Die Sprache Olympias : Wenn’s hinten raus nicht läuft

Anni Friesinger-Postma hat es bei ihrem ersten Auftritt in Vancouver nach eigener Aussage „die Beine zerrissen“. Rrratsch! Nicht viel besser erging es Kollegin Eisschnellläuferin Jenny Wolf, der sind „die Beine geplatzt“. Peng! Kein Wunder, dass es bei beiden, wie die Expertin Gunda Niemann-Stirnemann analysierte, hinten raus nicht gut lief. Umpf! Aber will man wirklich wissen, wie das schöne, blanke Eis dann aussieht, wenn es hinten gut rausläuft? Ach, es ist Olympia, und das ist die Zeit, in der die vermeintliche Fachsprache blüht. Wenn man zu Beginn eine 28er-Runde läuft, besser eine 28 tief als eine 28 hoch, wenn es also nach vorne raus gut läuft, stellt sich allerdings die Frage, ob man das auch stehen kann.

Aber jetzt schalten wir um aus der Eissporthalle nach draußen zu den Pisten und Loipen. Auf den Loipen laufen die Langläufer schnell mal in den blauen Bereich, sogar die Beine werden blau. Man muss sich nicht wundern, dass es dann an den Schießscheiben nicht immer so treffsicher zugeht, wer blau ist, sollte auch nicht mit Waffen rumfuchteln. Und auf den Pisten, jo mei, da wird in den Kurven und um die Slalomtore oft ganz viel liegen gelassen, besonders, wenn der Schnee total aggressiv ist und man nicht so gut über dem Ski steht. Olympia ist die Zeit, in der Sportler und Trainer und Funktionäre und Reporter im Vordergrund stehen, die man sonst (und im Fall der Letztgenannten mitunter aus gutem Grund) nicht so oft sieht und hört. Sie sprechen eine Sprache, die signalisiert, eine kleine exklusive Gemeinschaft mit eigenem Sprachcode zu sein. Mit Fachsprachen schottet man sich gemeinhin ab. Aber das wollen sie auch wieder nicht, schließlich wollen sie wenigstens alle vier Jahre mal wahrgenommen werden. Deswegen besteht die vermeintliche Fachsprache eher aus Fachfloskeln, die auch der Laie versteht, wie beim politischen Aschermittwoch. Glaubt doch keiner, dass die Alpinläufer ihre vielen liegen gelassenen Sekunden besser aufgehoben und mitgenommen hätten. Das würde ja Zeit kosten. Zumal in den Kurven eh nur Schnee liegt und nicht ein Sekündchen. Und es versteht auch jeder Flachländer, dass über dem Ski stehen besser ist als in Rückenlage zu fahren, weil man dann Gefahr läuft, auf dem Hintern zu landen. Im Eiskanal wird auch wahnsinnig viel liegen gelassen, von Bobs und Schlitten, da sind es meist nur Hundertstelsekunden. Leider reden sie fast alle mit so einer Phrasenansammlung. Und nerven damit gewaltig. Aber vielleicht liegt es nur daran, dass wir, nun, da er bei uns endlich weg ist, auch im Fernsehen keinen Schnee mehr sehen können.Helmut Schümann

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