Zeitung Heute : Die Sprache der Stille

Das Geheimnis der Mönche: Der erste Film, der je in einem Karthäuserkloster gedreht wurde, läuft heute an

Kerstin Decker

Die Grande Chartreuse liegt weit oben. Über ihr ist der Himmel, unter ihr ist der Lärm der Welt. Im Kloster selbst, diesem Zwischenreich von Himmel und Erde, ist es still. Die Karthäuser schweigen schon fast 1000 Jahre lang, und unser Kommunikationszeitalter bestärkt sie darin.

Im Frühjahr 2002 näherte sich ein Mann dem Kloster in den französischen Alpen. Er trug ungewöhnliches Bergwanderer-Gepäck, eine Kamera und was man sonst beim Film so „Equipment“ nennt. 20 Kilogramm. Aber es war nicht irgendein Equipment, es war „High definition“ und das Neueste vom Neuen. Damit stand der deutsche Regisseur Philip Gröning vor dem Tor des alten Klosters. Bis eben war vollkommen klar, was mit Normalweltbewohnern passiert, die vor dem Tor der Ausnahmeweltbewohner stehen. Sie werden wieder nach Hause geschickt. Die Kartäuser sind einer der strengsten Orden, die die katholische Kirche hervorgebracht hat.

High definition? Aber natürlich. Schärfer, hochauflösender kann man sein Leben nicht definieren als diese Mönche das ihre. Aber sie sind kompromisslose Selbstdefinierer, noch nie haben sie sich fremden Blicken ausgesetzt und schon gar nicht „High definition“. Nicht mal Besuch empfangen sie. Ein Karthäuser-Mönch lässt sich nicht besichtigen. Und doch geschah das Außerordentliche: Der Mann mit der High-definition-Technik wurde eingelassen. Und kam erst Monate später wieder heraus.

Philip Gröning ist ein Weltenwechsler, er ist aus unserer atemlosen Kommunikationswelt in die statische Schweigewelt des Klosters eingetreten; er hat gelebt wie ein Mönch. Er war ganz nah an den archaischen Wurzeln unserer Kultur. Was wissen die Mönche, das wir vergessen haben? Und wie schwer ist die Rückkehr?

Philip Gröning, der Beinahe-Mönch, sitzt im Büro der Medienagentur, die seinen Film ins Kino bringt. „Die große Stille“ läuft heute an. Draußen vor den Fenstern klopft das Herz einer Drei-Millionen-Stadt. Tauentzien, fast schon Kurfürstendamm. Gröning hat ein schmales Gesicht, asketischer Typus, willensstark, mit Tendenz zur Vergeistigung. Ein Nazarener, hätte Heine gesagt. Sein Film ist der erste, der hinter die Mauern der Grande Chartreuse und in die Gesichter der Mönche schaut, ein paar frühe Architekturaufnahmen nicht mitgezählt. Gröning strahlt die Gelassenheit aus, wie sie Menschen besitzen, die nicht nur von heute sind, die noch andere Hintergründe in sich tragen. Doch jetzt spricht er über Tonspuren. „High definition“ hat tatsächlich vier Tonspuren! Braucht man vier Tonspuren, nur um Stille zu hören? Unbedingt, findet Philip Gröning aus Düsseldorf.

Zum ersten Mal hatte er vor fast 20 Jahren die Idee, einen Film über das Kloster zu machen. Ein Film über die Zeit sollte es werden. Es gibt die Zeit der Großstädte, das ist die Zeit, die keine Zeit mehr hat, und es gibt Orte, an denen die Zeit Raum wird. Am ehesten, dachte Gröning, könnte ein Kloster so ein Ort sein. Also schrieb er hin, an das Mutterkloster, die Grande Chartreuse: Darf ich? Der Abt schrieb zurück: natürlich nicht! Aber der junge Filmemacher fand seine Idee viel zu gut, um sofort aufzugeben. Er versuchte es bei den kleineren Karthäuser-Klöstern.

Ein Prior eines kleinen Klosters sagte: in zehn Jahren vielleicht. Oder in 15 Jahren… Sie blieben in Kontakt. Der Prior des kleinen Klosters wurde Prior des großen Klosters; mal meldete sich der Prior, mal Philip Gröning; die Jahre vergingen, erst zehn, dann 15, aber nie mehr fragte er den Prior wegen des Films. Bis der Prior eines Tages anrief: Wollten Sie nicht mal einen Film über uns machen? Pause. Und dann das Gefühl, das man hat, wenn Zeit Raum wird.

Die Bedingungen waren: kein künstliches Licht, keine Musik, keine Kommentare, keine Helfer, nur er. Gröning war einverstanden, diese Mönche schienen sehr viel von Avantgarde-Kino zu verstehen. Genau einen solchen Film wollte er machen. Obwohl schon Heimtücke dabei war. Kein künstliches Licht? Im Kreuzgang brennen 7,5-Watt-Birnen. Wer soll bei 7,5 Watt vernünftige Bilder machen? Gut, dass er „High definition“ hatte.

