Zeitung Heute : DIE SPD UND IHR CHEF: Schröder zwingt sich auf

STEPHAN-ANDREAS CASDORFF

Sie können sogar einen an ihrer Spitze stürzen - wenn es denn einen Anführer gibt. Ja, wiederholt sich hier etwa die Geschichte? Diese letzten Tage . . . Droht wieder ein Mannheim? Und wieder ein Sturz, diesmal der von Gerhard Schröder, der inzwischen ganz oben angelangt ist? Unsinn, die Genossen sind nicht so.Dafür, daß Schröder in der SPD inhaltlich eine Revolution versucht, ist es im Grunde erstaunlich ruhig. Der Saar-Ministerpräsident Reinhard Klimmt begehrt auf, ein wenig. Einige schließen sich ihm an, auch ein wenig. Aber wirklich gefährlich ist das alles für Schröder nicht. Jedenfalls noch nicht. Parteilinke, Gewerkschafter, ein paar Junge - solchen Streit kann sich der Kanzler leisten. So stark sind sie nicht, seine Kritiker. Und so stark ist ja auch die ganze Partei nicht mehr, daß sie es sich leisten könnte, diesen Parteivorsitzenden zu stürzen. Klimmt ist kein Anführer, und keiner ist in Sicht, der die SPD anstelle Schröders mehr begeistern könnte. Etwa Rudolf Scharping?Also wird es in der SPD zwar weiter rumoren, werden die Diskussionen um den Abschied von der Verteilungsgesellschaft weitergehen, aber letztlich wird sich der Mann der "Neuen Mitte" durchsetzen. Wir erleben gerade die Entideologisierung der Politik: "Linke" wollen sparen und kürzen in nie gekanntem Ausmaß, die Rente reformieren, die Steuern senken - und die Rechte hat Mühe, dagegen zu sein, weil es ihre Themen sind. Liberal, ob neo oder alt, sind sie obendrein alle. Modern ist, was vernünftig ist.Gerhard Schröder spielt die personifizierte Vernunft. Das kommt an, mehr als seine Kritiker, ob in der SPD oder außerhalb, sich eingestehen mögen. Auch hier gilt: Gemessen an der Kritik, die sich die neue Regierung gefallen lassen muß, sind die Popularitätswerte des Kanzlers erstaunlich hoch. An ihm haftet die Aura des Erfolgs, und das beeindruckt die Partei. Deshalb hält die Mehrheit still: weil sie genau das lange vermissen mußte. Genaugenommen seit den Zeiten Helmut Schmidts.Und Schröder ist ein Lernender: in der Organisation von Macht. Einiges hat er sich bei Helmut Kohl abgeschaut, anderes - wie die Pose, die Attitüde - von Helmut Schmidt. Gerhard Schröder als Helmut der Dritte? Das hieße, ihn wieder zu unterschätzen und zu vergessen, daß die Amerikanisierung seines Wahlkampfs ein ernstzunehmender Hinweis war: Schröder lernt auch von Bill Clinton.Der Kanzler regiert wie ein amerikanischer Präsident. Er hat einen loyalen Stabschef, parteiübergreifend Sonderbeauftragte, Fachleute. Die müssen nicht der SPD angehören, sondern von der Schröder-Partei sein - pragmatisch, flexibel, zielorientiert. Alles ist auf den Kanzler zentriert. Schröder stößt an und läßt andere machen. Das macht ihn selbst weniger angreifbar als diejenigen, die für die Resultate sorgen müssen.Die Partei gerät da in eine dienende Rolle, zum ersten Mal. Schröder regiert nicht gegen die SPD - er regiert nur ohne sie. Eben wie der Präsident in den USA. Schröder hat erkennbar seine "Richtlinienkompetenz" in der Regierung auf die Partei übersetzt. Die SPD als politische Dienstleistungsagentur, als Abbild der Clinton-Partei? Zu Recht haben einige damit Probleme. Bei dieser langen Tradition! So zwingt sich dieser Kanzler der SPD auf. Aber sie hat ja keine Alternative. Etwa Scharping? Oder Klimmt? Und deshalb wird die Mehrheit Gerhard Schröder auf dem Berliner Parteitag im Dezember folgen. Murren darf sie.

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