Zeitung Heute : Die Spuren lesen

Der Tagesspiegel

Von Ralph Schulze, Madrid

„Wir hörten einen lauten Knall“, berichtet eine deutsche Touristin, die diesen Albtraum in der jüdischen Synagoge im tunesischen Djerba überlebte. Sie befand sich gerade mit einem Teil ihrer Urlaubergruppe in dem jüdischen Tempel, als der Gas-Lastwagen heranraste und im Außengelände explodierte. „Wir hörten viele Leute schreien und rannten raus. Alle waren in Panik.“ Die ganze Erde habe gebebt, erzählt eine andere Zeugin: „Ich hörte vier Explosionen.“ Draußen bietet sich ein Bild des Grauens: Ein Flammenmeer, Menschen liegen am Boden, blutverschmiert, wälzen sich mit brennenden Kleidern am Boden. Ein Inferno, das die 45 deutschen Insassen des TUI-Reisebusses, der vor dem Gelände parkte, in bester Urlaubslaune aus heiterem Himmel traf. Die Gruppe befand sich auf Inselrundfahrt und die führt zwangsläufig zur berühmtesten Sehenswürdigkeit des tunesischen Ferien-Eilandes, der prachtvollen alten Synagoge La Ghriba (Die Wundertätige).

Es dauert lange, bis Hilfe eintrifft, um zu retten, was zu retten ist. Zunächst kommen Bewohner aus dem rund 500 Meter entfernten Dorf Erriadh angerannt. Dann, eine Ewigkeit später, treffen Krankenwagen, Hubschrauber, Polizei und Soldaten aus der 13 Kilometer entfernten Inselhauptstadt Houmt Souk ein. Doch für einige der Opfer kommt jede Hilfe zu spät, andere erliegen später im Krankenhaus ihren Verletzungen – darunter ein elfjähriger deutscher Junge. Unter den Toten sind wenigstens sechs deutsche Urlauber und ein tunesischer Reiseleiter. Mindestens 24 weitere Touristen aus Deutschland wurden verletzt, viele davon mit schweren Verbrennungen.

Ungebetene Zeugen

Ein riesiges Sicherheitsaufgebot sperrt das Synagogengelände, das – von einer weißen Mauer umzäunt – inmitten eines schönen Olivenhains liegt, weiträumig ab. Eine Rußschicht überzieht den Marmorboden der Synagoge von Ghriba, Arbeiter säubern die verkohlten Wände. Vor den Türen halten mehr als zehn Sicherheitsbeamte Wache. Offenbar auch, um ungebetene Zeugen fern zu halten. Noch 24 Stunden später werden Journalisten, Fotografen und Fernsehteams zurückgehalten. „Es sieht so aus, als ob die Behörden den Explosionsort säubern, bevor sie uns durchlassen“, beklagt sich ein Berichterstatter vor Ort.

Um so schneller ist das tunesische Regime, das von Präsident Zine el-Abidine Ben Ali (65) angeführt wird, mit Erklärungen: „Es war ein tragischer Unfall“, sagt ein Regierungssprecher. Ein Gas-Tankwagen habe bei der Vorbeifahrt den „Bordstein gestreift“, sei ins Schleudern geraten, gegen die Mauer des Synagogengeländes geprallt und dann explodiert. Eine Version, die auch am Tag nach dem Drama von Tunesiens gleichgeschalteter Presse übernommen wird.

Merkwürdig nur, dass die Synagoge nicht an einer Durchfahrtsstraße liegt, sondern am Ende einer Sackgasse. Und die Synagoge hatte nach bisherigen Erkenntnissen keine dieser Gasflaschen bestellt, mit denen viele Tunesier ihre Küchenherde betreiben. Auch die Aussagen jener, die den schrecklichen Vorfall beobachteten oder schließlich doch zum Explosionsort vordringen konnten, passt nicht zum offiziellen Unfallbericht.

Quer durch den Olivenhain

Sogar die staatliche tunesische Nachrichtenagentur TAP liefert zunächst Details, die an einem tragischen Unfall zweifeln lassen: Der Fahrer des Gaswagens habe Haltesignale eines Synagogenwächters missachtet, habe beschleunigt, bis das Fahrzeug explodierte.

Zudem näherte sich die rollende Bombe offenbar nicht über den offiziellen und von der Polizei kontrollierten Zufahrtsweg der Synagoge, sondern über einen Feldweg quer durch den umliegenden Olivenhain. „Der Fahrer wollte die Sicherheitskräfte, welche die Synagoge schützen sollten, ganz offensichtlich überlisten.“ Auch die Aussage, der Gaswagen sei schon „mehrere Meter vor der Synagogenmauer in die Luft geflogen“, reimt sich zu Spekulationen, dass die Gasflaschen nicht von alleine explodierten, sondern einen Zünder hatten und jemand da war, der auf den Knopf drückte. Den Fahrer, ein Tunesier, wird man jedenfalls nicht mehr fragen können, er befindet sich auch, bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt, unter den Toten.

„Viele Leute fürchten, dass es sich um einen vorsätzlichen Angriff auf die Synagoge handelt“, sagt ein Mitglied der rund 1000-köpfigen jüdischen Gemeinde auf Djerba. „Wenn es ein Anschlag war, dann werden die Juden Djerba verlassen", sagte ein erschrockener Mitarbeiter. Der Präsident der Synagoge, Perez Trabelsi, wies die Spekulationen umgehend zurück. „Ich denke, dass es ein Unfall war und dass es keinen Zusammenhang zur Lage in Israel gibt", erklärte er. Der Vorsitzende der Gemeinde von Djerba, Gerard Ben Rabi, kann ebenfalls nicht glauben, dass der Tod der Touristen und die schwere Beschädigung der Synagoge das Werk eines Terroristen war: Die Synagoge sei doch immer „ein Meilenstein der Toleranz zwischen Kulturen und Religionen gewesen".

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