Philip Gröning trat ein in die tiefe Schweigewelt des Klosters. Und stellte mit Entsetzen fest, was für ein infernalischer Krach hier herrschte. Der Stoff seiner Jacke rieb aneinander wie Betonplatten, das Abstellen der Kamera klang wie ein ganzer Rangierbahnhof. Und was sollte er tun, die Kamera etwa wie eine Waffe auf die Mönche richten? Er hätte fragen können: Darf ich Sie mit meiner Kamera …? Aber fragen in einem Schweigekloster? Erst viel später würde er ungeniert sagen können: „Jetzt brauche ich den Dreifachstecker.“ Denn auch bei den Karthäusern darf man sprechen, wenn es die Arbeit erfordert. Jetzt schrieb er den Mönchen kleine Briefe. Ob er sie filmen dürfe. Und dann machte er das bis eben Unvorstellbare: richtete die Kamera direkt auf die Gesichter der Weltabgewandten.

Ich habe gelebt wie die Mönche, sagt Gröning, nur so war es möglich, den Film zu machen, den er wollte. Am Anfang befiel ihn manchmal Unruhe. Keine Zeitung, kein Fernseher, keine Musik. Nun gut, er hätte mogeln können. Er hatte Musik auf seinem Laptop. Einmal zehn Minuten lang hat er sie gehört. Dann nie mehr. Philip Gröning machte eine Erfahrung, die nur Wenigen heute zuteil wird: Er lebte plötzlich in einem angstfreien Raum. Vielleicht liegt in dieser Angstlosigkeit der stärkste Kontrast zur modernen Normalwelt. Die größte Angst der Gegenwart, wissen die Statistiker, ist die Angst vor Arbeitslosigkeit. Und das ist nicht nur die Angst, kein Geld mehr zu haben, es ist fast mehr noch die Angst, keinen Raum mehr zu haben, aber dafür von einer Zeitlawine überrollt zu werden. Ohne Arbeit ist man nicht nur unten in der Gesellschaft – man ist eigentlich draußen, ortlos. Und hat vor sich lauter leere Zeit. Der ortlose Mensch mit viel zu viel Zeit, die er nicht füllt, ist vielleicht der letzte Stand der Evolution. Gröning schaut auf die Gedächtniskirche, den Tauentzien; der 17-Uhr-Lärm dringt durch die geschlossenen Fenster. Er hat den fremden Blick, den man braucht, um die Dinge nah zu sehen. Er weiß, was jede Großstadt der Welt im Grunde ist: eine mühsam kontrollierte Panik. Die Rückkehr aus dem Kloster ist ihm viel schwerer geworden als das Hineingehen.

Das Hineingehen war einfach. Nach zwei Wochen war ich ganz leer, sagt Gröning, und diese Leere war positiv. Es ist, wie neuen unverbauten Platz in sich zu haben. Meerblick innen. Er ist dem Geheimnis der Mönche auf die Spur gekommen. Er ist streng, präzise. Ein High-definition-Mann eben, genau wie die Mönche. Man kann nicht aus Lebensnot ins Kloster gehen. Nur wenige sind der Härte dieses Lebens gewachsen.

Es ist ein Elementarfilm geworden. Er handelt vom Leben in der Grande Chartreuse, wo jeder allein ist und doch nicht allein, vom Wechsel der Jahreszeiten, den man intensiver spürt. Vor allem aber handelt Grönings „Die große Stille“ eben davon, wie Zeit Raum wird. Wahrscheinlich lassen sich alle unsere Probleme auf die Elementarrelation von Raum und Zeit zurückführen. Die ewige Sehnsucht der Seele geht zum Raum, wissen die Weisen aller Jahrhunderte. Und das Wesentliche kennt keine Entwicklung. Wir Modernen haben das nur vergessen. Bei uns heißt jedes zweite Wort Zeit, weil sie Geld ist.

Die Klöster sind merkwürdige Einrichtungen. Einerseits haben sie uns erfunden, die moderne Welt, den streng geregelten Tag, an dem keine Minute unverplant bleibt. Andererseits wissen sie auch, dass Zeit das ist, was man nicht in der Hand hat. Gröning weiß es auch. Zweieinhalb Jahre lang hat er an seinem Film geschnitten. Er begründet das in einwandfreiem Heidegger-Deutsch: „Ich muss warten, bis der Film sich zeigt.“ Bis die Zeit Raum wurde.

Vor kurzem machten die Mönche der Grande Chartreuse etwas, das sie noch nie getan hatten: Sie sahen zusammen einen Film, Grönings Film. „Die große Stille“ hat ihnen gefallen. Sie mussten sehr lachen; vor allem über sich, über ihren Mitmönch zum Beispiel, der oben auf dem Dachboden der Grande Chartreuse plötzlich eine atemlose Beredsamkeit entwickelt: Er spricht mit den Dachboden-Katzen, so unbefangen wie jeder Nicht-Mönch mit seinem Haustier. Nur einem hat „Die große Stille“ nicht gefallen. Da fehlt doch der Off-Kommentar, und überhaupt ist hier viel zu wenig Action, kritisierte ein Novize. Er war noch ganz neu in der Grande Chartreuse.

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