Zeitung Heute : Die Spannung steigt

Autohäuser und Werkstätten müssen noch viel über E-Mobilität lernen – Fortbildung und Risikoeinschätzung sind die wichtigsten Fächer

Unterwegs für die Umwelt. Nach rund 29 000 Kilometern sind die Teilnehmer einer umweltschonenden Erdumrundung am vergangenen Donnerstag ans Ziel gekommen. Die „emissionsfreie“ Weltreise in Elektrofahrzeugen aus Deutschland, Australien und der Schweiz endete am europäischen Sitz der Vereinten Nationen in Genf. Bei den Fahrzeugen handelte es sich um ein dreirädriges Elektroauto aus Australien, einen deutschen Elektroroller und ein Schweizer Elektromotorrad. Foto: dpa
Unterwegs für die Umwelt. Nach rund 29 000 Kilometern sind die Teilnehmer einer umweltschonenden Erdumrundung am vergangenen...Foto: dpa

Als vor vier Jahren der Kauf eines Neuwagens anstand, überlegte Klaus Schulze nicht lange. Ein Hybridauto sollte es sein. „Der Umwelt zuliebe und natürlich um Benzin zu sparen“ – das waren für den Potsdamer die Gründe dafür. Seine Entscheidung hat er nicht bereut. Im Vergleich zu seinem vorigen Benziner verbraucht er heute nur noch fünf anstatt 11 Liter Benzin pro 100 Kilometer. Entdeckt hat er sein Wunschmobil bei einem Vertragshändler von Toyota mit dazugehöriger Werkstatt. Auch nach vier Jahren fährt Schulze begeistert mit seinem leisen Hybridauto zwischen Berlin und Potsdam hin und her. Ein kurzer Blick auf das Display verrät, ob der Wagen gerade mit Strom oder Benzin angetrieben wird.

Als für das Hybridauto die erste Inspektion für den Tüv fällig war, brauchte der Besitzer nicht lange nach einer Werkstatt suchen. Er fuhr zu den Fachleuten des Autohauses der Motor Company, bei dem er sein Auto auch gekauft hat. „Beim Tüv ist der Aufwand für Hybride und Benziner etwa gleich“, sagt Thomas Rauhut, Betriebsleiter der Motor Company, die in Berlin und Brandenburg weitere Autohäuser betreibt. Dennoch gibt es einige wichtige Unterschiede zu beachten. So müssen die Mitarbeiter wissen, wo sie anfassen können, ohne einen Stromschlag zu bekommen. Das Personal der Motor Company wird deshalb seit 2000 von Toyota entsprechend geschult. An zwei Tagen bekommen die Mitarbeiter vermittelt, was im Umgang mit Hochvolt-Fahrzeugen zu beachten ist.

Betriebsleiter Rauhut beobachtet seit fünf Jahren eine stetig steigende Nachfrage nach den Hybridmodellen. Dabei soll die Zukunft nicht den Autos gehören, die mit Benzin und Strom fahren, sondern den reinen Elektroautos. „E-Mobilität ist bereits in aller Munde“, sagt der Betriebsleiter. Der große Vorteil der Elektroautos: Sie stinken nicht, sie sind leise, sie fressen Strom aus der Steckdose statt Erdöl. Die Autofirmen können sich dem Ruf nach dem grünen Auto nicht mehr entziehen und präsentieren auf den großen Automobilmessen ihre neuesten elektrischen Entwicklungen.

Nach einer Umfrage des Tüv Rheinland wünschen sich 54 von 100 Deutschen als nächstes Auto einen Elektrowagen. Die Mehrheit ist überzeugt, dass diese gut für die Umwelt sind, den Autofahrer unabhängig vom Öl machen und geringere Betriebskosten haben. Dass die Batterie nur für eine begrenzte Kilometeranzahl ausreicht und mehrere Stunden braucht, bis sie wieder geladen ist, scheint die Freunde nur wenig zu trüben. Noch fehlt die Infrastruktur für diese innovativen Autos, die nur umweltfreundlich sind, wenn sie Strom aus erneuerbaren Energien tanken.

Auch das Unternehmen Tüv Süd Auto Service hat sich in einer aktuellen Studie mit dem Thema E-Mobilität befasst, um herauszufinden, wie gut Handel und Werkstätten auf die innovative Elektromobilität vorbereitet sind. Danach sehen rund 60 Prozent der freien und markenungebundenen Werkstätten und Autohäuser die E-Mobilität als Chance für das eigene Unternehmen. „Mehr als 60 Prozent informieren sich ständig über den Stand der Technik bei Hybrid und Elektroautos“, berichtet Horst Schneider, Sprecher der Geschäftsführung, von den Ergebnissen. Allerdings glauben lediglich 12 Prozent der 311 bundesweit befragten Werkstätten und Autohäuser, dass sie sich bereits heute mit der Elektro-Technologie auseinandersetzten müssen. Alle anderen sehen den Strom erst langsam auf die Straße rollen, 32 Prozent immerhin in zwei bis fünf Jahren. Mögen die Elektroautos erst nach und nach den Straßenverkehr erobern, so sind die zunehmenden Hybridautos bereits Realität. „Wer als Autohaus von diesem Trend profitieren möchte, muss sein Personal auf die entsprechenden Herausforderungen vorbereiten, sowohl im Verkauf wie in der Werkstatt,“ betont Schneider. Die Studie zeigt jedoch, dass mehr als 80 Prozent der Techniker und Mechatroniker noch keine Erfahrungen mit Hybridmodellen haben. Lediglich in 14 Prozent der befragten Werkstätten sei das Personal entsprechend geschult worden. Alarmierend ist, dass mehr als 22 Prozent ein Hybrid- oder E-Mobil auch ohne Schulung reparieren würden. Die Gefahren der Hochvolt-Technologie (HV), Stromschlag oder Batteriebrand, sind nur für wenige Werkstätten ein Thema.

Die Innung des Kraftfahrzeugsgewerbes Berlin, die seit 2009 eine zweitägige Schulung zum „Fachkundigen für Arbeiten an HV-eigensicheren Fahrzeugen“ anbietet, bestätigt die geringe Nachfrage. Bisher sind nur 42 Schulungen von der Innung durchgeführt worden. Frank Volk, der Sprecher der Tüv Süd AG, empfiehlt deshalb, das Auto dort warten zu lassen, wo es gekauft wurde. „Freie Werkstätten kennen sich oft noch nicht so weit mit neuen Technologien aus wie Werkstätten der Autohäuser“, sagt er.

Eine ganz andere Ansicht vertritt der Zentralverband Deutsches Kraftfahrzeuggewerbe. „Als Schnittstelle zum Kunden sind die Autohäuser und Werkstätten des Deutschen Kraftfahrzeuggewerbes bereits heute gut aufgestellt“, erklärt der Sprecher Ulrich Köster. Seit 2009 bietet die Akademie des Deutschen Kraftfahrzeuggewerbes die zweitägige Schulung in Kooperation mit Berufsbildungszentren an. Laut Köster erfreut sich diese wachsender Nachfrage: Im vergangenen Jahr wurden 52 Seminare mit über 700 Teilnehmern durchgeführt, bis Ende Februar dieses Jahres gab es bereits 19 Seminare mit 280 Teilnehmern.

Um den neuen Herausforderungen der Tüv-Hauptuntersuchungen der Elektrofahrzeuge gerecht zu werden, kooperiert die Tüv Süd AG mit der Partnerprüfstelle in Hoppegarten bei Berlin.

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