Zeitung Heute : Die Stadt als Treibhaus

Aufgeheizte Materialien erhöhen die Temperaturen

Nadine Weber

Schon ein Blick auf das Auto-Thermometer zeigt es: Bei einer sommerlichen Fahrt von der Berliner Innenstadt ins Umland sind Temperaturdifferenzen von bis zu vier Grad Celsius normal, bei sommerlichen Hitzewellen auch Werte von über zehn Grad. Besonders in heißen Sommernächten sind verlängerte Biergartenabende ein angenehmer Nebeneffekt des urbanen Lebens. Anders sieht es aus, wenn für Stadtbewohner ein erholsamer Nachtschlaf an extrem heißen Tagen kaum noch möglich ist. Ein Hauptgrund dafür ist die hohe Wärmespeicherfähigkeit städtischer Baumaterialien.

Welches Bild bietet sich, wenn man das gesamte Stadtgebiet Berlins betrachtet? Ist jeder Bezirk gleichermaßen von hohen Temperaturen betroffen? Das sind nur zwei von vielen Fragestellungen, denen eine Studie am Geographischen Institut der Humboldt-Universität auf den Grund zu gehen versuchte. Ziel war es, mit Hilfe von Satellitenaufnahmen zu zeigen, in welchen Bereichen der Stadt Temperaturextreme zu finden sind und wodurch sie hervorgerufen werden. Darüber hinaus wurden in verschiedenen Straßenabschnitten der Berliner Innenstadt mit einer Wärmebildkamera die Oberflächentemperaturen gemessen.

Die Bezirke Schöneberg, Kreuzberg und Mitte sind nach der Studie thermisch besonders belastet. Das liegt vor allem an ihrer Bebauungsstruktur. Denn in Wohngebieten und dabei insbesondere in Hinterhöfen entwickeln sich hohe Oberflächentemperaturen des Baumaterials. Die Außenschicht von Dächern zeigt im Hochsommer Temperaturwerte von über 60 Grad Celsius, nach Süden ausgerichtete Hauswände erreichen in diesen Bezirken mehr als 40 Grad.

Was kann getan werden, um die Innenstadtbewohner vor solchen Temperaturen besser als bisher zu schützen? An der realen Bausituation kann in vielen Fällen nichts geändert werden. Umso wichtiger ist es, einen weiteren Anstieg der Temperaturen zu verhindern. Die besonders hohen Dachoberflächentemperaturen können gesenkt werden, wenn bei Sanierungen statt Teerpappe Dachziegel verbaut werden. Dadurch verringert sich der Temperaturunterschied im Sommer um bis zu 15 Grad Celsius. Weitere Temperaturabsenkungen sind durch die Umwandlung herkömmmlicher Dächer in Gründächer möglich.

Straßenflächen aus Asphalt und Beton können sich im Hochsommer zur Mittagszeit auf weit über 40 Grad Celsius erhitzen. Hier hat die Studie die segensreiche Wirkung von Straßenbäumen nachgewiesen: Allein durch ihren Schattenwurf kann die Temperatur der Straßenoberflächen um bis zu zehn Grad sinken. Und auch der Berliner Tiergarten – obwohl er inmitten der überhitzen Problembezirke liegt – stellt sich als eine Fläche mit ausgleichenden Temperaturen dar. Stadtplanerisch muss die Devise also lauten: pflanzen, pflanzen, pflanzen. Nadine Weber

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