Zeitung Heute : Die SPD hat das alles schon erlebt

TISSY BRUNS

BONN .Gleichsam als Bildunterschrift für den Kanzler, der seiner Partei lange Zeit als böser Bube, als lockerer Filou galt.Nun ist er ihr Vorsitzender, mit steigerungsfähiger Zustimmung.Die SPD, von der es heißt, sie liebt den Schröder nicht, akzeptiert den Kanzler als neuen Parteivorsitzenden.Sonst ist alles glattgegangen.Die SPD hat, wie es sich für sie gehört, über den Kosovo-Krieg gestritten.Am Ende stand die Mehrheit der Delegierten hinter der sozialdemokratisch geführten Bundesregierung, die als erste nach 54 Jahren Nach- und Nichtkriegszeit deutsche Soldaten in einen militärischen Konflikt schicken mußte.

Verantwortung.Schröder.Am ehestens gibt dieses Bild darüber Aufschluß, daß die wenigen Stunden eines wenig spektakulären Sonderparteitags in der Parteigeschichte der SPD wirklich wichtig waren.Nicht, weil der Parteivorsitzender Schröder, wie die Parteilinke fürchtet, für einen Richtungswechsel steht.Der hat in Bonn nicht stattgefunden und ist innenpolitisch auch nicht absehbar.Wo eine Richtung vorher nicht erkennbar war, kann niemand eine andere einschlagen - was man bedauern mag.Die Dinge liegen nun einmal so, daß der Kanzler, der die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit ganz hoch veranschlagt, sich der SPD als Außenpolitiker vorstellen mußte.Das Thema des Parteivorsitzenden ist in diesen Wochen der Krieg, alles andere bleibt so offen, wie es vorher war.

Fast, ohne es zu merken, hat die SPD in Bonn zweierlei gemacht.Zunächst: Ein Wort, ein Mann - damit hat die SPD die lange Zeit der Doppelgesichtigkeit und Doppelbotschaften beendet.Innovation und Gerechtigkeit, Parteivorsitzender und Kanzlerkandidat - die SPD hat die Zeit der kunstvollen Zweiklänge hinter sich gelassen, die auf dem Weg zur Regierungsmacht ihren Sinn und Zweck hatten.Diese Methode hat den Genossen an die Macht gebracht, die sie mit einer übermütigen Botschaft ausüben wollten: Regieren macht Spaß.Wir haben die Mehrheit und brauchen niemanden.Dann, ziemlich schnell, kam die hessische Wahl, Lafontaines Ausstieg, der Krieg.Die Macht hat die SPD immer noch, aber nun spürt sie die Verantwortung und nimmt sie an.Das ist das zweite, das wichtigste Merkmal des Sonderparteitags.Der Kosovo-Konflikt, aber nicht er allein, hat den Delegierten eine andere Einstellung zur Macht aufgenötigt.Kein Richtungs-, wohl aber ein Haltungswechsel.

Ohne Oskar Lafontaine und seinen Rückzug hätte es diesen Parteitag nicht gegeben.Doch die Delegierten sind ganz leicht ohne ihn ausgekommen.Beinah scheint er vergessen zu sein, der ehemalige Parteichef, der über ein Jahrzehnt die SPD geformt und in Atem gehalten hat.In Atem hat er sie aber nicht nur mit seinem politischen Temperament gehalten, sondern auch durch seine zeitweiligen Rückzüge, seine Verweigerungen.Dafür hat die SPD keine Zeit, keinen Raum mehr.Und deshalb fehlt Oskar Lafontaine der SPD eigentlich nicht.Die Nachrichten und Gerüchte aus Saarbrücken, es sei auch Schröders lässiger Umgang mit dem Kosovo-Konflikt gewesen, der ihn zum Ämterverzicht veranlaßt habe, hat die Delegierten nur noch wie ein schwaches Nachgrollen des großen Gewitters erreicht, das längst abgezogen ist.Der Parteitag hat sich statt dessen der Mühe unterzogen, die eigenen Begriffe von Friedfertigkeit auf den Prüfstand einer Wirklichkeit zu stellen, die über Frieden, militärische Gewalt, Moral nur uneindeutige Auskünfte gibt.

Fast verdächtig schnell, wie diese Partei, die vor vier Jahren, als es um Bosnien ging, noch ganz anders argumentiert und gehandelt hat, nun bereit ist, einen riskanten Weg mitzugehen.Das hat auch mit den Versuchungen der Macht zu tun und mit einem Schuß Opportunismus, wie bei den Grünen.Doch bei den Delegierten, die gestern in Bonn diskutiert und Gerhard Schröder gewählt haben, war auch spürbar, daß da etwas überfällig, daß es höchste Zeit gewesen ist.Anders als die Grünen wird die SPD nicht erst an der Macht erwachsen.Sie ist eine ganz alte Partei und hat das alles schon erlebt.Die SPD war selten nur in ihre Programme verliebt, sondern eben auch in die Macht, die Verhältnisse zu ändern.

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