Die Stadt : Auf den Spuren von Tintoretto

Er ist einer der großen Meister der Spätrenaissance und malte fast nur in seiner Heimat Venedig: Jacopo Tintoretto. Ein Stadtspaziergang mit seiner Biografin.

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»Tempelgang Mariens« heißt das Gemälde in der Kirche Madonna dell'Orto, das Melania M. Mazzucco zu ihrem Buch inspirierte. Foto:...

Melania G. Mazzucco wirkt plötzlich sehr aufgeregt, als sie in der Kirche Madonna dell’Orto in Venedig steht; fahrig streicht sie mit der linken Hand durch ihre lockigen dunklen Haare, mehr als einmal ruckelt sie ihre schwarz umrandete Brille zurecht. Genau dieses eine Bild des venezianischen Malers Jacopo Robusti Tintoretto, das an einer der Kirchenwände hängt, fasziniere sie ein jedes Mal aufs Neue, erklärt die aus Rom stammende Schriftstellerin. Der „Tempelgang Mariens“ heißt es und soll von Tintoretto 1553 fertiggestellt worden sein. Auffällig ist das klare Licht, das diagonal ins Bild fällt, Mazzucco nennt es „fantastisch“ und schwärmt weiter: „Wie zögerlich die kleine Maria dem bärtigen Priester dort oben entgegengeht! Und wie die Frau hier im Vordergrund dem kleinen Mädchen bestimmend und selbstbewusst den Weg die Tempelstufen hinauf zeigt, das ist großartig.“

Dann erzählt sie, dass es genau dieses Bild gewesen sei, das sie vor weit über zehn Jahren dazu animiert habe, sich intensiv mit Werdegang, Leben und Familie von Tintoretto zu beschäftigen, einem der drei Großmeister der venezianischen Spätrenaissance neben Tizian und Veronese. Das Resultat dieser Beschäftigung sind gleich zwei Bücher über Tintoretto, die Melania G. Mazzucco geschrieben hat und die im vergangenen Jahr in Italien veröffentlicht wurden: eine über 1500 starke Biografie sowie ein Roman mit dem Titel „Tintorettos Engel“, der jetzt auch auf Deutsch vorliegt (Knaus Verlag, 22,95 €). Anders als die Biografie, die sich auch intensiv mit der Malerei Tintorettos auseinandersetzt, erzählt „Tintorettos Engel“ die Familiengeschichte und vor allem die innige Beziehung des Malerfürsten zu seiner unehelichen Tochter Marietta, die in seine Fußstapfen trat und von ihm zur Malerin ausgebildet wurde.

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„Venedig war mein Schicksal“, sagt Tintoretto in Mazzuccos Buch: sein Wohnhaus, der Dogenpalast, die Kirche Madonna dell’Orto und...laif


Folglich lässt Mazzucco ihre Romanfigur Tintoretto schwärmen über seine kleine Tochter und die Initiation zu einem Bild, für das er Jahre brauchte und das Mazzucco auch wegen der vielen Frauen in unterschiedlichsten Alterstufen darauf so beeindruckt hat: „Zu Ehren meiner Tochter und ihrer gleichnamigen Beschützerin, der Jungfrau Maria, malte ich sie auf die Orgeltüren von Madonna dell’ Orto. Auch ihre Mutter setzte ich mit aufs Bild, die von hinten mit Blick auf ihre fabelhaften, entblößten Schultern zu sehen ist. (...) Meine kleine Tochter stieg in einer glitzernden Wolke die Tempelstufen hinauf.“

Mazzucco hat sich für ihren Roman einige Freiheiten genommen, wiewohl sie erklärt, dass jede Figur darin vom Dogen bis zum Gondoliere wirklich gelebt habe, dass Namen, Orte und Werke echt seien, dass die meisten Ereignisse stattgefunden hätten. Die größte Herausforderung sei es für sie aber gewesen, von Venedig zu erzählen, „von einer geschäftigen, kapitalistischen, schnelllebigen Metropole“, wie sie es ausdrückt, einer „rohen und nonkonformistischen Welthauptstadt“.

Tintoretto hat von seiner Geburt 1518 bis zu seinem Tod 1594 in Venedig gelebt und die Stadt nur für kurze Ausflüge verlassen. „Venedig war die Stadt“, sagt er bei Mazzucco, „die ich immer geliebt und immer gehasst habe. Venedig war mein Gegner und mein Schicksal. Jeder kämpft auf seinem Schlachtfeld, meines war Venedig.“ Geschickt zeigt Mazzucco dann auch, wie ihr Held um Anerkennung bei Dogen, Adel, Bruderschaften und höherem Bürgertum ringt, wie er Karnevalsumzüge mitgestaltet, wie er sich bei den ihn und seine Familie verschonenden Pest-Epidemien verhält, wie er bei einem der Brände 1577 im Dogenpalast die Zerstörung eigener Werke erlebt. Und natürlich erzählt sie die Entstehungsgeschichte des einen oder anderen seiner großen Bilder, von denen heute noch die meisten in den Kirchen, Museen und Palazzi Venedigs verstreut zu sehen sind. „Ich betrat sämtliche Kirchen“, sagt Tintoretto am Ende des Romans, „und kam beglückt, in jeder etwas von mir hinterlassen zu haben, wieder hinaus.“

