Die Stadt : Das schwarze Paris

Er ist die Stimme der Schwarzen in Frankreich, seine Romane spielen mitten in den afrikanischen Vierteln von Paris: Ein Spaziergang mit dem Schriftsteller Alain Mabanckou.

Maxi Leinkauf
Ein afrikanischer Dandy, ein „Sapeur“, ist Alain
Ein afrikanischer Dandy, ein „Sapeur“, ist AlainFoto: mauritius images

Es ist menschenleer in der Rue Saint-Denis, morgens um zehn. Nur ein hagerer Schwarzer fegt den Regen vom Trottoir vor den Bars und Sex-Shops, die noch geschlossen sind.

Im Lokal Jip’s stehen die Hocker auf den Tischen. Kartons mit Papaya und Limonen liegen auf dem Boden, daneben schwere Reissäcke, von der Decke baumelt eine himmelblaue Cabrio-Attrappe. Eine Plastikpalme versucht, karibisches Flair zu verströmen. Stumm poliert der Barmann Cocktail-Gläser, auf dem Herd steht ein Topf mit Lamm.

In dem afrokubanischen Lokal spielen Passagen des aktuellen Romans „Black Bazar“ von Alain Mabanckou. Eben ist der Schriftsteller durch die schmale Tür ins Jip’s gekommen, jetzt sitzt er in Mantel, feinen Lederschuhen und Ledermütze an einem Tisch und bestellt einen Petit Noir.

Mabanckou zeigt auf die vergilbten Fotos, die an der Wand kleben: Roger-der- Franko-Ivorer, der in seinem Roman den Ich-Erzähler belagert, sobald er im Jip’s aufkreuzt. Sylvio, der Typ von den Antillen, der seinen Ausweis denen borgt, die einen Job suchen, und zehn Prozent Kommission nimmt. Oder Paul aus Groß-Kongo, der meint: Schreiben ist nichts für uns Schwarze. „Das Bistro war lange mein Wohnzimmer“, erzählt Mabanckou, hier hat er seine späteren literarischen Helden getroffen und beobachtet.

„Black Bazar“ (Liebeskind Verlag, 19,80 Euro) handelt von den Traumwelten der schwarzen Einwanderer in Paris, ihrer Traurigkeit, ihrem Zynismus, ihrer Suche nach Identität, die schwer zu finden ist in der weißen Welt der Franzosen. Der namenlose Ich-Erzähler hängt in seinem engen Zimmer im Quartier Château-Rouge herum oder im Jip’s, seit Frau und Kind ohne ihn in den Kongo heimgekehrt sind. Er philosophiert über Frauen, deren Charakter er angeblich am Hintern erkennen kann. Die anderen nennen ihn nur „den Arschologen“.

Alain Mabanckou schreibt amüsant und entschleiert die Risse in der schwarzen Community von Paris, in der er selber lange gelebt hat. Er kennt deren Widersprüche, er ist ihre Stimme. In Frankreich wird er als Schriftsteller gefeiert. Für den satirischen Roman „Bleu-Blanc-Rouge“ erhielt er 1998 seinen ersten großen Literaturpreis, viele andere Preise folgten. Längst gehört er zu den erfolgreichsten frankophonen Autoren, in diesem März war er der Star auf der Pariser Buchmesse.

Aufgewachsen ist der 44-Jährige in der kongolesischen Küstenstadt Pointe-Noire in einem kultivierten Elternhaus. Auf Wunsch seiner Mutter begann er nach dem Abitur am Karl-Marx-Gymnasium ein Jurastudium in Brazzaville, 1989 kam er mit einem Stipendium nach Paris. Er wohnte anfangs in einem Zimmer in der Cité Universitaire, arbeitete nachts und am Wochenende bei McDonald’s, als Kellner oder Schuhverkäufer. Tagsüber büffelte er Privatrecht in der Bibliothek des Centre Pompidou, mittags kam er zum Essen ins Jip’ s, nur ein paar Schritte entfernt. Es gab Colombo d’ agneau, Maffé du bœuf oder Poulet Yassa, afrikanische, kubanische, antillische, sri-lankesische Speisen. „Wir schwarzen Einwanderer haben uns untereinander verstanden, aber wir waren abgeschnitten vom Rest der Welt“, sagt er. Eine eigene Welt mitten in Paris, „mein Paris“, nennt er sie. Und nimmt mich mit auf einen Rundgang.

