Zeitung Heute : Die Sonntagsfrau

Jetzt also Anne Will: Sabine Christiansens Nachfolge ist geklärt – gut fürs Fernsehen. Es könnte leiser werden

Barbara Sichtermann

Als es rauskam im letzten Jahr, dass Sabine Christiansen mit dem Polittalk aufhört und Günther Jauch womöglich an ihre Stelle tritt, da dachten viele: Warum tut er sich das an? Die Antwort hieß: Er will seriös werden. Vom Entertainer zum Polittalk-Moderator, das ist in der Fernsehwelt wohl doch ein Aufstieg.

Jetzt ist es nicht Günther Jauch geworden, sondern Anne Will. Bei ihr fragt keiner: Warum bloß? Denn seriös werden muss diese Frau nicht mehr. Sie ist es immer gewesen und geblieben, ganz wie Sabine Christiansen. Aber es gibt einen deutlichen Unterschied zwischen den beiden, und der besteht in dem Typus von Seriosität, den sie verkörpern.

Im Alter sind sie gar nicht so weit voneinander entfernt. Anne Will ist 40, Sabine Christiansen neun Jahre älter. Und doch liegt zwischen ihnen fast eine Generation, was den Ausdruck der jeweiligen Bildschirmpersönlichkeit betrifft. Christiansen ist immer nur die Präsentatorin einer Nachricht oder – später, in ihrer Talkrunde – einer Frage gewesen, sie selbst aber ist hinter der Wichtigkeit der Welt verschwunden. Auch Will lässt der Nachricht den Vortritt. Aber sie weiß, dass sie selbst ein Teil der Welt ist, über die sie berichtet, und das drückt sie mimisch, gestisch und stimmlich auch aus. Mit ihr kommt Leben in die Nachrichten, ohne dass die Distanz, die eine News-Frau zwischen sich und ihren Bericht legen muss, kleiner würde. Ohne einen Hauch von Spielerei, von mangelndem Ernst.

Anne Will könnte ihre moderne, subjektive Seriosität segensreich einsetzen. Die Sendung leidet schon lange an der Kluft zwischen der altmodisch-steifen Moderation Christiansens und der neumodisch- zappeligen Keckheit der Gäste, die ja längst keine Zurückhaltung mehr kennen und durcheinanderkrähen, wie ihnen gerade zumute ist. Will ist, ohne zappelig zu sein, ähnlich durchsetzungsfähig wie die Teilnehmer, sie könnte der Runde signalisieren: Okay, Jungs, jeder von euch will die meisten Punkte machen. Jeder hat drei Versuche. Aber nicht aus dem Stand, sondern über den Umweg meiner Worterteilung und meiner Fragen! So könnte sanfte Disziplin einen Denk-Raum schaffen, in dem so etwas wie Diskussion überhaupt wieder möglich wird.

Anne Wills Subjektivität war indessen nie mit der ihres langjährigen „Tagesthemen“-Kollegen Ulrich Wickert zu vergleichen. Wickert war ein Grenzfall als Nachrichtenmann. Seine mimischen Kommentare zu dem, was er vortrug, waren ziemlich persönlich, schon fast privat. Sein Zwinkern und sein Grienen wollten sagen: „Überlassen wir doch diese verrückte Welt sich selbst und trinken einen guten Wein.“ Er ging ein bisschen zu weit in der Distanz zu der Sache, die er zu machen hatte, und in seiner Kumpanei mit dem Publikum, das wie er lieber Wein trinkt als Nachrichten schaut.

Anne Will ist auch Mensch auf dem Bildschirm, keine Marmorskulptur wie Christiansen, nicht mal Dame, sondern eine Frau mit Eigenart, zugleich aber mit Respekt vor der verrückten Welt und all dem, was da so passiert. Sie geht – stimmlich, mimisch – nie so weit auf Abstand von den News, dass sie in die Gefahr der Überheblichkeit geriete. Und sie schmeißt sich auch an das geneigteste Publikum nicht ran. Diese goldene Mitte zwischen Menschbleiben und Nachrichten-Kunstfigur-Seinmüssen ist wohl der Schlüssel zu dem Schrein, in dem das Erfolgsgeheimnis der Anne Will aufbewahrt ist.

