Zeitung Heute : Die Sittenpolizei

-

Als Frau in Riad zu leben, bedeutet ein Leben nach strengen Regeln. Und die gelten ohne Einschränkungen auch für Ausländerinnen. Das beginnt schon bei der Mobilität: Frauen dürfen nicht Auto fahren. Die einzigen öffentlichen Verkehrsmittel in Riad sind Kleinbusse. Aber keine Frau würde es wagen, in solch einen Bus zu steigen. Außer mit Verwandten oder dem Ehemann darf eine Frau in der Öffentlichkeit keinen Kontakt zu Männern haben. Kein gemeinsames Essen, keine Einkaufstour, kein Plausch, keine gemeinsame Fahrt zur Arbeit. Nur die Taxifahrer haben einen Ausnahmestatus. Gäbe es keine Taxis, hätte ich tatsächlich kaum eine Möglichkeit gehabt, von meiner Wohnung zur Arbeit im Krankenhaus zu kommen.

Das gesamte Leben steht unter dem Gebot, dezent aufzutreten. Das gilt für die Kleidung, aber auch für das sonstige Verhalten. Frauen sollen nicht als Individuen wahrgenommen werden. Ich habe mein blondes Haar immer ganz mit einem Schal bedeckt, denn wenn man als Ausländerin erkannt wird, kann es schon sehr lästig sein; auf der Straße fahren junge SaudiMänner ganz nah an dein Taxi heran und halten ihre Handys an die Scheibe, wollen deine Nummer. Und die Mutawas, die Sittenpolizisten, sind im öffentlichen Leben sehr präsent. Permanent fühlt man sich kontrolliert. Das betrifft auch Dinge wie E-Mails oder Päckchen. E-Mails verschwanden einfach, und wenn Päckchen aus Finnland ankamen, dann fehlten die Süßigkeiten.

Das Seltsamste an diesem Leben ist, dass diese Regeln irgendwann zur Normalität werden, dass man ein Leben innerhalb dieser Regeln sucht und findet. Außerdem werden diese Regeln nicht für alle gleich durchgesetzt. Nicht für die saudischen Eliten und auch nicht für Ausländer in ihren Siedlungen. Natürlich muss man aufpassen, aber wenn man es geschickt anstellt, kann man auch in Riad bei seinem Freund übernachten, Partys mit Alkohol feiern oder, wenn man erst einmal in der Wüste ist, sich selbst ans Steuer eines Geländewagens setzen.

Die Situation hat sich in den letzten zwei, drei Jahren stark verändert. Der 11. September war ein echter Wendepunkt. Ich erinnere mich, wie die Menschen am Tag danach Kuchen in unser Krankenhaus brachten, um den Anschlag zu feiern, auch auf den Straßen wurde gefeiert – bis die Polizei irgendwann einschritt. Danach wurden die Sicherheitsmaßnahmen für uns überall verschärft. Als der Irak-Krieg begann, wurde es natürlich noch schlimmer. Es war schon vorher sehr schwierig, mit den Saudis in Kontakt zu kommen, danach war es fast unmöglich. Ohne dass man darüber gesprochen hätte, herrschte ein großes Misstrauen. Wir konzentrierten uns auf die Arbeit und blieben sonst meist in unserer eigenen, abgeschlossenen Welt. Auf einmal waren wir eine Gemeinschaft. Dabei gab es, als ich in in Riad war, in der Stadt selbst noch keine Anschläge. Ich habe mich in dieser Beziehung nicht bedroht gefühlt. Ich bin auch gern mit meinen Kolleginnen nach der Arbeit shoppen gegangen. Es gibt wundervolle Einkaufspaläste in Riad, auch sehr gute Restaurants, und wir haben Ausflüge in die Wüste gemacht. Mit dieser Freiheit ist es heute vorbei.

Die Anschläge gegen die Ausländer richten sich ja eigentlich gegen das saudische Regime. Ohne die Arbeit qualifizierter ausländischer Kräfte ginge in Saudi-Arabien gar nichts. In dem Krankenhaus, in dem ich gearbeitet habe, gab es zum Beispiel nicht eine einzige saudische Krankenschwester. Das gesamte Pflegepersonal kam aus dem Ausland. Die Arbeit ist finanziell sehr attraktiv. Je nach Dollarkurs verdient man das Drei- bis Vierfache wie in Europa. So lange die Bezahlung so gut ist, wird es wohl nicht schwierig sein, neue Arbeitskräfte aus Ostasien oder Südamerika zu finden.

Man hat immer das Bild von den reichen Saudis im Kopf. Tatsächlich gibt es viele wirklich arme Menschen in Riad. Genauso wie es in Riad Gebiete gibt, in denen eine Frau besser überhaupt nicht allein auf die Straße gehen sollte.

Die saudischen Frauen sprechen nicht über ihre Situation. Politik ist, so weit ich das beurteilen kann, überhaupt kein Thema. Die allerwenigsten können lesen, den Frauen wird nicht einmal ihr eigener Ausweis ausgehändigt. Die Männer bewahren ihn auf. Dennoch habe ich mich bei meiner Arbeit im Krankenhaus auch als Frau immer respektiert und geachtet gefühlt. Die Menschen nehmen wahr, was man leistet und sind sehr dankbar. Ich habe in diesen Jahren in Riad viel Güte und Anerkennung erfahren. Diese Erfahrung will ich betonen. Niemand sollte sich einbilden, diese Gesellschaft von außen ändern zu können.

Johanna Kailanen,

29 Jahre. Die Finnin

arbeitete als Krankenschwester

in Riad.

Nach mehrjährigem

Aufenthalt verließ sie

Saudi-Arabien

im Mai 2003.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!