dann knackt es nachher beim Zubeißen schöner.

„Felicitas“ haben Bienstmanns ihr Unternehmen genannt. Das bedeutet glückselig und passt. In den letzten zwölf Jahren ist die Produktion ständig gewachsen. Fast 300 Kilogramm Schokolade werden täglich in Form gebracht. 700 Artikel umfasst das Sortiment, im Sommer wurde eine weitere Werkstatt im Dorf eröffnet, samt Schauküche für Besucher. 30 fest angestellte Frauen und viele Saisonkräfte fertigen jedes Teil von Hand; die Hälfte von ihnen kommt aus dem Dorf.

Weihnachten beginnt in Hornow schon im Oktober; zu der Zeit sind die ersten Bestellungen längst da. Fast 60 jahresendliche Figuren fertigt „Felicitas“: Weihnachtsmänner im Flugzeug oder in der Kutsche, Macho-Weihnachtsmänner mit Schokomuskeln, sogar eine Weihnachtsfrau gibt es, Nougatbäumchen und Sternen-Bonbonieren, gefüllte Stiefel und Tannenzapfen. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt, die Formen oft rührend altmodisch. Oder originell: wie der winterliche Chicorée aus weißer Schokolade.

40 Sorten Pralinen stehen im Hauskatalog. In schwarzer Schokolade ruht ein Cappuccinokern. Das weiße Schokoladencremetöpfchen verschließt eine stilisierte Blüte. Helle Schokoladenkorken bergen Schoko-Champagnercreme. Wer auf das Bitterschokoladenkrönchen beißt, dem schmilzt die Rum-Ganache auf der Zunge. Hinzu kommen so genannte Überziehpralinen mit Marzipan-Kern, Kroketten im Mandelmäntelchen und Formpralinen. Alles glänzt verlockend. Was so schimmert, ist die Kakaobutter, die setzt sich als erstes in der Form. Alles ist frisch und sollte bald gegessen werden; besonders die Pralinen sollten nicht länger als drei Wochen liegen, sie sind mit reiner Sahne und Butter gefüllt. Allenfalls die hinzugefügten alkoholischen Geister machen sie etwas haltbarer. Ums ganze Haus zieht der Duft, der Lüste weckt. Ein Vergnügen für die vier Katzen, die Mäuse in Schach zu halten, die nur zu gern zum Naschen kämen.

Fast 500 Süßwarengeschäfte von Dresden bis Passau verkaufen inzwischen „Felicitas“-Produkte, in Woltersdorf gibt es einen Laden, der das gesamte Sortiment anbietet. Auch der belgische Botschafter in Berlin, der Schokolade als „Aphrodisiakum für Gourmets“ bezeichnet, hat schon gekostet.

So wie das Unternehmen ist auch die Familie im Brandenburgischen gewachsen, alle drei Kinder sind hier geboren. „In Hornow sind wir längst zu Hause,“ sagt das Paar. „Wenn wir abends die Tür zur Werkstatt zuschließen, ist es wie im Urlaub.“ Mit zwei zottigen Fjordpferden und der Labradorhündin Luna ist die Bilderbuchfamilie perfekt. Die Integration ist gelungen: Inzwischen bieten die belgischen Brandenburger nicht nur das Männeken Piss aus feinster Schokolade an, sondern auch eine Cottbus-Praline: zartbitter, mit Marzipan und Spreewaldbitter.

Die Confiserie Felicitas ist in der Dorfstraße 15, 03130 Hornow-Wadelsdorf, Tel. 0356/98-296, www.confiserie-felicitas.de, Werksverkauf : Montag-Freitag 8-18 Uhr, Samstag 9-12 Uhr. In Waltersdorf werden die belgischen Pralinés in der Confiserie Schillbach verkauft (Lilienthalstr. 8, Tel. 033762/821 467), in

Berlin z.B. bei Julius Schönborn (Alt-Tegel 1-3, Tel. 433 10 66) oder Schoko-Seitz (Teltower Damm 27, Tel. 811 42 38).

Für schokoladenhungrige Berliner gibt es immer mehr empfehlenswerte Confiserien, z.B. In’t Veld (Dunckerstraße 10, Tel. 496 234 23) und Das süße Leben (Salzburger Straße 7, Tel. 747 60 500).

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