Zeitung Heute : Die spanische Version zeigt mehr Gefühl - Endemols Siegeszug durch Europa

Ralph Schulze

Ist die "Big Brother"-Show nichts als ein großer Betrug am Publikum? Für die nationale spanische Tageszeitung "La Razon" ist die Sache klar: "Alles ist unter Kontrolle in Gran Hermano", dem spanischen Bruder der aus Holland importierten Überwachungsshow. Das Blatt spricht von einer "Montage", die raffiniert vorbereitet worden sei. Drehbuchautoren, Schauspieler und Gehälter - nichts bliebe der Improvisation überlassen.

In der Tat fallen nach den ersten spanischen "Gran Hermano"-Wochen zwei Dinge ins Auge. Erstens: Die Spanier sind völlig verrückt geworden, seit der "Große Bruder" im privaten Fernsehkanal "Tele 5" über den Bildschirm flimmert. Die Einschaltquoten erreichen historische Dimensionen: durchschnittlich an die 50 Prozent, zuweilen gar 75 Prozent zur besten Sendezeit - das gab es sogar in diesem fernseh-besessenem Land noch nie. Selbst der Fußball hat gegen den "Großen Bruder" klar verloren.

Zweitens: Die Dramaturgie im spanischen Big-Brother-Haus, das in einem Vorort der Hauptstadt Madrid steht, scheint perfekt. Das erste große Liebespaar, Jorge (25) und María (30), fand sich nach drei Tagen und wurde per "Zuschauervotum" gleich wieder getrennt. María musste ausziehen: "Warum tut ihr mir das an", schrie Jorge aus dem Fernseher heraus. "Ich liebe Dich", schluchzte María ihrem Lover und dem Rest der Welt entgegen. Auch die anderen acht Kandidaten weinten vor sich hin - und mit ihnen Millionen TV-Zuschauer.

Zehn Tage später wird Israel (24), Bettgenosse von Silvia (26), von den Zuschauern geschasst. Doch das Drama endet mit einem Happy-End. Silvia lässt ihren verzweifelten Israel in der Stunde der Not nicht im Stich "Wir gehen", sagt sie entschlossen, fällt ihrem Geliebten um den Hals.

Zwei Dutzend Drehbuchautoren, Regisseure und Redakteure sollen hinter den Kulissen dafür sorgen, dass Spaniens "Gran Hermano"-Fieber nicht abklingt. Von mindestens vier Kandidaten weiß man inzwischen, dass sie schon länger davon träumen, auf der Bühne zu stehen, berühmt zu werden und dafür bereits ein bisschen schauspielerten. Ania (24), zeigt gerade in einem Soft-Porno-Magazin, was sie so alles kann. Andere spielten schon kleinere Rollen, machten beim Casting mit oder standen auf dem Laufsteg. Arbeitsrechtlich gesehen sind die zehn Kandidaten übrigens so etwas wie Angestellte des Fernsehsenders, die während der Drei-Monats-Show ein festes Gehalt beziehen - 3250 Euro pro Monat.

Dieser Lohn ist ein Pappenstiel, gemessen an dem, was nach der Brother-Haft folgt. Auch der Fernsehsender "Tele 5" macht derzeit das Geschäft seines Lebens. Der Run auf die Werbezeiten der "Gran Hermano"-Sendung erlaubte es, die Preise zu verdoppeln.

Der spanische Telekommunikationsriese Telefónica hatte offenbar den richtigen Riecher, als er im März den Big-Brother-Erfinder, die TV-Fabrik Endemol für 5,5 Milliarden Euro schluckte. Seitdem ist "Big Brother" genau genommen ein Spanier.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben