Zeitung Heute : Die Spielzeugsinfonie

Susanna Nieder

Gibt es Menschen, die keine Musik mögen? Klar, die einen können die "No Angels" nicht ausstehen, die anderen halten sich die Ohren zu, wenn sie Opernsänger hören. Aber irgendeine Art von Musik mag eigentlich jeder. An allen Ecken dudelt es - im Supermarkt, im Auto, zu Hause. Man schiebt einfach eine CD in die Stereoanlage und ab geht die Post. Wer früher Musik hören wollte, musste ins Konzert gehen oder selbst musizieren. Heute kriegt man so viel Musik zu hören, dass man sie oft nur noch nebenbei wahrnimmt.

Tod Machover findet das schade. Er kommt aus Amerika und denkt sich neue Arten aus, wie Menschen selbst Musik machen können. Wer von euch ein Instrument lernt, weiß, wie viel man üben muss, um auf Geige, Klavier oder Flöte etwas zustande zu bringen. Wenn man schon was kann, macht es großen Spaß, mit anderen zusammen zu spielen - aber da muss man erst einmal hinkommen. Tod Machover hat überlegt, wie er den Menschen das gemeinsame Musizieren erleichtern kann. Und weil er nicht nur Cello und Klavier spielt, sondern sich auch gut mit Computern auskennt, hat er Computerprogramme geschrieben, mit denen auch Kinder Musik machen können.

Mit "Hyperscore" zum Beispiel könnt ihr selbst zu Hause Musikstücke schreiben - komponieren nennt man das. Dazu braucht ihr nicht die knifflige Musiktheorie zu kennen. Anstatt nach komplizierten Regeln Noten zu schreiben, "malt" ihr die Musik mit kringeligen Linien, die aussehen, als habe jemand bunte Würste aus einer Zahnpastatube gedrückt. Wieviel Hilfe ihr dabei vom Computer bekommt, könnt ihr euch selbst aussuchen. Je besser ihr werdet, desto selbstständiger könnt ihr arbeiten.

In den letzten drei Wochen haben Kinder aus der Carl-Orff-Grundschule fleißig am Computer gesessen und Musik für das Konzert "Toy Symphony" - das heißt "Spielzeugsinfonie" - komponiert. Tod Machover ist dazu eigens nach Berlin gekommen, denn hier lebt sein Freund Kent Nagano, ein berühmter Dirigent, der das Konzert zusammen mit dem Deutschen Symphonie-Orchester aufführt. Gespielt wird nicht nur eins der Stücke der Kinder aus der Carl-Orff-Grundschule, sondern auch andere Musik, an der Kinder mitgearbeitet haben. Tod Machover hat nämlich auch computergesteuerte Musikinstrumente erfunden. Er sagt dazu "music toys", "musikalische Spielzeuge", weil man kinderleicht darauf spielen kann.

Die eine Sorte Instrument nennt er "Beatbug", das bedeutet "Schlagkäfer" und sieht aus wie eine Computermaus mit zwei Fühlern. Man kann damit Geräusche machen, die sich wie verschiedene Arten von Schlagzeug anhören. Wenn man die Fühler bewegt, verändert sich der Ton, das klingt ganz schön abgefahren. Eine Gruppe von Kindern hat damit eine Woche lang gearbeitet und ein Musikstück gemacht.

Die andere Sorte von Instrumenten heißt "Shaper", das heißt "Former" und sieht aus wie ein bunter Stoffball mit einem Kabel, das an den Computer angeschlossen ist. Wenn man den Ball drückt und knetet, kann man Geräusche "formen", zum Beispiel das Pfeifen des Windes. Auch daraus kann man nämlich Musik machen - und aus allen möglichen anderen Geräuschen. "Musik ist überall in der Welt", sagt Tod Machover. "Jeder kann sie machen."

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