Zeitung Heute : Die Spur der Steine

Die Trümmer der letzten Bombenangriffe waren noch nicht beseitigt, da brach der Kalte Krieg aus, mit Berlin als einem Hauptschauplatz. Wann alle andere Waffen versagten, wurde auch schon mal die Heizung ausgedreht.

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27. September 1945

Wir schlagen vor:

Papierkörbe nutzen

An den im Pendelverkehr benutzten Gleisen der S-Bahn Richtungsanzeiger anzubringen. Dadurch würden viel Fragerei und falsches Einsteigen vermieden werden. An den Bahnhöfen und verkehrsreichen Straßen und Plätzen der Reichshauptstadt Plakate zu befestigen, die zurückkehrenden Kriegsgefangenen und Flüchtlingen Auskunft geben, wohin sie sich zu wenden haben, um ein Quartier für die Nacht und ein Essen zu bekommen.Wieder die auf allen Bahnhöfen und an den Haltestellen angebrachten Papierkörbe zu benutzen, damit Straßen und Bahnhöfe einen erfreulicheren Anblick bieten. Auch müssen die Tunnel der U- und S-Bahn nicht unbedingt verunreinigt werden. Nicht nur aus ästhetischen Gründen – die Seuchengefahr fordert dringend, daß Bürger und Zugereiste in dieser Beziehung Disziplin üben.

20. Oktober 1945

Vor dem

Militärgericht

Ein deutscher Zivilchauffeur, der im Dienste der Militärregierung einen amerikanischen Wagen fuhr, wurde vom Militärgericht zu 60 Tagen Gefängnis und 300 Mark Geldstrafe verurteilt, weil er eine deutsche Frau in dem Wagen mitgenommen hatte. Seit Einstellung deutscher Zivilisten als Fahrer amerikanischer Kraftwagen ist dies das erste Urteil dieser Art.

16. November 1945

Weg mit der Fraktur-Schrift

Der „Tagesspiegel“ hatte angeregt, die unschöne und unleserliche Fraktur an den U-Bahnhöfen verschwinden zu lassen. Diese Anregung ist, wie uns die BVG mitteilt, auf guten Boden gefallen. Neue Inschriften werden nur noch in Antiqua hergestellt, die alten nach und nach geändert werden.

23. April 1946

Die Gründung

der SED

Der Vereinigungskongreß zwischen der Kommunistischen Partei und den sozialdemokratischen Anhängern einer Verschmelzung vollzog am Ostersonntag in der Berliner Staatsoper die Gründung der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, nachdem beide Parteien am Freitag und Sonnabend im russischen Sektor getagt und getrennt die Verschmelzung beschlossen hatten. Wilhelm Pieck, der Vorsitzende der Kommunistischen Partei, und Otto Grotewohl vom Zentralausschuß der sozialdemokratischen Partei trafen sich auf der Bühne der Staatsoper und schüttelten sich demonstrativ die Hände, um die neue Einheit zu bekräftigen.

14. Februar 1947

Notausschuß beschließt Soforthilfe

Frau Bürgermeister Schroeder teilte als Vorsitzende eines gestern vom Magistrat gebildeten Notausschusses mit, daß alle Berliner Lokale als Wärmehallen jedem offenstehen, Luxuslokale geschlossen und Karnevalsveranstaltungen bis auf weiteres verboten werden sollen. Notheime für alte, alleinstehende Berliner würden geschaffen, Schulen und Kindertagesstätten zusammengelegt werden, um Kohlen zu sparen oder Unterkunftsräume zu schaffen. Die Polizei sei angewiesen worden, sofort in allen Häusern nachzuforschen, ob sich Menschen in Kältenot befinden.

