Zeitung Heute : Die Spielwiesen des Cyberspace

Wolfgang Neuhaus

Künstlerische und die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den neuen Medien in LinzWolfgang Neuhaus

Die Ars Electronica in Linz ist das kulturelle Forum für die künstlerische und die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den neuen Medien. Wurde die Ars anfangs skeptisch beurteilt, hat sie sich zu einer weltweit anerkannten Veranstaltung der Computerkunst entwickelt. "LifeScience" war das Thema des diesjährigen Symposiums, das sich mit Problemen der Gentechnologie beschäftigte, während der Prix Ars Electronica einige Neuerungen erfuhr.

Insbesondere die Rubrik "Computermusik" ereilte in diesem Jahr eine längst überfällige Korrektur. Sie wurde in die Kategorie "Digital Musics" umgewandelt. An der seit vielen Jahren pulsierenden Musikszene um Homerecording, Techno-Bewegung und DJ-Kultur kommt man nicht mehr vorbei. Der Hauptpreis ging an das Musikvideo "Come to Daddy" von Aphex Twin und Chris Cunningham.

Eine zweite Neuerung ist die Aufteilung der Sparte "Computeranimation" in Animation und "Visual Effects". Es waren seit Jahren kritische Stimmen zu hören, dass bei der Ars millionenteure Sequenzen aus Hollywood-Produktionen und künstlerisch wie wissenschaftlich interessante Arbeiten in einen Topf geworfen werden. In der freien Kategorie "Computeranimation" ging der Hauptpreis, die Goldene Nica, an Chris Wedge für "Bunny", während dieselbe Auszeichnung unter "Visual Effects" die US-Firma Digital Domain für den Gestaltung der Effekte in dem Hollywoodfilm "Hinter dem Horizont" erhielt. Die gleiche Firma war im letzten Jahr der Gewinner mit "Titanic" gewesen.

Großen Zulauf hat der vor einem Jahr neu hinzugekommene Wettbewerbsteil "U 19", der ohne technische oder thematische Einschränkung für alle Teilmnehmer bis neunzehn Jahre gedacht ist. Allein hier gingen über 600 Einsendungen ein. Erstaunlich das Engagement und die Kreativität der nachfolgenden Generationen, die schon wie selbstverständlich mit Computer und World Wide Web aufwachsen. Der Hauptpreis ging hier an "(conspirat)." von Raimund Schumacher und Jürgen Oman. Die besten Arbeiten für "interaktive Kunst" werden in Linz in einem neuen Museum für Gegenwartskunst ausgestellt.

Fragen von "Kunst, Technologie und Gesellschaft" zu verbinden, hat von Anfang an die Stärke der Ars ausgemacht. Vielleicht hat Peter Weibel, künstlerischer Leiter der Ars von 1986 bis 1995 recht, wenn er moniert, dass die Ars zu Beginn der achtziger Jahre keinen Kontakt zum Kunstbereich hatte und eine "Spielwiese" des ORF war. Das hat sich im Laufe der Zeit geändert. Die Ars brachte in den letzten Jahren einige Themen auf, die in Europa weitgehend unbekannt waren: Cyberspace, Nanotechnologie und künstliches Leben.

Ob es denn Kunst sei, was in den Sparten präsentiert wird, ist eine Frage, die ein Symposium am Donnerstag beschäftigen wird. Der Buchautor und "Kybernetiker" Herbert W. Franke, der das Festival vor zwei Dekaden mitkonzipiert hat, meint, dass es nachwievor "keinen allgemein verbindlichen Kanon" gebe, nach dem sich Sinn und Wert der Computerkunst bemessen werden ließe, vieles eher "experimentellen Charakter" habe. Und das ist der Eindruck, der von vielen Jahren Ars bleibt. Große Momente gibt es, ähnlich wie in anderen Feldern der Kunst, nur in wenigen Fällen - dafür ist die Ars ein "Experimentierlabor" für die ästhetischen Tendenzen des nächsten Jahrtausends.
© 1999

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