Zeitung Heute : Die sprechenden Schreibmaschinen

In New York wurde eine Ausstellung eröffnet, die an die Bücherverbrennung erinnert – Berlin wollte sie nicht haben

Steffi Kammerer[New York]

Manche laufen an den Käfigen vorbei, als wären es Blumenkübel, reden ins Handy, die Mittagspause ist kurz. Andere bleiben stehen, schauen verwundert, versuchen sich einen Reim zu machen auf diese verstaubten Ungetüme, die sich dutzendfach in jedem der Käfige stapeln. Schreibmaschinen mit fremden Namen in goldener Schönschrift: Erika, Rheinmetall, Ideal, Triumph, Mercedes, Torpedo. Ein Mädchen spielt mit den Buchstabentasten. „Das sind alte Computer“, sagt seine Mutter. „So hat man früher Briefe geschrieben.“

Die rostigen Käfige, die seit wenigen Tagen in der Nähe des Times Square stehen, hinter der prächtigen New Yorker Bibliothek, stammen aus Berlin. In vielen Verwaltungsablagen der deutschen Hauptstadt gibt es Briefe wegen dieser Objekte, Absagen, Nachfragen, neue Absagen. Adressatin ist Sheryl Oring, 37, eine scheue Frau, der man ihre Hartnäckigkeit nicht ansieht. Fast unbeteiligt sitzt sie am Rand, aber eigentlich könnte sie triumphieren: Ihre Ausstellung „Writer’s Block“, die gegen Zensur mahnen und an die Bücherverbrennung erinnern soll, ist nun in New York eröffnet worden. Mit lauter Stimme schlägt eine Vertreterin der „National Coalition against Censorship“ die Brücke von der Ausstellung zum umstrittenen „Patriot Act“. Er verlangt, dass Bibliothekare die Identität Ihrer Leser preisgeben sollen. „Mit den Büchern fängt es an“, ruft sie.

Sheryl Oring ist Journalistin, sie kam 1997 nach Berlin, um als Korrespondentin zu arbeiten. Dann ging sie eines Tages über den Treptower Flohmarkt, sah die alten Schreibmaschinen und war infiziert. Sie wollte sie alle haben: Maschinen mit Schnörkelschrift und dem Geheimnis ihrer Geschichte. Sie holte sie aus Dachböden und Kellern, schrubbte und ölte sie. Bald wurde ihre Wohnung zu klein. Und es gab eine zweite Attraktion: das unterirdische Mahnmal auf dem Bebelplatz, zu dem es sie immer wieder zog. Die leeren Bücherregale unter Plexiglas. Von der Bücherverbrennung hatte Sheryl Oring vorher nichts gewusst. Auch ihre jüdische Herkunft hatte bisher keine Rolle für sie gespielt.

Sie kündigte ihren Zeitungsjob in San Francisco und blieb in Berlin. Für ihre Maschinen ließ sie Kästen schweißen, jeweils einen Kubikmeter groß, aus diesen Gittern, die sie auf den Berliner Baustellen ständig sah. Und bat darum, ihre Installation auf dem Bebelplatz zeigen zu dürfen. Die Antwort des Bezirksamtes kam rasch: „Das Aufstellen oder Heranfahren von Schreibmaschinenkäfigen und anderen Gegenständen hat zu unterbleiben.“

Sie sammelte weiter. Und schickte neue Briefe an Thomas Flierl, damals noch Baustadtrat von Mitte. Der sagte, es gebe bereits ein Mahnmal, man brauche kein zweites. Im Mai 1999 genehmigte er die Ausstellung doch, wenn auch nur für 24 Stunden.

Irgendwann merkte Oring, dass „Writer’s Block“ im Ausland auf deutlich größeres Interesse stieß. Sie fand Sponsoren und schickte ihre Käfige auf die Reise. Im letzten Jahr nach Ungarn, vor der Nationalgalerie in Budapest sprach György Konrád über Zensur. Dann wurden sie nach Amerika verschifft, im 70. Jahr nach der Bücherverbrennung. Den Ort hinter der New Yorker Bibliothek hat Oring bewusst gewählt: Im Mai 1943 hatten sich hier 1000 New Yorker versammelt, um des zehnten Jahrestags zu gedenken.

Eigentlich sollten die Käfige schon im letzten Jahr hierher kommen. „Aber ich konnte es nicht finanzieren.“ Heute ist Sheryl Oring froh darüber. „Die Ausstellung ist doch genau zur richtigen Zeit in die USA gekommen. Zensur ist hochaktuell. Es beginnt damit, was in den Medien nicht vorkommt, welche Fragen nicht gestellt werden."

Inzwischen besteht „Writer’s Block“ aus mehr als 600 Maschinen. Die meisten stammen aus Deutschland, der Rest ist aus England, Tschechien und Ungarn. Wer lange vor den Käfigen steht und die Geräte betrachtet, stellt sich unweigerlich Fragen: Wer hat an diesen Maschinen gesessen? Was wurde hier geschrieben? Deportationsbefehle, Gnadengesuche, Quittungen? Und was ist auf dem Löschband? Was wurde nicht geschrieben?

Zehn Tage sind die Käfige noch in New York zu sehen. Dann muss Sheryl Oring neue Briefe schreiben. Washington, Chicago und Los Angeles sind interessiert.

Berlin hat sie verlassen – fürs Erste jedenfalls. Sie brauchte Geld. Schließlich hat sie fast 20000 Dollar in den „Writer’s Block“ gesteckt. Sie hatte Glück: Kaum waren die Schreibmaschinen auf dem Schiff, hatte sie Arbeit: als Redakteurin bei der „New York Times“. Drei ihrer Käfige hat sie in einem Kreuzberger Keller gelassen. Hat nie jemand angeboten, die Kästen dauerhaft auszustellen, ein Verlag, ein Museum, die Stadt? „Nein. Aber ich würde es mir sehr wünschen.“ Irgendwie, sagt sie, gehörten sie nach Berlin.

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