Zeitung Heute : Die Spielverderber

André Görke

Beim morgigen Länderspiel Deutschland gegen Tschechien drohen wieder Krawalle deutscher Hooligans. Wie wollen die Sicherheitsbehörden Randale in Prag verhindern?


Am Donnerstagvormittag piepst der Computer des Grenzbeamten, auf dem Display steht der Vermerk: „Gewalttäter Sport“. Für den Hooligan war die Reise zum Fußball-Länderspiel nach Prag damit beendet. „Zehn Männer“ habe man allein bis zum Mittag erwischt, berichten späterHooligan-Fahnder. Das ist die gute Nachricht. Die schlechte: „Die Szene hat sich auf den Weg gemacht.“

Über das Länderspiel am Samstagabend hat Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) längst mit seinem Amtskollegen in Prag telefoniert. Sicherheitsexperten sind besorgt, dass mehrere hundert deutsche Gewalttäter nach Prag reisen könnten. Von „400, sogar 500“ ist die Rede; Tschechiens Polizei spricht gar von „bis zu 1000“.

Seit Monaten geht die Polizei Gerüchten nach, die Szene wolle in Osteuropa randalieren. Bereits im September 2005 und im Oktober 2006 hatten Deutsche in Bratislava (Slowakei) gewütet, im März 2005 auch in Celje (Slowenien). Sie nahmen Kneipen auseinander, droschen auf Polizisten ein und grölten Nazi-Lieder wie: „Wir sind wieder einmarschiert!“

Die Sicherheitsbehörden wollen hart durchgreifen. „Wir nehmen das Länderspiel in Prag sehr ernst“, sagte Michael Endler dem Tagesspiegel. Er ist Leiter der „Zentralen Informationsstelle für Sporteinsätze“ (ZIS) beim Landeskriminalamt in Düsseldorf – und damit Deutschlands höchster Hooligan-Fahnder. Bei der ZIS sind rund 7000 Männer registriert – in eben jener „Gewalttäter-Datei Sport“.

Die Tschechen haben das Hilfsangebot des Innenministeriums angenommen. In dem Telefonat hatte Schäuble angeboten, „alles an Unterstützung zu bieten, was gewünscht sei“, sagte ein Ministeriumssprecher. Bereits zur WM habe man „sehr gut und erfolgreich“ kooperiert. Zehn Hooligan-Fahnder sind deshalb seit gestern in Prag; etwa 15 zivile Bundespolizisten verstärken die tschechischen Polizisten an den Grenzen. „Wenn wir einen Gewalttäter am Flughafen in Prag identifizieren, kann es sein, dass er die nächste Maschine zurück nehmen muss“, sagt der Chef der Bundespolizei-Delegation in Prag, Uwe Landgrebe. Auch die Kontrollen an den Grenzen zu Polen, Österreich und der Slowakei wurden verstärkt – über diesen Umweg wollen Hooligans die Polizei austricksen. Die Beamten wissen: „Jeden fischen wir nicht raus.“ Aber beim letzten Spiel in Bratislava wurden immerhin 220 Hooligans an der Anreise gehindert.

Seit Monaten werden in der Szene Erinnerungen von 1992 aufgefrischt. Damalige „Warnschüsse“ und „Pyro-Attacken auf die Bullen“ werden in Internetforen bejubelt. Sie hatten sich so wilde Prügeleien in Prag geliefert und Nazi-Parolen gegrölt, dass ein tschechoslowakischer Abgeordneter sagte: „So haben sich die Deutschen vor 50 Jahren schon einmal benommen.“ 100 Deutsche reisten damals mit dem Reisepassvermerk „unerwünscht“ zurück; sie durften die CSFR ein Jahr nicht betreten.

15 Jahre später setzen die Länder auf „eine Doppelstrategie“, heißt es beim Innenministerium. „Wir wollen Hooligans an der Ausreise hindern – und an der Einreise.“ Hunderte Hooligans wurden vor der Anreise in einer „Gefährderansprache“ gewarnt. Rund 100 Rädelsführer sollen zudem eine Meldeauflage erhalten haben; sie müssen sich damit vor und während des Spiels auf ihrer Polizeiwache melden. So soll verhindert werden, dass sie nach Prag reisen – das gilt auch für die rund 300 registrierten Schläger aus Berlin. „Wir haben noch längst nicht alle unserer Sorgenkinder angesprochen“, sagt der Dezernatsleiter des zuständigen LKA in Berlin, Andreas Grabinski. Bei der letzten Randale in Bratislava wurden auch Berliner Hooligans verhaftet.

In Prag wird sich die Szene an einem zentralen Platz treffen, nahe dem Amüsierviertel und der Fast-Food-Läden. Karten hat keiner. Sie gibt es erst vor Ort gegen Vorlage des Personalausweises, und nur für die friedlichen 1800 deutschen Fans. Die Polizisten werden daher wenig vom Spiel sehen – ihre Klientel wird in der Innenstadt zu finden sein.

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