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Trotzdem muss man sich im Venedig des 21. Jahrhunderts schon gezielt auf Tintorettos Spuren begeben, um sein Wohnhaus an der Fondamenta dei Mori mit der Nummer 3399 zu entdecken oder die Inschrift „Weder mit dir noch ohne dich kann ich leben“ über der Eingangstür. Bei der historischen Pracht Venedigs, der Vielzahl seiner grandiosen Bauwerke sind langjährige Wirkungsstätten Tintorettos eben auch nur ein paar unter vielen: die Kirche Madonna dell’Orto, die Scuola Grande di San Rocco oder das Gebäude der Markus-Bruderschaft am Campo Santi Giovanni e Paolo.

Vor der Kirche Madonna dell’Orto ist es an diesem kalten, aber sonnenklaren, von einem strahlend blauen Canaletto-Himmel dominierten Januartag, da Mazzucco durch Tintorettos Venedig führt, unspektakulär leer. Kein Tourist hat sich in diesen Winkel von Venedigs Stadtteil Cannaregio verirrt. Auch der Pfarrer der Kirche hat andere Sorgen. In einem der Seitenflügel hängt hinter einem Altar nur eine Reproduktion des berühmten „Madonna mit Kind“-Gemäldes des Renaissance-Malers Giovanni Bellini. 1993 wurde es geklaut, bis heute ist es nicht wieder aufgetaucht. Die anderen Wände in diesem Seitenflügel sind gänzlich weiß und leer. Um sie mit zeitgenössischen Gemälden zu bestücken, fehle zum einen das Geld, so der Pfarrer, aber auch das Interesse von Venedigs Magistrat. So leer der Platz vor der Kirche ist, der noch die mittelalterliche Pflasterung aus im Fischgrätmuster verlegten Ziegelsteinen trägt, so geschäftig geht es auf dem Campo Santi Giovanni e Paolo zu, den Venedig-Reiseführer gern als einen der schönsten Plätze der Lagunenstadt bezeichnen. Hier dominiert das Reiterstandbild des Condottiere Bartolomeo Colleoni von Andrea del Verrocchio den Platz; hier findet sich aber auch im rechten Winkel zu der Kirche Santi Giovanni e Paolo die Schule der Markus-Bruderschaft, die Scuola Grande di San Marco mit ihrer herausragenden Fassade aus polychromen, illusionistische Hallen vortäuschenden Marmorintarsien. Mit dem „Sklavenwunder“-Gemälde für die Markus-Bruderschaft sorgte Tintoretto 1548 erstmals für größeres Aufsehen. „Meine Stadt feierte mich gegen ihren Willen“, konstatiert er bei Mazzucco.

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Die Geschäftigkeit auf dem Platz, vor der Scuola und im Gebäude selbst hat aber einen ganz profanen Grund: Die Scuola ist heute ein Krankenhaus. Und im Saal im ersten Geschoss, in dem die Markus-Bruderschaft früher ihre Sitzungen abhielt, ist die medizinische Bibliothek des Krankenhauses untergebracht. Sie enthält Fachbücher und medizinische Instrumente aus fünf Jahrhunderten und dient den Ärzten dazu, sich mit medizinischen Zeitschriften aus Europa und den USA auf dem Laufenden zu halten, unter anderem der deutschen Ärztezeitung „Der Chirurg“. Von Tintoretto selbst gibt es hier kein Gemälde mehr, bloß zwei seines Sohnes Dominico.

Ein regelrechtes Tintoretto-Museum dagegen ist die Scuola Grande di San Rocco, gelegen neben der Frari-Kirche im einstigen Handelsviertel San Polo. Nachdem er sich lange Zeit danach verzehrt hatte, nicht zuletzt weil die Markus-Bruderschaft ihm eine Mitgliedschaft trotz des „Sklavenwunders“ verweigerte, wurde Tintoretto 1565 in die Rochus-Bruderschaft aufgenommen. Er schuf für die Scuola Grande di San Rocco in den folgenden zwei Jahrzehnten über 60 großformatige Wand- und Deckengemälde. Im Erdgeschoss finden sich acht Bilder, die Episoden aus dem Leben der Muttergottes zum Thema haben, und über eine ausladende, von allen Seiten prächtig ausgeschmückte Treppe kommt man in den Kapitelsaal im Obergeschoss mit Tintoretto-Gemälden, wohin das Auge blickt. In der benachbarten kleinen Sala dell’Albergo, wo die Bruderschaft noch heute ihre Sitzungen abhält, hängt eines von Tintorettos berühmtesten Werken: die „Kreuzigung“, eine gewaltige Darstellung der Kreuzigungsszene mit den Maßen fünfeinhalb mal zwölf Meter. Diese hat Tintoretto nicht nur als eines der wenigen seiner Gemälde unten links signiert, und zwar mit dem Wörtchen „Tinctorechtus“ (aufrechter Färber), sondern er hat sich hier auch im Hintergrund, mit ausgestrecktem Arm auf die Szenerie verweisend, selbst verewigt.

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Man kann sich in den Räumen der Scuola in den meist dunklen Farben und dem immer dynamischen Geschehen der Tintoretto-Bilder schlichtweg verlieren – und bekommt eine Ahnung davon, was der Dichter Stendhal im 19. Jahrhundert angesichts der kulturellen Reizüberflutung in Florenz für Krankheitssymptome entwickelte, später als Stendhal-Syndrom beschrieben. Auch Melania G. Mazzucco scheint in diesem Augenblick, da sie durch die Scuola führt, leicht überfordert zu sein und kommt vom Hundertsten ins Tausende. Doch kennt sie gerade diesen Ort in Venedig wie keinen zweiten: Hier hat sie viele Stunden und Tage Tintoretto-Studien betrieben. Außerdem habe sie hier, wie sie lachend hinzufügt, ihre „ultimative“ Venedig-Bestimmung gefunden und nicht zuletzt ihrem Vater nachgeeifert. Dieser, ein Theaterregisseur, wurde oft zu Aufführungen nach Venedig eingeladen und machte die Stadt für die kleine Melania zu einem mythischen Ort.

Mazzucco hat sich diesen mythischen Ort durch ihre Beschäftigung mit Tintoretto erhalten, auch in dem Bewusstsein, dass Venedig schon immer eine grandiose, Trugbilder und Realität innigst miteinander verschränkende Inszenierung gewesen ist. Dass die Stadt heute von einer hochtourigen, Fluch und Segen gleichermaßen bedeutenden Tourismusmaschine am Laufen gehalten wird, entlockt ihr nur ein Achselzucken. Sich mit dem Venedig von vor vier-, fünfhundert Jahren zu beschäftigen ist das eine, die Spuren davon immer wieder in der Stadt zu finden, gerade in den Kirchen und Palästen. Das andere jedoch ist der Touristenstrom, der sich vom Markusplatz zur Rialto-Brücke wälzt, gesäumt von Souvenirläden mit den immer gleichen Karnevalsmasken in den Auslagen, bevölkert von Easy-Jet-Touristen aus England, Estland oder Litauen, die morgens in die Stadt einfallen, ihr Essen mitbringen, viel Müll hinterlassen und abends wieder abreisen.

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Schon lieber berichtet Mazzucco von der Kirche, in der ein Tintoretto hängt, die aber immer verschlossen war, wenn sie sie besichtigen wollte. Erst bei einem Trauergottesdienst konnte sie herein, und da erfuhr sie, dass diese Kirche nur zu Trauergottesdiensten geöffnet ist. Oder sie erzählt von dem ägyptischen Betreiber einer Bar in der Nähe ihres Hotels, der gerade im Urlaub ist und seinen Bruder für ein paar Wochen als Ersatz eingeflogen hat: ein Lehrer aus Kairo, der dafür Urlaub einreichen musste, sich aber im winterkalten Venedig sehr wohlfühlt.

Die Stadt macht in diesen Januartagen den Eindruck, als hole sie Luft für den Rest des Jahres. Auf den Tourismusrouten ist nur halb so viel los wie sonst, und um die Giardini herum sind die Venezianer völlig unter sich, auf dem Trottoir der Riva degli Schiavoni genauso wie in der heruntergekommen wirkenden Via Garibaldi und ihren Seitengassen. Hier und da huschen senegalesische oder chinesische Straßenhändler vorbei, die gerade im Sommer das Stadtbild genauso prägen wie die Touristen. Doch ob illegal, legal oder Eintagsbesucher: Venedig war zu Tintorettos Zeiten schon Einwanderungsstadt, und bei Mazzucco sinniert der Maler dann auch angesichts der vielen Pest-Toten: „Das ganze Jahrhundert über war Venedig eine Arche Noah gewesen – Tor und Hafen für Verbannte, Flüchtlinge und Vertriebene jeglicher Herkunft. Jetzt war es das Tor zur Pest.“

Für Melania G. Mazzucco war es umgekehrt: Tintoretto erwies sich für sie als Tor, der Schlüssel zu Venedig. Als sie sich verabschiedet, sagt sie noch, dass sie, obwohl ihre Arbeit getan ist, immer wieder herkommen werde. Und zitiert, wohl wissend, dass über Venedig alles gesagt worden ist, dass man über die Stadt sowieso nur aus zweiter, dritter und vierter Hand sprechen kann, den französischen Schriftsteller Julien Green: „Nichts auf der Welt war mir je so herrlich schön erschienen wie diese Stadt, die man eines Tages zerstören wird, gerade weil sie so schön ist.“

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