Die Frau mit der klaren Ansage und der lebhaften Mimik kam zum Fernsehen, als das Patriarchat dort wankte. Nicht, dass es inzwischen gestürzt wäre, aber es wankt immer noch, was nichts anderes heißt, als dass Frauen mehr und bessere Chancen kriegen. Will hat die ihre genutzt, wobei sie, wie sie selbst erklärt, gar nicht groß kämpfen oder tricksen musste, sondern sich auf die eigene Kraft und auf engagierte Mentoren verlassen konnte. Was Frauen oft im Weg steht, wenn sie sich in Männerdomänen hineinwagen, ist die normale Unsicherheit, die sie meist verspüren. Und von der sie dann entweder durch Aufmüpfigkeit oder durch Überanpassung abzulenken versuchen.

Will hatte so etwas nicht nötig. Ihre Zurückhaltung kommt ebenso echt rüber wie ihre Entschiedenheit. Als Interviewerin hat sie Meriten erworben, die auch die Männerwelt beeindrucken. Man muss in diesem Job nämlich zugleich Abstand halten und nah rangehen, und wie Will dieses Paradox in die Praxis umsetzt, das macht ihr so leicht keiner nach.

Dennoch wird sie es nicht leichthaben in der Männerwelt Fernsehen. Männer fördern Frauen gern, solange der Kontext für sie erotisch angehaucht ist. Einem hübschen Mädchen die Türen öffnen, das macht ihnen Spaß, und es heißt keineswegs immer, dass sie mehr wollen als das. Will hat es mit ihrer Konzilianz und ihrer Anmut den Kollegen bestimmt erleichtert, sie in den Club aufzunehmen. Aber Männer fördern Frauen nicht mehr so gern, wenn die Erotik der Macht ins Spiel kommt und sie Einfluss und Entscheidungssphären teilen müssen. Sie lassen dann nicht nur das Fördern sein (das dann ja auch nicht mehr nötig ist), sie geben sogar die Fairness auf und werden überhaupt wütend. Egal, wie hübsch die Frau ist. Anne Will sollte, bevor sie im Sommer den Christiansen-Sessel besteigt, sich tragfähiger Netzwerke vergewissern, auch unter Frauen.

In einem Interview hat sie einmal geäußert, es gebe Moderatoren, die vor allem mit sich selbst, und solche, die vor allem mit der Sache beschäftigt seien. Klar, zu welcher Sorte sie zählt. Ihre Sachbezogenheit gibt ihr Schärfe und Zuspitzung bei der Formulierung von Fragen und bewahrt sie davor, aus lauter Stolz, zum Beispiel als Interviewerin von Kanzler oder Kanzlerin, zu entgegenkommend zu sein.

Das Seltsame an der Sendung „Sabine Christiansen“, so wie sie derzeit noch läuft, ist, dass alle drüber meckern (nichts als Sprechblasen), aber trotzdem gucken. Zwar sind die Quoten gesunken, aber out ist die Sendung noch nicht. Offenbar gibt es ein Bedürfnis, von Ministern, Oppositionspolitikern und anderen, jeden Sonntag über den Ist-Zustand der Republik aufgeklärt zu werden, auch wenn nicht mehr dabei herauskommt als Aufklärung über den Ist-Zustand von Ministern und Oppositionspolitikern.

Anne Will weiß, dass es schwierig ist mit der Politik im Fernsehen, denn die ist ein mühsames und langwieriges Geschäft, und so etwas will in dem unterhaltungslastigen Medium niemand sehen und niemand senden. Fast alles, was im Fernsehen kommt, muss durch einen Tainment-Katalysator geschleust werden, auch und gerade die Politik. Und da liegt die große Gefahr für die Macher: dass die Dinge verkürzt und verwässert werden, aber auch eine Chance – zum Beispiel wenn die Tainisierung von Politik gerade dadurch zustande kommt, dass man sie in kleine Teile zerlegt und die dann genau anschaut.

Anne Will hat mit ihrer Art, die Dinge der Welt nicht irgendwie, sondern möglichst logisch, passend und sinnreich anzuordnen, dazu wahrscheinlich die Fähigkeit. Fernsehen funktioniert ja auch als oberflächliches Medium. Wenn etwas gut klingt, nimmt der Zuschauer es hin, er hat eh keine Möglichkeit zurückzuspulen. Will könnte sich als Rückspulerin profilieren, als diejenige, die gerade in jene Details geht, von denen der befragte Politiker ablenken will.

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