Zeitung Heute : Die Slobo-Show

Der Tagesspiegel

Von Stephan Israel , Belgrad

Der Prozess vor dem UN-Tribunal habe Slobodan Milosevic unter den Serben zum zweiten Mal populär gemacht, spottet das serbische Nachrichtenmagazin NIN über die Bemühungen der Anklage in Den Haag. Der gestürzte Herrscher könne sich über die unverhoffte Zustimmung freuen, die ihm das Gericht zu Hause verschafft habe. Die Zeitschrift stützt ihre überspitzte Darstellung auf die Einschaltquoten der Fernsehübertragungen direkt aus dem Gerichtssaal. Die drei Fernsehsender mit Liveschaltungen konnten ihren Marktanteil in den Sendezeiten beinahe verdoppeln. In den ersten Prozesswochen haben bis zu 60 Prozent der Bevölkerung Serbiens kürzere oder längere Ausschnitte angeschaut. Und der prominente Angeklagte bekommt für seine Performance laut Umfragen auch noch ausgezeichnete Noten. Eigentlich hätte der Kriegsverbrecherprozess doch in Serbien die Diskussion über die nähere Vergangenheit in Gang bringen sollen. Stattdessen klopft sich das Publikum zu Hause vor Freude auf die Schenkel, wenn Milosevic im Kreuzverhör mit einem Zeugen oder gegenüber der Anklage einen Punkt verbuchen kann.

Was läuft derzeit falsch? Die Antwort ist komplex. Beim Sturz des Autokraten war das Idol von einst bei der großen Mehrheit zwar längst in Ungnade gefallen. Doch auch die Auslieferung an Den Haag und das UN-Tribunal selbst sind alles andere als populär. Das alte Regime hatte das Bild einer antiserbischen Institution geprägt und auch Teile der neuen Führung in Belgrad reden im gleichen Ton über das entsprechend verhasste Tribunal. Mit seiner Strategie, sich selbst zu verteidigen, verfügt der Populist Milosevic in Den Haag zudem über fast uneingeschränkte Redezeit. Er tritt auf, wie er es zu Hause die letzten zehn Jahre gewöhnt war: Stets selbstbewusst und oft arrogant verleugnet er Tatsachen und dreht den Spieß um. Slobodan Milosevic verteidigt nicht sich selbst, sondern das serbische Volk. Er sieht nicht sich, sondern die Nato mit ihrem „Aggressionskrieg“ gegen Jugoslawien auf der Anklagebank. Opfer waren in erster Linie immer nur die Serben und nicht etwa auch die Albaner im Kosovo. Und hier schließt sich der Kreis zwischen Milosevic und seinem Volk. Die Serben als Opfer, das ist der gemeinsame Nenner, der beide Seiten verbindet. Und wie da ein tapferer Slobodan Milosevic den Kampf gegen die Mächtigen dieser Welt aufnimmt, erweckt zu Hause noch einmal Bewunderung.

Neben der Bewunderung scheint der gestürzte Autokrat auch Schützenhilfe viel konkreterer Art zu bekommen: In den Belgrader Medien wird darüber spekuliert, dass Milosevic aus Teilen des Sicherheitsapparats mit Informationen über die geladenen Zeugen beliefert wird. Im Kreuzverhör mit den Kosovo-Albanern erschien der Angeklagte stets bestens präpariert. Die Loyalität zur demokratischen Führung hindert Einzelne im Apparat offenbar nicht daran, dem früheren Oberkommandierenden zur Seite zu stehen.

Der Popularitätsschub für den prominenten Angeklagten bringt vor allem die neue Führung in Belgrad ganz schön in Verlegenheit. Serbiens Premier Zoran Djindjic und Jugoslawiens Präsident Vojislav Kostunica stehen unter Druck, bis Ende März weitere angeklagte Kriegsverbrecher an Den Haag auszuliefern. Dies ist die Voraussetzung dafür, dass der US-Kongress weitere Finanzhilfe für das Land bewilligt. Jugoslawiens moderater Außenminister Goran Svilanovic beklagte, das Gerichtsverfahren sei längst zu einer „Seifenoper“ verkommen. Und Premierminister Djindjic schimpfte über den „Zirkus“ in Den Haag. Das Gericht habe in der Bevölkerung die Glaubwürdigkeit verloren: „Welche Rechtfertigung haben wir jetzt, andere auszuliefern und auf enge Kooperation mit dem UN-Tribunal zu drängen?“

Wie durch Zufall stellt zumindest das staatliche Fernsehen (RTS) diese Woche die Direktübertragung aus dem Gerichtssaal in Den Haag ein. RTS-Direktor Aleksander Crkvenjakov begründete das mit den hohen Kosten. Zudem habe das Interesse nach dem Anfangserfolg bereits wieder nachgelassen. Die Anhänger von Slobodan Milosevic wollen der offiziellen Argumentation nicht glauben und verweisen auf die entsprechenden Umfragen. Die Entscheidung des Staatsfernsehens sei alleine dadurch begründet, dass Serbiens Führung „Milosevic sogar noch im Gefängnis fürchtet“, schreibt Mirko Marjanovic, Chef der Sozialistischen Partei (SPS) in einem Protestbrief.

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