Zu Fuß geht es in die nördlichen Viertel, in denen viele Schwarze leben. Auf dem Weg zeigt Mabanckou auf ein Geschäft mit großen Lettern: MGC, so heißt die berühmte französische Kette, die Produkte für „ethnische Schönheit“ vertreibt, die vor allem schwarze Abnehmer finden. In den Schaufenstern hängen Perücken aller Farben, mehrere Kundinnen prüfen im Laden Bleichungsmittel, die „Fair White“ oder „Day Light“ heißen, es sind aufhellende Ampullen mit teilweise gefährlichen Substanzen, Cortison oder Quecksilber. Doch das Geschäft floriert, auch bei Cecilia, der Konkurrenz von nebenan. „Schönheit ist teuer, aber wir tun alles für sie“, mokiert sich Mabanckou. In seinem Roman fragt einer der Kongolesen: Ist unsere Hautfarbe schuld an unserem Unglück? „Es ist eine ewige Debatte unter Schwarzen“, sagt Mabanckou, sie nervt ihn, und sie macht ihn wütend.

Am Boulevard Saint-Denis biegt er in die unauffällige Rue Gustave Goublier ab, „Jo Créations“ steht auf dem abgenutzten Schild, das über einer rostigen Ladentür hängt. „Voilà, mein Friseur“, Mabanckou öffnet die Tür. Drin ist es laut, alle Plätze sind besetzt, eine kleine Schlange hat sich gebildet. Mabanckou wird sofort von mehreren Männern umringt. „Das ist Ullrich, ein echter Sapeur“, stellt er einen Freund vor. Sapeur? So heißen die afrikanischen Dandys. „Man wird deine Erscheinung immer anhand deines Kopfes beurteilen“, philosophiert Ullrich, für den der Blick der anderen zählt. Schuhe seien eher unwichtig. „Pardon? Ich trage Weston für 800 Euro!“, ruft Mabanckou. Ein echter Sapeur sei gepflegt, trage die Haare kurz und gehe jede Woche mindestens einmal zum Friseur, erläutert Ullrich. Er möchte die Frauen beeindrucken, „wie Alain“.

Historisch gesehen steckt dahinter eine kleine Kulturrevolution. In den 70er Jahren wurde „La sape“ im westlichen Zentralafrika eine Lebensform. Die jungen Dandys identifizierten sich mit dekadentem Pariser Schick, provozierten ihre Eltern, Anhänger des Marxismus und Anti-Kolonialismus, mit der narzisstischen Laisser-faire-Attitüde. Wer es sich leisten konnte, posierte in Designerklamotten zwischen den Abrisshäusern und kaputten Autos von Brazzaville, las in Paris erscheinende Hochglanz-Magazine wie Africa Elite und Jeune Afrique, oder dealte mit Drogen. Ein kongolesisches Studentenheim in Paris wurde geschlossen, weil sich dort lauter kleinkriminelle Sapeure eingenistet hatten. „Gebt unsere Kleider nicht auf, sie sind unsere Religion“, sang jahrelang Papa Wemba, Zaires Superstar.

Beim Friseur werden Geschäfte gemacht, Freundschaften geschlossen, Rendezvous verabredet. Es ist der Mikrokosmos des Lebens in den Vororten oder hier im nördlichen Paris. Im 18. Arrondissement sind Maghrebiner und Schwarzafrikaner mit 33 Prozent die größten Einwanderergruppen. Der Anteil der Afrikaner hat sich in den vergangenen zehn Jahren fast verdoppelt. Detailliertere Statistiken nach ethnischer Herkunft darf das Nationale Institut für Statistik nicht erstellen, doch seit Mitte des 20. Jahrhunderts spiegelt das Viertel auch die Einwanderergeschichte der Grande Nation. Anfang der 60er Jahre kamen sie aus dem Süden der Sahara, aus Zaire und Kongo-Brazzaville. Damals hieß man sie willkommen, durch den Algerienkrieg fehlten nordafrikanische Arbeiter.

