Zeitung Heute : Die Spur der Steine

Einige Teile des Berliner Schlosses blieben erhalten – und wurden etwa in der Klosterkirche eingebaut

Patricia Pätzold

Mitten im Herzen Berlins klafft eine große Wunde. Ein paar Tausend Quadratmeter Brachland, Grabungs- und Baugruben dominieren das Bild, wo sich ehemals mehr als 500 Jahre Berliner Baukunst in dem Prachtbau des Stadtschlosses widerspiegelten. Nachdem der Zweite Weltkrieg ihm arg zugesetzt hatte, vollendete die DDR-Regierung die Zerstörung: Sie ließ das Schloss sprengen und setzte damit allen Hoffnungen auf eine Restaurierung ein Ende.

Doch das Schloss beschäftigte die Fantasie der Berliner weiter. Heute ist ein Wiederaufbau in greifbare Nähe gerückt. Doch was ist noch übrig von der historischen Bausubstanz? Hatten nicht die DDR-Machthaber versucht, die Proteste zu besänftigen, indem sie ein „Wissenschaftliches Aktiv“ beauftragten, wertvolle Atlanten, Wappen, Skulpturen, Kapitelle, Reliefsteine oder andere Fragmente vor der Sprengung aus dem Schloss auszubauen?

„Es kursieren teils wilde Spekulationen über steinerne Überreste in diversen Deponien“, sagt die Kunsthistorikerin und Denkmalpflegerin Anja Tuma. Sie weiß mittlerweile recht genau, welche Fragmente des alten Schlosses noch vorhanden sind. „Es ist nur ein winziger Bruchteil der ehemaligen Bausubstanz. Die Stücke lagern in verschiedenen Museen und Depots, die über das gesamte Stadtgebiet verteilt sind.“ Einige Fragmente sind inzwischen verbaut worden und finden sich zum Beispiel an der Klosterkirche und im Köllnischen Park.

Für ihre Abschlussarbeit im Masterstudiengang „Denkmalpflege“ hat sich die 30-Jährige mit den erhaltenen Fassadenelementen des Schlosses beschäftigt. Genau 128 Plastiken und Bruchstücke aus Sandstein mit Ausmaßen von 30 Zentimetern bis zu drei Metern konnte sie eindeutig dem Schloss zuordnen.

Die daraus entstandene Dokumentation der verbliebenen Schlosselemente begeistert auch den Landeskonservator Jörg Haspel und die Kunsthistorikerin Gabriele Dolff-Bonekämper. Beide lehren an der TU Berlin und haben die Forscherin bei ihrer Arbeit unterstützt. Seit Jahren hatte Haspel das Fehlen einer wissenschaftlich seriösen Erfassung und Dokumentation aller noch zugänglichen Schlossbauteile beklagt.

Die Lagerung an den verschiedenen Orten wie dem Landesdenkmalamt, dem Märkischen Museum, dem Bode-Museum und dem Deutschen Historischen Museum hatte zur Folge, dass es keine einheitliche Erfassung gab. Und mehr noch: Die museale Systematik stimmte schon gar nicht mit der umfangreich vorhandenen Systematik des „Wissenschaftlichen Aktivs“ von 1951 überein.

Anja Tuma konnte sich also wie Sisyphus fühlen, als sie begann, alle Plastiken aufzuspüren, zu begutachten, mit alten und neuen Katalogen und Fotos zu vergleichen und dann ein neues Dokumentationssystem aufzubauen. Es gelang ihr sogar, den ehemaligen Platz der einzelnen Fragmente am Bau zu lokalisieren. Auf alten Fotos von Fassaden, Portalen oder Gesimsen hat sie nun die Herkunft jedes gefundenen Fragments markiert.

Anja Tuma hat mit ihrer Arbeit die wissenschaftliche Grundlage für zukünftige Diskussionen um diese Fragmente geschaffen. Zündstoff gebe es genug, sagt die Forscherin: „Das beginnt mit der Frage: Wem gehören eigentlich die Fragmente? Welche sind in einem Zustand, der es erlaubt, sie in die neue Fassade einzubauen? Sollte man das überhaupt tun? Oder sollten die Bruchstücke in einem Lapidarium, einer musealen Steinsammlung, ausgestellt werden?“ An diesem Disput will sie sich aber nicht beteiligen. Ihre wissenschaftliche Neugier treibt sie zu neuen Ufern. Für ihre Doktorarbeit will sie das zum großen Teil noch ungesichtete Material des „Wissenschaftlichen Aktivs“ von 1951 auswerten – und neue Spuren entdecken.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!