Die Stadt : Der Bauhaus-Meister

Das Bauhaus feiert seinen 90. Geburtstag – und hat seit Anfang März einen neuen Direktor: Philipp Oswalt, Architekt und Publizist. Grund genug für einen Besuch in Dessau.

Kerstin Decker
Neuer Bauhaus-Direktor Oswalt
Seit Anfang März ist Philipp Oswalt neuer Direktor der Stiftung Bauhaus in Dessau.Foto: dpa

Der neue Direktor kam mit dem Zug. Fast vier Wochen ist das nun her. Niemand hat zu seinem Empfang mit Blumen auf dem Bahnsteig gestanden.

1925 war das noch anders. Da warteten der Bürgermeister und seine Frau persönlich auf die Eisenbahn, die einen unmöglichen Architekten in die Provinzstadt bringen sollte.

Er kam aus Weimar. Das war zwar nicht viel größer als Dessau, aber seine Geister schon, und außerdem trug die ganze Republik den Namen des thüringischen Nestes. Auch darum wollte der umstürzlerische Architekt eigentlich Weimar zum Schauplatz seiner umstürzlerischen Architektur machen. Denn eine Republik braucht eine neue Architektur.

Vor 90 Jahren, am 24. März 1919 wurde das Bauhaus in Weimar gegründet. Die Moderne in der Architektur hört bis heute weltweit auf seinen Namen. Aber wegen des Provinz-Bürgermeisters auf dem Dessauer Bahnsteig denkt die ganze Bau-Welt bei dem Namen Bauhaus nun nicht mehr so sehr an Weimar, sondern an Dessau in Sachsen-Anhalt. Denn das Bauhaus steht hier.

Der erste Bauhaus-Direktor hieß Walter Gropius. Der neue Bauhaus-Direktor heißt Philipp Oswalt. Gropius war 42 Jahre alt, als er kam. Oswalt ist 44.

Gropius war ein „Macht-alles-neu“-Revolutionär, ein „Die-Zukunft-gehört- uns“-Mann. Sein später Nachfolger denkt schon länger über die Folgen der Revolution nach. Und verwaltet nun die ehemalige Zukunft als Vergangenheit. Das merkt man auch daran, dass er nicht in Gropius’ Direktorenzimmer einziehen darf. Denn das ist jetzt Museum. An Gropius‘ Schreibtisch könnte Oswalt ohnehin nicht sitzen, denn der ist in Japan. Ausgeliehen. Menschen, deren Schreibtische die ganze Welt sehen will, sind sicher vor dem Vergessen-Werden. Gropius, der Globalisierer des Bauens.

Oswalt sitzt zwei Türen weiter. Er schaut beim Eintreten des Besuchs nicht vom Laptop auf. Die Botschaft lautet: Arbeit geht vor. Konzentration ist unteilbar. Ein Hochenergetiker? Ein Turbo-Macher?

Seine Sekretärin hatte schon vor ihm gewarnt: So schnell, wie der spreche, könne man gar nicht mitschreiben. Darum sei es auch überhaupt nicht schlimm, dass er sich verspätet habe, denn was andere in einer Stunde sagten, sage ihr neuer Chef in zehn Minuten.
Philipp Oswalt hebt dann doch den Blick von seinem weißen Macintosh, neben dem eine Schale Nüsse steht. Oswalt, der Nussknacker. Und natürlich ist Dessau eine harte Nuss. Vor ein paar Jahren belegte die Stadt bei einer Umfrage, wo in Deutschland die Menschen sich am wohlsten fühlen, den letzten Platz. Die Dessauer haben dazu gar keinen Grund. Auch das will der neue Direktor ihnen sagen. Welche deutsche Stadt sonst bewahrt ein doppeltes Welterbe, steht gleich zweimal auf der Unesco-Liste? Mit dem Wörlitzer Gartenreich und mit dem Bauhaus, dessen nagelneuer Direktor jetzt an den großen runden Glastisch tritt.
– Herr Oswalt, wie wird man Bauhaus-Direktor?

– Ganz einfach, ich habe mich beworben. (etwas vertraulicher:) So schwer war es nicht. Wir waren nur 23 Bewerber.
Vielleicht, weil Dessau als harte Nuss gilt.

Oswalts Vorgänger Walter Gropius hatte sich nicht beworben. Der Bürgermeister hatte ihn gelockt. Fritz Hesse sagte zu Walter Gropius, was die wenigsten Bürgermeister zu den Architekten ihres Vertrauens sagen: Hier haben Sie eine Million Reichsmark! Bauen Sie sich das Haus Ihrer Träume! Und er ging mit seinem neuen Baumeister den Weg vom Bahnhof Richtung Elbe, den auch Philipp Oswalt schon oft gegangen ist.