Mitte der 70er Jahre wurde es schwieriger für Afrikaner, an Aufenthaltsgenehmigungen zu kommen, die Gesetze wurden restriktiver. Und wer es geschafft hat, der kümmert sich zuerst um sich selbst. Solidarität? „Die gibt es unter den Afrikanern in Paris nicht“, sagt Mabanckou. „Wir sind alle eher gleichgültig.“ Oder hasserfüllt. Monsieur Hippocrate beispielsweise, im Roman der Nachbar des Icherzählers, ist ein Schwarzer von den Antillen. Eigentlich hält er sich aber für einen Weißen. „Sie holen uns alle illegalen Einwanderer aus ganz Frankreich und den Nachbarländern ins Haus“, ereifert er sich. „Geh zurück in den Busch, Kongolese!“

Die Rivalität zwischen Schwarzen der Karibikinsel und Afrikanern existiert wirklich. „Wir werden von den Antillianern beschuldigt, während der Sklaverei die Komplizen der Weißen gewesen zu sein. Die Afrikaner denken wiederum, dass sich die Antillianer für weiß und zivilisiert halten“, erklärt Mabanckou. Er hat erfahren, wie alltäglich der Rassismus in Paris sein kann. Jahrelang hat er in einem Unternehmen als Rechtsberater gearbeitet. „Wissen sie, wo der Chef ist?“, wurde er meist gefragt. „Die Kunden dachten, ich putze dort die Fenster. Deswegen schreibe ich jetzt Bücher.“

Métro Château d' Eau. Am Ausgang wartet eine Gruppe junger schwarzer Männer. „Mademoiselle, möchten Sie Dreadlocks?“, rufen sie laut, manche ziehen einen direkt in einen der afrikanischen Friseurshops, andere gibt es hier kaum. Die illegal arbeitenden „Rabbateurs“ aus Mali, Kamerun oder der Elfenbeinküste leben von ihrer Provision. Monsieur, ein frischer Schnitt? „Non, merci“, sagt Mabanckou, er steuert zielstrebig an den Haar- und Maniküre-Shops entlang, auf dem Weg zu BH Electronic in der Rue du Faubourg St. Denis, einem der wenigen Musikläden, der eine große Auswahl kongolesischer Musik anbietet. Mehrere Fernseher laufen gleichzeitig, in einem Regal DVDs mit Sketchen über Joseph Kabila oder Lektionen in „Sapologie 1-4“, der Wissenschaft der Sapeure.

„Salut Alain, auch mal wieder hier?“, sagt Manu Luwaka gelangweilt. Er berichtet, wie sein „Bizness“ gerade so läuft. Der Mittvierziger betreibt von Paris aus eine Tankstelle in Brazzaville, außerdem handelt er mit CDs und DVDs, produziert hin und wieder auch eigene. Der größte Teil des Einkommens bleibt bei den Eltern im Kongo. Er fliegt nur in den Ferien zurück, in Paris sei er freier, sagt er.

Mabanckou beobachtet, schweigt, fragt, ob er denn die Kontroverse um französische Werte, Integration und Nationalstolz verfolgt hätte. „Ach, Politik geht mich nichts an, für mich zählen nur die Geschäfte.“ Später, als wir draußen sind, wirkt Mabanckou nachdenklich. „Es geht in dieser Diskussion auch um ihn, aber er merkt es nicht einmal“, sagt er resigniert. In seinem Blog setzt er sich mit der „verlogenen Debatte“ über die nationale Identität auseinander, die er konstruiert findet. Stattdessen propagiert er, gemeinsam mit anderen Schriftstellern, eine „Weltidentität“. Jetzt im Mai soll ein Essayband zu dem Thema erscheinen.

