Zeitung Heute : Die skandalösen Frauen

Eine Schriftstellerin hat eine Frauenpartei in Polen gegründet. Interessiert niemanden, glaubten Experten – jetzt sind sie überrascht

Agnieszka Hreczuk[Warschau]

Zierlich ist sie, aber laut. „Wir müssen kämpfen!“, ruft sie. „Nicht für die Linke oder die Rechte, sondern für uns: für Frauen!“ In der einen Hand hält sie ein Mikrofon, in der anderen eine Puppe. Ihre kleine Tochter, Pola, hat sie mit aufs Podium gebracht. Jetzt schwingt die Puppe in den Händen der Rednerin, betont jedes Wort. Sie merkt es nicht, ist vollkommen konzentriert auf ihre Rede.

Manuela Gretkowska heißt die Frau, sie ist 40, trägt Jeans und einen hellen Pulli. Graue Strähnen fallen ihr ins Gesicht. Eigentlich ist Manuela Gretkowska Schriftstellerin, bekannt durch Romane über Frauen, oft derb erotisch. Heute aber ist sie als Politikerin hier. Sie erzählt den Frauen von ihrem Projekt: der Frauenpartei, die sich für Frauen einsetzt.

„Es geht nicht, dass wir Steuern bezahlen, genauso wie die Männer, und trotzdem weniger zu sagen haben. Männer können nicht über unsere Zukunft, Arbeit und Gesundheit entscheiden.“ In Polen, einem Land, das immer noch patriarchalisch geprägt ist, ist Manuela Gretkowska eine Revolutionärin.

Das Haus der Batory-Stiftung, die sich für Menschenrechte und Demokratisierung einsetzt, ist normalerweise abends leer. An diesem Warschauer Winterabend aber geht ständig die Tür, Frauen strömen in Grüppchen und allein über die Schwelle. Ein paar Männer sind auch da. Naja, sagen sie, „wir haben Ehefrauen, Mütter oder Töchter, es geht uns also auch an“. Noch mehr Frauen kommen, über 100 sind es jetzt. Sie lehnen sich an die Wände, setzen sich auf die Fensterbretter, die Stühle sind längst belegt.

Als Manuela Gretkowska im Oktober ein politisches Manifest veröffentlichte, nahmen nur wenige sie ernst, obwohl sie schon früher mal mit einem Essay in einer Illustrierten in hohen politischen Kreisen viel Unruhe hervorgerufen hatte. Sie war damals eine der Ersten, die die Kaczynski-Brüder heftig kritisiert hatte. Der Herausgeber geriet in Panik. Danach mussten die Redaktionsmitarbeiter mit dem Teppichmesser die Seiten aus den schon gedruckten Magazinausgaben herausschneiden. Die Ausgabe wurde zu einem Sammlerstück. In ihrem Manifest forderte Gretkowska: „Frauen müssen ihre Rechte einfordern. Kluge, intelligente und energische polnische Frauen ersetzen hinterwäldlerische, schwachköpfige und unfähige Politiker.“

„Die schaffen es nie“, sagte damals der bekannte Politologe Marek Migalski. Sie werde nie die 1000 Unterschriften sammeln, die jede Partei braucht, um vom Gericht registriert zu werden. Er war nicht allein. Politiker belächelten Gretkowskas Idee, Fernsehsatiriker machten sich über sie lustig.

Vor Weihnachten war die Liste fertig. Und Manuela Gretkowska hatte nicht 1000, sondern 4000 Unterschriften gesammelt. In jeder der zehn Städte, die sie besucht hatte, waren die Frauen in Massen in ihre Veranstaltungen geströmt. Seit zwei Wochen ist nun alles offiziell: Die Frauenpartei ist gegründet. Und sie hat prominente Unterstützung: die polnische Schauspieldiva Krystyna Janda, die bekannte Sängerin Anna-Maria Jopek und Justyna Pochanke, TV-Star, sie alle lächeln von den Plakaten der Partei. Sie hoffen, dass Polen endlich weiblicher wird.

Denn die Forderungen der Frauen sind den Regierenden fremd. Das liegt vor allem am polnischen Frauenbild, das stark geprägt ist von der Sichtweise der katholischen Kirche. Ihr übermächtiger Einfluss resultiert aus der Geschichte: 200 Jahre lang war Polen fremdbestimmt. Die Kirche wurde zur Zuflucht. Ganze Generationen hat sie geprägt. Das Rollenvorbild der Polin ist die Jungfrau Maria: bescheiden, opferbereit, demütig. Polnische Frauen fordern nicht.

Gretkowska bezeichnet sich als Christin und fordert trotzdem: staatliche Zuschüsse für Kinderbetreuungsstätten – bisher sind sie privat zu finanzieren –, ein Recht auf kostenlose Verhütungsmittel, auf Abtreibung, aber auch auf kostenlose schmerzfreie Geburt und Krebsvorsorge. In den ländlichen Gebieten sind die Praxen oft so schlecht ausgestattet, dass manche Frauen Jahrzehnte nicht mehr beim Gynäkologen waren. Für die Männer in der Politik kein Thema. Und Frauen in der Politik, die sich dafür stark machen könnten, sind in Polen noch selten. Auf einem Gründungstreffen der Frauenpartei war eine aufgetaucht, aktives Mitglied der Allianz der Sozialdemokraten (SLD), sagt Gretkowska. „Gut war sie, mit vielen Ideen.“ Die Frau hatte eigentlich für die SLD ins Parlament gewollt, aber sie hatte es nicht geschafft. Denn sie stand ganz am Ende auf der Liste. Die SLD und die liberale Bürgerplattform (PO) rühmen sich zwar, 25 Prozent der Plätze belegten Frauen – dass dies aber die hintersten Listenplätze sind, sagt keiner. Ergebnis: Von 460 polnischen Abgeordneten sind nur 91 Frauen.

Nicht, dass die polnische Politik sich nicht um das Thema Familie kümmerte. Erst Ende Januar debattierte das Parlament, wie der Staat Familien unterstützen kann. Genauer: welche Familien Unterstützung verdienen. Für den Abgeordneten Marian Pilka von der Regierungspartei Recht und Gerechtigkeit (PiS) ist der Begriff „Familie“ jedoch genau definiert: vier Kinder, der Vater arbeitet, die Mutter bleibt zu Hause. Frauen dürften sich auch beruflich verwirklichen – aber erst, wenn die Kinder groß seien. Die Frage, wie eine über 40-jährige Frau ohne Berufserfahrung auf den Arbeitsmarkt kommt, lässt er offen.

Manuela Gretkowska fordert auch, dass die Hälfte der Rentenbeiträge der Ehemänner auf die zukünftige Rente der Ehefrauen angerechnet werden. Dann seien auch sie im Alter abgesichert. Immerhin: In Polen bleiben 55 Prozent der Frauen zu Hause, rund sechs Millionen. Sie alle sind auf ihre Männer angewiesen. Oder auf die Sozialhilfe.

Übrigens sei die Frauenpartei auch für Männer offen. Sie bekommen zehn Prozent der Plätze – allerdings ganz unten. „Nur dann sind wir sicher, dass sie unsere Idee unterstützen und nicht auf unsere Kosten Karriere machen wollen. Dazu haben sie genug andere Möglichkeiten, leider.“

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben