Zeitung Heute : Die Stadt aufkaufen

Lars von Törne

Wie ein West-Berliner die Stadt erleben kann

So macht das Kapitalistenleben Spaß: Mit der einen Hand fahre ich durch den dicken Geldstapel auf dem Tisch, mit der anderen wickel ich den Immobilienkauf ab, der mich schon bald reicher als je zuvor machen wird. Kalt lächelnd kassiere ich in der nächsten Runde von meiner Gegenspielerin die astronomische Miete. Ah, geliebte Talerchen!

Monopoly ist ein Spiel, das bei mir immer schon jene Seiten zum Vorschein brachte, die ich in Gesellschaft sonst gerne diskret verberge. Gier, Rücksichtslosigkeit, Egoismus – nicht gerade sozialverträgliche Tugenden. Deswegen hatte ich das Monopoly-Spielen kurz nach meinem zehnten Geburtstag eingestellt, bevor ich mir beim Spiel auch die letzten Freunde verprellt hätte.

Dass Gier und Rücksichtslosigkeit und Egoismus natürlich trotzdem in mir schlummern, und dass es durchaus Spaß machen kann, sie rauszulassen, habe ich vergangene Woche wiederentdeckt. Anlass war ein Geschenk, ein kürzlich neu erschienenes Monopoly-Spiel im klassischen Design der 30er Jahre. Das ist nicht nur stilvoller als das alte Spiel meiner Kindertage, es ist auch ein echtes Berlin-Spiel. Denn anders als beim Standard-Monopoly der Neuzeit spielte man in den 30ern Monopoly ausschließlich mit Berliner Straßen.

So kann ich jetzt wie weiland die Großeltern die Schönhauser Allee für 2800 Reichsmark kaufen, mir Unter den Linden für 6400 Reichsmark sichern, und den Potsdamer Bahnhof gibt’s für 4000 Reichsmark.

Ein Nebeneffekt des Spiels ist, dass es dazu anregt, sich mit Stadtgeschichte zu beschäftigen. Hätten Sie gewusst, dass die damalige Neue Königstraße, die man bei Monopoly für 3200 Reichsmark bekommt, heute Otto- Braun-Straße heißt? Und dass die Karl-Marx- Allee einst die Große Frankfurter Straße war? Das spielerische Wandeln auf diesen Straßen hat etwas hübsch Antiquiertes, auch wenn der Kampf ums Geld natürlich auf dem nostalgischen Spielbrett nicht minder hart ausgetragen wird. Seine Freunde kann man damit immer noch verprellen.

Monopoly Nostalgie, Spielbrett im Stil der 30er in einer Holzkiste, 49,99 Euro in jedem Spielwarengeschäft. Informationen über historische Berliner Straßennamen gibt es unter anderem im Internet unter der Adresse www.berlin-topographie.de/strassen/index.html

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