Ins Viertel Château-Rouge fahren wir mit der Metro. Hier ist der Anteil der Einwanderer dreimal höher als im Pariser Durchschnitt. Auf dem Marché Dejean verteilt ein hünenhafter Mann im weißen Umhang und Turban auf dem Kopf Zettel mit der Telefonnummer eines der vielen Wahsagers der Gegend, einem Marabout. Es riecht nach gegrilltem Mais und frischem Fisch. Schwarze Karpfen, Zackenbarsche, Adlerfische und Barrakuda glotzen von den Tischen. Männer und Frauen preisen Uhren, Handys, Gürtel und Perücken an, die sie auf einfachen Pappkartons ausgebreitet haben. Andere verteilen falsche Gucci-Taschen, afrikanische Tücher und Dessous auf den Vorderklappen fremder Autos. Es ist illegal, hier zu handeln, aber die Polizei greift selten ein.

Früher, als Mabanckou noch regelmäßig auf den Markt kam, hat er hier Kochbananen, Saka-Saka, Gombos, Maniok und Igname, ähnlich einer Süßkartoffel, eingekauft und abends in seiner engen Bude gekocht. Ein junger Mann will ihm die Hand schütteln, „Bonjour, Monsieur, ich bewundere Sie.“ Ein paar Stände weiter zupft ihn eine schwarze Frau in grell buntem Kleid am Ärmel: „Monsieur, ich kenne Sie, ich habe sie gestern im Fernsehen gesehen: Darf ich ein Erinnerungsfoto machen?“ „Wenn einmal ein Schwarzer in einer französischen Sendung ist, dann kennen ihn hier alle“, sagt er hinterher.

Trotzdem wirkt es, als sei er hier nur noch zu Gast. Vor ein paar Jahren ist Alain Mabanckou in die USA gezogen, nach Santa Monica, er unterrichtet an der University of California Kreatives Schreiben und Frankophone Literatur. „Mein Leben in Kalifornien? Es ist sehr weiß“, sagt er ungefragt. Er sehe nun die Lage der afrikanischen Einwanderer in Paris viel schärfer. „In den USA teilen Schwarze eine ähnliche Geschichte, die der Sklaverei und des Kampfes gegen sie.“ Sie können dort Helden sein, wie Muhammed Ali, Martin Luther King oder Barack Obama. Die Schwarzen, die in Frankreich leben, sind weniger homogen, sie kommen aus verschiedenen Motiven. „In Paris versuchen sie, wahrgenommen zu werden.“

Er hat jetzt Hunger. Sein liebstes Restaurant hier hat geschlossen, deshalb geht es zurück nach Les Halles, in die Brasserie „Au père tranquille“. „Nach oben, wie immer?“ fragt der livrierte Kellner, Mabanckou nickt. In der zweiten Etage ist es ruhig, es gibt eine Bibliothek, an den Wänden hängen nostalgische Paris-Aufnahmen. Mabanckou legt den Mantel ab, das blütenweiße Hemd, Weste, der Nadelstreifenanzug, er könnte einer der Geschäftsmänner sein, die hier Steak Frites bestellen. Er plaudert von seiner Freundin, einer weißen Französin, die er bei einer Lesung kennen gelernt hat. Von der Eigentumswohnung, die er sich im 18. Arrondissement gekauft hat. Eine Möglichkeit, ab und zu wiederzukommen, aber immer dort leben, das möchte er nicht mehr.

Die Premiere von „Black Bazar“ hat er im Jip’ s veranstaltet, es sind 200 Leute gekommen, auch renommierte Pariser Literaturkritiker. „Wir tranken Bier, rauchten und tanzten alle zusammen“, schwärmt er. Einen Abend lang schien es, als könnten sie sich begegnen, die beiden Welten, in denen er zuhause ist.

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