29. Juni 1948

Rosinenbomber

im Anflug

Von maßgebender Stelle der amerikanischen Militärregierung in Berlin wurde am Montag mitgeteilt, die amerikanische Luftbrücke werde in Kürze so weit verstärkt sein, daß genügend Lebensmittel zur Versorgung der gesamten Bevölkerung der Westsektoren auf diesem Wege nach Berlin gebracht werden könnten. Man habe zuerst geglaubt, daß derart umfangreiche Transporte nicht möglich seien. Der Entschluß des amerikanischen Kriegsministeriums, unverzüglich dreißig bis vierzig viermotorige Transportflugzeuge von je sieben Tonnen Tragfähigkeit nach Westdeutschland zu senden, habe diese Befürchtungen zerstreut. Bereits zwei Stunden, nachdem die amerikanische Militärregierung Flugzeuge in Washington angefordert hatte, seien die ersten Transportmaschinen von ihren Flugplätzen in allen Teilen der Welt gestartet.

17. Dezember 1948

Sendetürme gesprengt

Die Sendetürme des kommunistischen Radio Berlin, die sich in der unmittelbaren Nähe des Flugplatzes Tegel befanden, sind am Donnerstag morgen durch französische Pioniere gesprengt worden. Die beiden 80 und 120 Meter hohen Türme hatten den Flugverkehr über dem Luftbrückenstützpunkt Tegel erheblich behindert. Durch die Sprengung wurden die Sendungen von Radio Berlin unterbrochen. Der Kommandant des französischen Sektors, General Ganeval, sagte in einer offiziellen Stellungnahme, er habe nicht länger die Verantwortung für mögliche Unfälle übernehmen können.

16. Januar 1949

„Block-Programm“ vom RIAS

Um den Westberlinern während der Stromstunden ein in sich geschlossenes Programm zu bieten, sendet RIAS von Montag an täglich von 9 Uhr früh bis 5 Uhr früh auf seiner Drahtfunkklangwelle 1115 Meter = 369 kHz jeweils zweistündige „Block-Programme“. Sie enthalten am Vormittag Nachrichten, RIAS-Blitzfunk und Unterhaltungsmusik, am Abend Nachrichten, ein Konzert, Kabarett oder ein Hörspiel. Wie man seinen Apparat an den Drahtfunk anschließen kann, zeigt das Fernamt in der Winterfeldtstraße den Radiohändlern in einer Ausstellung. Wegen des Mangels an Material ist der Empfang vorläufig im allgemeinen nur möglich, wenn man einen Telefonanschluss hat.

12. Mai 1949

Das Ende

der Blockade

Um null Uhr hob sich an der Autobahn an der Brücke über den Teltowkanal die gelbe Kelle mit den Buchstaben AKS (Alliierte Kontroll-Station) vor den in dichter Reihe wartenden Wagen. Hunderte von Journalisten beobachteten die Szene, die Scheinwerfer der Wochenschauen erleuchteten die alliierte Kontrollstation der britischen und der amerikanischen Militärpolizei, die die Interzonenpässe abfertigten. 0.03 Uhr fuhr der erste amerikanische Wagen unter dem Schlagbaum der russischen Kontrollstation durch. Alliierte Wagen wurden nicht kontrolliert. Die Inhaber deutscher Wagen mussten ihre Interzonenpässe vorweisen und konnten dann ohne Aufenthalt passieren. Englisch sprechende russische Offiziere empfingen die Ankommenden in höflicher Weise.

9. April 1950

Todesstrafe für Werner Gladow

Nach zweitägiger Beratung verkündete das Ostberliner Schwurgericht am Sonnabend die Urteile im Prozeß gegen die Gladow-Bande, die in den Jahren 1948 und 1949 zahlreiche Raubüberfälle verübt und dabei rücksichtslos von der Schußwaffe Gebrauch gemacht hatte. Außer dem achtzehnjährigen Werner Gladow wurden der fünfundzwanzigjährige Kurt Gaebler und der sechsundzwanzigjährige Gerhard Rogasch zum Tode verurteilt. Sie wurden als Bandenmitglieder in der gleichen Weise für den Raubüberfall auf den Chauffeur Alte zur Verantwortung gezogen wie der Anführer Gladow, der den tödlichen Schuß auf Alte abgegeben hatte.