Nur dass damals hier weit und breit nichts war. Kein Haus, nirgends. Es war März, es war schönes Wetter, wie auch an diesem Tag in Dessau. Ja, mehr noch: Als Oswalt vorhin in Dessau ankam, riss das Bleigrau des Himmels auf, und dieser nahm die Farbe von Oswalts Zimmerdecke an. Ein ungeheures Blau, hell, mit ziemlich viel Weiß drin. Was ist das für ein Blau? Oswalt schaut an seine Decke. Er weiß auch nicht, wie dieses Blau heißt. Bei dessen Anblick man glaubt, nichts sei wirklicher als die Utopie, die Zukunft.
Oswalt steht auf, durchquert sein Büro, vorbei an der Schüssel mit den harten Nüssen, und tritt an einen der Einbauschränke. Die sind noch original. Der Einbauschrank ist auch eine Erfindung des Bauhauses. Dahinter verbergen sich manchmal halbe Badezimmer, aber Oswalt öffnet zielgenau nicht den Waschbecken- sondern den Bücherschrank und nimmt den Bildband „Das Bauhausgebäude in Dessau“ heraus. Er sucht darin nach der genauen Farbbezeichnung seiner Zimmerdecke. Oswalt kann das: Intensiv suchen und dabei intensiv reden.

Er sagt, dass das Bauhaus eben keine Architektenschule sei. Dass hier verschiedene Disziplinen zusammenarbeiteten, und das fasziniere ihn. Er selbst sei ja auch kein richtiger Architekt: „Ich habe nur die neu gestaltete Gedenkstätte Ravensbrück realisiert, und das auch nicht allein.“

Keine Frage, Oswalt ist eher jemand, der über Architektur redet. Zuletzt ist er gegen den Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses in den verbalen Kampf gezogen. Oswalt, der Antitraditionalist, der Anwalt dritter Wege. Zugleich hat er in den letzten Jahren über „Schrumpfende Städte“ nachgedacht. Also über Städte wie Dessau, die seit der Wende mehr als ein Viertel ihrer Einwohner verloren. Oswalt leitete die Ausstellung „Schrumpfende Städte“ und schlug vor, die Verödung als Chance zu begreifen.

Es sind geradezu spiegelverkehrte Voraussetzungen, unter denen der erste und der vorerst letzte Bauhausdirektor antraten. Er wolle der Schönheit des 18. Jahrhunderts (Wörlitzer Park!) das Modernste gegenüberstellen, was die Welt bisher gesehen hätte, hatte Gropius gesagt und Wort gehalten, weshalb bald nicht nur Amerikaner Briefe nach Hause schrieben, in denen stand, dass sie sich gegenwärtig „im Mekka der Moderne“, im „schönsten Haus“ der Welt aufhielten (so der Architekt Philip Johnson).

Als Gropius kam, wuchs Dessau rapide, denn nicht nur die Junkers-Werke hatten hier ihren Hauptstandort. 1919 startete in Dessau das erste freitragende Ganzmetallflugzeug der Welt.

Heute ist die Industrie so gut wie weg, die Plattenblocks sind verlassen. Die 30er-Jahre-Häuser auf der anderen Seite der Heide-Straße sollen auch bald abgerissen werden. Philipp Oswalt macht dieser Anblick gar nicht schwermütig. Abbruch als Chance!
Er sagt das so: „Ich möchte meine Tätigkeit hier auf die Frage der Migration fokussieren.“ Oder: „Ich möchte Identitätsfragen abdecken.“ Verbale Serienfertigung. Sprachliche Fertigbauteile. Fertigbauteile und Serienproduktion sind Bauhaus-Erkennungsmarken.

Oswalts Aufsatz „Experiment und Utopie im Stadtumbau Ostdeutschlands“ formuliert: „Die Rolle des Planers ist es, stillgelegte Ressourcen zugänglich zu machen (…): Wie können Leerstand und Bewohner miteinander verknüpft werden (…)?“ Ein seltsamer Gedanke, Leerstand und Bewohner miteinander verknüpfen zu wollen. Eigentlich geht das doch nur, indem der Bewohner wieder einzieht, aber dann ist es kein Leerstand mehr.

Oswalt sucht noch immer den Namen des Blaus seiner Zimmerdecke, dann klappt er den Bildband zu:
- Find‘ ich nicht.
Er schaut noch einmal prüfend nach oben. Vielleicht ist es zukunftsblau, utopieblau? Schließlich muss man, um das Bauhaus zu begreifen, seine Utopie mitdenken: menschenwürdiges Wohnen für die Massen des Industriezeitalters. Seinen Feinden galt diese Vision von Anbeginn als verdächtig, als verdächtig sozialistisch, natürlich auch, weil der Meister nicht ungern vom Bauhaus als einer „Kathedrale des Sozialismus“ sprach.

Andererseits hat Gropius das Dessauer Arbeitsamt gebaut, ein architektonisches Dokument der Angst vor den Massen. Arbeitsämter waren noch recht neu, und wie würden sich die arbeitslosen Massen dort verhalten? Würden sie gar an Ort und Stelle eine Revolution anzetteln? Also plante Gropius ein Haus, in dem sich die Arbeitslosen gar nicht erst begegnen können, mit sechs Zu- und Ausgängen und einem ausgeklügelten Wegesystem. Das futuristische Hufeisen besaß zudem keine Fenster, sondern bekam alles Licht über sein doppeltes Glasdach.

