Zeitung Heute : Die Söhne einer Stadt

Glocken läuten, Tränen fließen: Leipzig feiert das Leben und die Freiheit

Ellen Großhans[Leipzig]

Diejenigen, die dabei waren, sagen, dass schon seit dem Morgen etwas Nervöses, Ungreifbares in der Luft gelegen hat. Außenminister Frank-Walter Steinmeier war in einem Luxushotel in Santiago de Chile, 22 Stockwerke hoch, er ging immer wieder zum Telefonieren in die oberen Etagen. Um 11 Uhr 30 Ortszeit, in Deutschland war es da abends halb sechs, hatte er Gewissheit: Die beiden deutschen Geiseln im Irak, Thomas Nitzschke und René Bräunlich, sind frei. Die Nachricht platzte mitten in das Gespräch mit Chiles Außenminister Alejandro Foxley hinein. Um 11 Uhr 56 dann trat Steinmeier im chilenischen Außenministerium vor die Journalisten. „Ich darf Sie über ein Ereignis unterrichten, das eine schwere Last von uns genommen hat“, sagte er.

Eine gute Stunde später in Leipzig. Die Erleichterung steht Christian Führer ins Gesicht geschrieben. Neben der Nikolaikirche – wo es bis Montag 27 Mahnwachen für die beiden Geiseln gegeben hatte – tritt der Pfarrer vor wartende Journalisten. Von einem „ungeheueren Gefühl der Erleichterung und Dankbarkeit“ erzählt er, er atmet flach, er ist aufgeregt. Und Führer spricht davon, dass er nun schnell einen Dankgottesdienst organisieren will. Wann genau dieser stattfinden soll, kann er noch nicht sagen, geplant sei jedoch der Montag.

Dann läutet er die drei Glocken. Viele Menschen, die zur Kirche gekommen sind, kämpfen mit den Tränen. „Ich bin überglücklich!“, sagt Eleonore Agne. Sie war bei allen 27 Mahnwachen dabei. Ein Mann, er heißt Ralph Hildner, sagt: „Ich war fast zu jeder Mahnwache hier, zufällig erfuhr ich, dass die Geiseln frei sind und bin spontan hergekommen. Ich freue mich wahnsinnig. Die Worte von Frau Bräunlich haben mich immer sehr bewegt.“ Die Sonne scheint noch.

Auch Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) ist vor die Nikolaikirche geeilt. „Ich freue mich von Herzen für die beiden und ihre Angehörigen“, sagt er. „Ich danke allen, die zum glücklichen Ausgang dieses Dramas beigetragen haben. Ein großer Dank auch an die Leipziger: Die Mahnwachen, Kerzen, die grünen Bänder, die Gebete – sie alle waren unschätzbar wichtige Zeichen.“ Bereits seit drei bis vier Wochen, sagt Jung, wusste er, dass es Grund zur Hoffnung gab. „Und natürlich werde ich, sobald ich kann, Kontakt zu den beiden aufnehmen. „Wie mir der Krisenstab mitteilte, sind sie körperlich unversehrt und psychisch stabil, aber erschöpft.“

Während an der Kirche hunderte Menschen feiern, ist es am Nordring im Leipziger Stadtteil Rackwitz still. Von Familie Nitzschke ist wie in den vergangenen Wochen nichts zu sehen oder zu hören. Und auch die Kamerateams sind noch nicht angerückt. Vermutlich sind der Bruder und die Mutter von Thomas sowieso nicht zu Hause.

Die Nachricht von der Befreiung der Geiseln aber hat auch hier schon die Runde gemacht. Dachdecker Jörg Gehrmann wollte gerade seinen Transporter verlassen und zum Feierabendbier eilen, als er von der Befreiung hörte. „Auch wenn ich die Familien und die Betroffenen nicht kenne, ich habe oft an sie denken müssen. Irgendwie leidet man da schon mit.“ Begeistert ist auch Pfarrerin Dorothea Arndt. „Das ist eine phantastische Nachricht. Ich wünsche den Familien, dass sie die beiden jungen Männer bald in die Arme nehmen können.“ Von einer Dienstreise aus Münster meldet sich Landrat Michael Czupalla. „Ich bin froh und erleichtert. Ich danke aber auch dem Arbeitgeber der Geiseln und der Bundesregierung für ihr Engagement.“

In Bennewitz, 30 Kilometer entfernt, auf dem Hof der Firma Cryotec – beim Arbeitgeber von Nitzschke und Bräunlich –, stehen die Mitarbeiter. In der Mitte Firmenchef Peter Bienert. Bienert sagt: „Mit fehlen die Worte – es ist ein herrliches Gefühl. Richtig froh bin ich aber erst, wenn sie wieder deutschen Boden unter den Füßen haben.“ Er habe noch keinen Kontakt zu den Familien der beiden gehabt. Er werde „sanft, sacht und leise nachfühlen“, wann der Kontakt gewünscht sei. Und Cryotec-Prokuristin Karin Bernd sagt: „Das ist der glücklichste Tag in meinem Leben.“

Auf dem Nikolaikirchhof finden sich zur gleichen Zeit immer mehr Menschen ein. Sektflaschen werden geöffnet. Tränen der Freude fließen, während an der Kirche noch die Kerzen der Mahnwache brennen.

Ein paar hundert sind es immer noch. Und auf der Webseite www.wehope.de, die die Gedanken an Nitzschke und Bräunlich im Internet wach gehalten hat, ist eine Zahl zu lesen. 107 501. Es ist die Zahl der Besucher, die diese Seite in den letzten Wochen hatte.

Mit Heide Lang, Thomas Müller, Frank Pfütze, Kay Stolle und dpa

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