Zeitung Heute : Die Ski-Spitzel von Oberhof Biathlon und die Stasi:

ein Familiendrama vor der WM

Robert Ide

In diesen Tagen, in denen es dauernd regnet draußen im Wald, steht Karl-Heinz Wolf mit der Schaufel zwischen den Bäumen und hebt Gräben aus. Eigentlich ist das nicht mehr seine Aufgabe, „aber einer muss es machen“, sagt er. Einer, das ist er. Er muss dafür sorgen, dass das Wasser abläuft, muss den Wald präparieren: mit Kunstschnee und Skiloipe, eine unbeschmutzte Winterlandschaft. Seit kurzem ist der einstige Biathlet Karl-Heinz Wolf, 52, nicht mehr Wettkampfleiter von Oberhof, nicht mehr Cheforganisator der Biathlon-Weltmeisterschaft, die morgen in Thüringen eröffnet wird. Sein Amt ist er los, sein Ehrenamt. Wolf musste zurücktreten wegen alter Geschichten, die er längst draußen im Wald gelassen haben wollte. Da, wo jetzt der alte Schnee schmilzt.

Am Wochenende wird sein Sohn über präparierte Loipen laufen. Es wird Weltmeisterschaft sein, und Alexander Wolf, 25, will als Athlet mitsprinten um vordere Plätze. Auf den Pisten von Karl-Heinz Wolf. Wenn man Alexander nach seinen Vorbildern fragt, antwortet er als Erstes: „mein Vater“.

Der Vater, das Vorbild, war ein Spitzel. So steht es in den Stasi-Akten. Karl-Heinz Wolf ist geführt als IMS „Ernst“. IMS heißt Inoffizieller Mitarbeiter Sicherheit, und „Ernst“ lieferte Berichte ab über Biathleten, die er trainierte beim Armeesportklub Oberhof. Einen denunzierte er, weil er angeblich „größere Mengen Westgeld“ hatte – der Sportler flog aus dem Klub. Einem anderen bescheinigte Wolf „starke charakterliche Schwächen“. Das war Frank Ullrich, Olympiasieger. Heute ist Ullrich Cheftrainer der deutschen Biathleten. Er rennt an Loipen entlang und feuert seine Jungs an. Auch Alexander Wolf – den Sohn, dessen Vater ihn früher bespitzelte.

Frank Ullrich hat die Akte gelesen, die über ihn angelegt wurde. Als er die geheime Beurteilung sah, „traf es mich ins Herz“, erzählt er. Klar, als junger Biathlet habe er gerne gefeiert, sei auch zu schnell mit dem Auto gefahren. Aber Charakterschwäche? „Die Akte ist ein Wahnsinnsthema für mich“, sagt Ullrich, bevor er abbricht. Pause. „Ich muss das jetzt alles weglegen.“ Ende.

Die Vergangenheit weglegen – das versuchen sie in Oberhof. Schlagzeilen über alte Stasi-Seilschaften erschüttern seit Wochen den Ort des Sports, der wirtschaftlich kaum mehr zu bieten hat als Schnee und Wald. Mehrere Funktionäre mussten schon zurücktreten, weil ihre Vergangenheit im staatlich gelenkten und von der Stasi unterwanderten DDR-Sportsystem publik wurde. „Das ist Menschenjagd“, empört sich Ralf Luther vom WM-Organisationskomitee. Diejenigen, die alte Akten aus Archiven ziehen, geraten unter Druck; ihnen wird vorgeworfen, die so gewissenhaft vorbereitete Weltmeisterschaft kaputtzumachen. Hildigund Neubert, Thüringens Stasi-Beauftragte, hat deshalb eine Diskussion organisiert mit Tätern und Opfern. „Da haben wir für die Zeit der Wettbewerbe einen olympischen Frieden vereinbart“, erzählt sie. Karl-Heinz Wolf, der offiziell nur noch als Berater der WM fungiert, war nicht dabei. Keine Zeit.

„Mein Anwalt hat mir geraten, nichts zu sagen“, sagt Karl-Heinz Wolf am Telefon. Der Berater hat andere Sorgen: Streckenpläne, Schießplätze, den Schnee. Nur eines lässt er sich entlocken, kurz vor Mitternacht, als er endlich zu Hause angekommen ist und sich etwas Zeit nimmt, seine Vergangenheit wegzulegen. Sein Verhältnis zu Frank Ullrich sei „ganz normal“. Wolf atmet durch, dreht den Fernseher mit dem Fußballspiel leiser. Wie kommen Sie mit dem Mann klar, dem Sie charakterliche Schwächen bescheinigt haben? „Er trainiert meinen Sohn“, sagt Wolf. Haben Sie beide sich einmal über die Vergangenheit unterhalten? „Da braucht man nicht drüber reden, das weiß er selber.“

Vater, Sohn, Trainer – am liebsten würden sie wohl alles vergessen. Öffentlich redet nur Frank Ullrich. Einmal, im Trainingslager, hat er sich mit dem jungen Alexander Wolf unterhalten über die alten Schuldgefühle. Der Trainer hat gesagt: „Ich stehe hinter dir, du kannst nichts dafür.“ Der Junge hat gesagt: „Er ist doch mein Vater.“

Karl-Heinz Wolf steht im Wald von Oberhof und hebt Wassergräben aus. Der Regen macht nur selten eine Pause in diesen Tagen. Der alte Schnee ist geschmolzen. Der neue wird nicht echt sein.

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