8. September 1950

Das Stadtschloß

wird abgerissen

Auf Befehl der kommunistischen Machthaber wurde am Donnerstag vormittag das Berliner Stadtschloß gesprengt. Damit ist – ohne sachliche Notwendigkeit – der schönste Berliner Profanbau zerstört worden. Die erste Sprengladung zerriß, wie unser Bild zeigt, die „Alte Hofapotheke“ und den ältesten Teil des Schlosses, den „Grünen Hut“. Mit Karabiner ausgerüstete „Volkspolizisten“ sperrten die umliegenden Straßen ab. Passanten, die der Sprengung zuschauen wollten, wurden von den „Volkspolizisten“ unter Drohungen vertrieben.

1. Juni 1951

Haus Vaterland

als Menschenfalle

Am Donnerstag abend um 19 Uhr 45 wurden zwei unbekannte junge Männer, die im Vorgarten vom Haus Vaterland an der Sektorengrenze am Potsdamer Platz saßen, von Agenten des NKWD festgenommen. Wie wir erfahren, werden häufig Westberliner von sowjetdeutschen Agenten in das Haus Vaterland gelockt, von wo sie entführt werden. Auf dem Wege zu dem in etwa zwölf Meter Entfernung wartenden schwarzen Maybach-Wagen, der die Nummer GB 003 253 trug, riefen die Verhafteten laut um Hilfe. Daraufhin wurden ihnen von den NKWD-Agenten mehrere Schläge in das Gesicht versetzt.

8. April 1952

Die rauchende Venus aus dem Grunewald

Im vergangenen Sommer entdeckte ein Revierförster im Grunewald ein Mädchen, das unbekleidet auf einem Baumstumpf saß. Daneben stand ein Maler vor seiner Staffelei. Der Förster nahm an der Szene an sich keinen Anstoß, wohl aber daran, daß die junge Dame eine Zigarette rauchte. Nach ihren Personalien befragt, gab sie an, sei habe keinen Ausweis bei sich. Freiwillig zeigte darauf der Maler seine Papiere. Später erhielt er einen Strafbefehl über zwanzig DM wegen Rauchens im Walde. Dagegen erhob er jetzt vor dem Amtsgericht Tiergarten Einspruch; nicht er, sondern sein Modell habe geraucht. Da niemand für das Delikt eines anderen bestraft werden kann, mußte der Maler freigesprochen werden. Als der Richter ihn nach der Adresse der Missetäterin fragte, erwiderte er, es habe sich nur um eine ganz flüchtige Bekanntschaft gehandelt.

1. Juni 1952

Vertreibung

aus dem Laubenidyll

Mit Liegestühlen und Betten beladen, mit großen Körben voll Geschirr, mit Korbsesseln und Matratzen zogen gestern die Bewohner der ineinander übergehenden Westberliner Exklaven „Erlengrund“ und „Fichtewiese“ über holprige Waldwege zur kaum hundert Meter entfernten Grenze des Bezirks Spandau. Am frühen Sonnabendmorgen hatten „Volkspolizei“-Kommandos die Bewohner der kleinen Siedlungshäuser und Lauben mit der Mitteilung aus dem Schlaf geschreckt, daß sie ihre Grundstücke bis Mitternacht räumen müßten. Gründe wurden nicht angegeben.Während die Bewohner schweren Herzens ihre Habseligkeiten zusammenpackten, hörten sie Axtschläge durch den Wald hallen. Arbeitskommandos der „Volkspolizei“ fällten die alten Eichen und wälzten sie quer über die nach Westberlin führenden Waldwege.

17. Juni 1953

Rote Militärdiktatur im Sowjetsektor

Unmittelbar vor der Verhängung des Ausnahmezustandes war es im gesamten Sowjetsektor zu schweren Zusammenstößen zwischen den Demonstranten, sowjetischen Truppen und Einheiten der kasernierten „Volkspolizei“ gekommen. Vor dem Gebäude der Pankower Regierung in der Leipziger Straße, am Potsdamer Platz und in der Friedrichstraße unmittelbar an der Grenze zum amerikanischen Sektor eröffneten sowjetische Panzer vom Typ T-54 und „Volkspolizisten“ aus Maschinengewehren, Maschinenpistolen und Karabinern sofort das Feuer auf die unübersehbare Menschenmenge, die versuchte, das kommunistische Regierungsviertel zu stürmen. Nach den vorliegenden Meldungen wurden bei den Schießereien drei Personen getötet, zahlreiche Demonstranten wurden verletzt. Die Ostberliner flüchteten zu Tausenden über die Sektorengrenze nach Westberlin.

