Zeitung Heute : Die Spreestadt Charlottenburg AG

Der einstige Kohleplatz hat sich zum zukunftsträchtigen High-Tech-Park gemausert

Stefanie Terp

Am Ernst-Reuter-Platz schaltet Monika Thiemen ihr Mikrofon laut. „Wir werden heute ein Stück Zukunft erleben“, begrüßt die SPD-Politikerin rund 50 interessierte Bürger. Sie folgen der Bezirksbürgermeisterin von Charlottenburg-Wilmersdorf auf einem Kiezspaziergang durch die Spreestadt Charlottenburg. Die Neugierde ist groß, weist doch das Quartier einen ganz anderen Charakter auf als der Ku-Damm oder der Grunewald. Zwischen Spree-Knie, Straße des 17. Juni und S-Bahnhof Tiergarten schlägt das Ingenieurherz Berlins. Hier, an der früheren Königlich Technischen Hochschule (TH) zu Berlin, bekamen 1899 die Ingenieure erstmals das Promotionsrecht verliehen. Dieser „Ritterschlag“ hob sie auf eine Stufe mit den Geistes- und Naturwissenschaftlern. Zur gleichen Zeit siedelten sich in der Nähe der Hochschule Industrielle wie die Familie von Siemens mit ihren Unternehmen an und machten Charlottenburg zu einer der reichsten Städte des Reiches.

Diese Tradition will die TU als Wirtschaftsmotor und wichtiger Arbeitgeber im Bezirk fortführen. Heute ist sie die größte technische Universität Deutschlands und kooperiert bei der Ausbildung ihrer Studierenden mit zahlreichen Einrichtungen aus Wissenschaft und Wirtschaft. Unweit des Campus finden sich zwei Spitzeneinrichtungen, die anwendungsbezogene Auftragsforschung betreiben, sowie einige Gründungsfirmen von ehemaligen Wissenschaftlern der TU. Hinzu kommen Ingenieur- und Informatikunternehmen, die bewusst die Nähe zur Denkfabrik Universität suchen. „Ein enges Netzwerk spannt sich über den Standort. Die Pole bilden Wissenschaft und Wirtschaft. Viele Kontakte werden durch ein gemeinsames Studium und kurze Wege in der Berufswelt geprägt. Nicht nur die Ideen, auch die Teams entstehen oft schon im Hörsaal", weiß Prof. Jörg Steinbach zu berichten. Der Experte für Sicherheitstechnik war lange Zeit leitender Mitarbeiter des Pharmakonzerns Schering, wurde vor sechs Jahren Professor an der TU und ist heute ihr Erster Vizepräsident.

Spaziergang Richtung Zukunft

Der Weg, den die Spaziergänger nun einschlagen, führt zum Heinrich-Hertz-Institut für Nachrichtentechnik an der Marchbrücke, dort, wo der Nordcampus sein Ende findet. „In dem Institut der Fraunhofer-Gesellschaft mit der markanten Antennenkugel auf dem Dach forschen rund 270 Wissenschaftler im Verbund mit der TU an der Kommunikationstechnik von morgen“, so Steinbach. Schaut man westwärts zur nahegelegenen Dovebrücke, so bestimmt das Hochhaus der TELES AG das Straßenbild. Vor 19 Jahren wurde sie durch den TU-Informatiker Professor Sigram Schindler gegründet. Heute betreut TELES zwei Millionen Internetadressen und zählt damit zu den Marktführern.

Weiter geht es in die Helmholtz- und schließlich in die Carnotstraße, wo sich das Spreeknie öffnet. Kaum einen Katzensprung voneinander entfernt sitzen hier vier Unternehmen, die mehr als 7400 Mitarbeiter an rund 70 Standorten weltweit beschäftigen. Der IT-Dienstleister gedas AG, die Ingenieurgesellschaft Auto und Verkehr (IAV), die Inpro GmbH, eine Innovationsschmiede für die Autoindustrie, und die junge Logistikfirma 4flow AG – sie alle haben ihre Wurzeln in der TU Berlin. Am Scheitelpunkt des Spreebogens thront das Produktionstechnische Zentrum (PTZ). Dort entwickeln rund 200 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Fraunhofer-Instituts für Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik sowie des TU-Instituts für Werkzeugmaschinen und Fabrikbetrieb die „Fabrik der Zukunft“. Gemeinsam wird in diesem Stadtviertel ein Campusgedanke gelebt, der dem des Silicon Valley, wenn auch in Miniaturformat, ähnelt. Ganz bewusst baut die IAV auf diesen Standortvorteil: „Bei uns arbeiten Experten mit hochmotivierten Newcomern. Das sind meist studentische Quereinsteiger und die besten TU-Absolventen“, erklärt Burkhard Heise, der die Besucher durch die Werkhalle bis zu einem Auto führt, das auf einer modernen Abgasprüfanlage steht.

„Wir befinden uns in dem Raum mit der wohl saubersten Berliner Luft und die benötigen wir, um genaue Abgasmessungen vornehmen zu können. Die IAV entwickelt Motoren, Karosserieteile und Automobilelektronik für alle namhaften Hersteller“, sagt der IAV-Prokurist. „Früher war hier ein BVG-Bahnhof, an dem ich täglich ein- und ausstieg“, erinnert sich eine ältere Charlottenburgerin, die die IVA-Infomappe in ihren Rucksack steckt: „Mein Enkel steht kurz vor dem Uni-Examen, das interessiert ihn bestimmt.“

Nur 50 Meter entfernt an der Pascalstraße hat die gedas AG, einer der größten deutschen IT-Dienstleister für die Automobil- und Fertigungsindustrie, ihre Zentrale. „Im ersten VW Golf von 1974 gab es kaum elektronische Bauteile, heute sind es 15 und in der nächsten Generation werden es bereits 40 bis 60 sein, die unsichtbar von der Motorsteuerung über das ABS und den Airbag bis zum Fensterheber viele Teile steuern. Wir arbeiten daran, dass diese hochkomplexen Systeme auch untereinander funktionieren", sagt der 38-jährige Geschäftsführer Jürgen Schulz. „Mit rund 5000 Mitarbeitern erwirtschafteten wir im Jahr 2001 628 Millionen Euro Umsatz. Die TU und ihre Absolventen haben an unserer 19-jährigen Erfolgsgeschichte einen großen Anteil.“

Vis-à-vis im weißen Rundgebäude des PTZ nimmt die Besuchergruppe in einem Hörsaal Platz. „Er hat eine direkte Verbindung zur Werkhalle. Wir stehen für praxisnahe Ausbildung, die an Spitzenforschung gekoppelt ist“, erzählt Professor Günter Spur. Er ist international einer der renommiertesten Wissenschaftler der Produktionstechnik. Es war Georg Schlesinger, der vor knapp 100 Jahren den Weltruf des Instituts für Werkzeugmaschinen und Fabrikbetrieb begründete. „Charlottenburg war ein Markenzeichen“, so Spur. Diese imposante Tradition wird heute an dem modernen Standort, der früher ein Kohleplatz war, fortgeführt. 3D-Produktentwicklung, Robotik oder Assistenzsysteme für die Medizin sind die neuesten Forschungsfelder.

„Technologie, Wissenschaft und Wohnen sollen die Spreestadt prägen und die Nähe der TU ist ein guter Garant dafür, dass sich weitere Firmen ansiedeln werden“, betont Monika Thiemen zum Abschluss. Bei diesem lebendigen Netzwerk ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis sich die Partner in einer auch nach außen sichtbaren Spreestadt Charlottenburg AG zusammenschließen.

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