4. Oktober 1953

Abschied

von Ernst Reuter

Unter den Klängen des Deutschlandliedes nahm das deutsche Volk gestern nachmittag vor dem Zehlendorfer Waldfriedhof, wo die sterblichen Überreste Ernst Reuters im engen Familienkreise zur letzten Ruhe gebettet wurden, Abschied vom toten Regierenden Bürgermeister. Ehrenkompanien der alliierten Streitkräfte und der Berliner Polizei salutierten, als der Sarg vor dem Friedhof eintraf. Bundespräsident Heuss, der an der Spitze des Trauergefolges dem Sarge auf seiner letzten Fahrt durch Berlin gefolgt war, verabschiedete sich hier von Frau Hanna Reuter und den drei Kindern des Regierenden Bürgermeisters, die mit den nächsten Freunden und Mitarbeitern Reuters dem Sarge allein auf den Friedhof folgten. Tausende von Berlinern, die sich auf dem Friedhof eingefunden hatten, senkten stumm ihre Häupter, als der Sarg zur letzten Ruhe geleitet wurde.

17. September 1954

Ein Bücherpalast

für jedermann

Heute um 16 Uhr wird die Amerika-Gedenkbibliothek / Berliner Zentralbibliothek am Blücherplatz offiziell eröffnet. An der Feierstunde nehmen Oberkommissar Conant, Vizekanzler Blücher und der Bundesbevollmächtigte Vockel teil. Ein fahrbares Postamt wird an der Bibliothek Sonderbriefmarken im Werte von 40 Pfennig mit dem Bilde des Gebäudes verkaufen. Wie eine sich zum nahen Ostsektor hin öffnende Hand schwingt in sanfter Kurve der 20 Meter hohe sechsgeschossige Stahlbetonbau am Halleschen Tor genau in der Mittelachse der verlängerten Friedrichstraße. „Waschbrett“ witzelten die Berliner über das weitgerippte Dach des einstöckigen Flachbaus, der von Osten her um den Hochbau herumgreift, bis der fertige Bau demonstrierte, daß sich diese eigenwillige Architektur in das Gesamtbild einfügt.

3. Februar 1954

Frostige Atmosphäre im „Spiegelsaal“

Die gestrige Sitzung der Außenminister, die wiederum in der sowjetischen Botschaft Unter den Linden stattfand, begann mit einiger Verspätung. Die westlichen Delegationen hatten bereits Platz genommen, und auch der überwiegende Teil der sowjetischen Abordnung war im Sitzungssaal anwesend; es fehlten noch der sowjetische Außenminister Molotow, sein Stellvertreter Gromyko und der sowjetische Botschafter in London, Malik. Ziemlich hastig betrat Molotow schließlich den Konferenzsaal, in dem die anderen Außenminister bereits froren. Im „Spiegelsaal“ herrschte empfindliche Kälte, einige Delegationsmitglieder hatten sogar den Mantel anbehalten und sich den Kragen hochgeschlagen.

14. Dezember 1955

Erste Vernehmung Otto Johns

Der am 20. Juli vergangenen Jahres zum Osten übergetretene ehemalige Präsident des Bundesamtes für Verfasssungsschutz, Otto John, ist überraschend in die Bundesrepublik zurückgekehrt. Johns Anwesenheit in der Bundesrepublik wurde am Dienstagmittag von einem Regierungssprecher in Bonn offiziell mitgeteilt. Nach Angaben des Berliner Senats war John bereits am Montag in West-Berlin eingetroffen und am Nachmittag desselben Tages auf dem Luftweg in die Bundesrepublik gebracht worden.

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