Heute residiert hier das Ordnungsamt, manchmal kommen Fremde und bitten einen Mitarbeiter, doch mal seine Kurbel herauszuholen. Der tritt dann an die Tür seines fensterlosen Büros, setzt die Kurbel an, und das Glasdach über ihm öffnet sich. Feindlich blickt der Mitarbeiter nach oben. Er hätte so gern richtige Fenster.

In der von Gropius gebauten Siedlung Törten – Gropius: Keiner kann so schnell und so billig bauen wie ich! – haben die Bewohner die Fenster dorthin zurückverlegt, wo sie ihrer Meinung nach hingehören. Nicht kurz unter die Decke, sondern weiter nach unten. Aber die Siedlung Törten ist ein Erfolg, keins der 316 Einfamilienhäuser steht leer. Am besten hat Gropius in Törten der hohe Starkstrommast gefallen. Was ist ein Kirchturm gegen einen Starkstrommast? Er galt ihm als Inbegriff der Schönheit und der Zukunft.
Gropius’ Zimmerdecke ist trotzdem nicht utopieblau. Direkt über seinem fehlenden Schreibtisch ist sie gelb. Und außerdem ein Stückchen höher als im Rest des Raums. Das Bauhaus ist auch der Erfinder der niedrigen Decken und Propagandist der Einsicht, dass sich der Mensch am wohlsten fühlt, wenn er mit dem Kopf fast an die Decke stößt. Für sich machte der Direktor dann doch eine Ausnahme.

Bloß warum gelb? Vielleicht weil das gelb so gut zu der schwarzen Wand hinter Gropius‘ Schreibtisch passt. Das Schwarz kommt von Kandinsky. Schwarz, lehrte Kandinsky, ist die klanglose Farbe schlechthin, sie fokussiert aufs Wesentliche. Zum Beispiel aufs Essen, weshalb Kandinsky in Dessau ein stockschwarzes Esszimmer hatte, das nicht nur seiner Frau auf den Magen schlug. Natürlich kam Gropius nicht allein, mit ihm und nach ihm kamen – Oswalt spricht die Namen mit nachschmeckendem Genuss – Mies van der Rohe, Josef Albers, Laszlo Moholy-Nagy, Lyonel Feininger, Oskar Schlemmer, Georg Muche, Paul Klee …

„Man müsste Dessau in ,Bauhausstadt Dessau‘ umbenennen“, überlegt Oswalt. Vielleicht denkt er an Wittenberg gleich nebenan, das schließlich auch nicht nur nach sich selbst, sondern „Lutherstadt Wittenberg“ heißt.

Die Dessauer Bauhaus-Sammlung ist nicht so bedeutsam wie die Berliner Sammlung, dafür hat die Stadt die Bauhaus-Gebäude, zum Beispiel die Meisterhäuser, in denen – von Gropius entworfen – die oben Genannten wohnten. Bis vor wenigen Jahren fielen die Meisterhäuser dem Vorübergehenden höchstens wegen ihrer exorbitanten Hässlichkeit auf. Denn gleich nach 1933 zogen ganz normale Bürger mit ihrem ganz normalen Geschmack hier ein. Und der nahm mit sicherem Instinkt zuerst die Metallrahmen-Fensterfront der Ateliers weg. Vielleicht ist dies das eigentlich furchtbare Schicksal der Bauhaus-Moderne: ihre zwangsläufige Begegnung – ja, sagen wir es ruhig so – mit dem Geschmack der Spießer.

Oswalt schaut sich mit leichter Missbilligung in seinem Büro um. Sein Vorgänger muss ein Stahlrohr-Freak gewesen sein. Natürlich sind Stahlrohrmöbel auch Bauhaus. Schon 1927 erfand Marcel Breuer seinen ersten Stahlrohrklubsessel. Der berühmteste ist der B3, also Breuers Dritter. Der B3 steht überall, auch draußen im Flur, bloß bei Oswalt nicht. Da stehen die Stahlrohre seines Vorgängers. Oswalt sagt, er sei kein Designfetischist. Er würde sich sogar mit einer hässlichen Teekanne vertragen, und es gäbe Wichtigeres als die Neueinrichtung seines Büros. Oswalt ist auch der Autor der Schrift „Das eigenschaftslose Büro“.

Die Berühmtheit eines Menschen misst sich vor allem an den Folgen, die er hatte. Gropius war ein sehr folgenreicher Mensch, überall trägt die Erdoberfläche die Spuren seiner Ideen. Weshalb Häuser selbst am anderen Ende der Welt tendenziell gleich aussehen, vergangenheitslos, gedächtnislos.

Gewiss hat Oswalt auch für Dessau schon einen Werkzeugkasten gepackt. Er spricht gern von Werkzeugkästen. Der erste enthalte genau sechs Werkzeuge: „Die ersten vier – Extensivieren, Abreißen, Umschichten, Einfrieren – gehen von der Schrumpfung als Gegebenheit aus und zeigen Wege, wie dieser Prozess qualifiziert werden kann. Die letzten beiden Werkzeuge ‚Binden‘ und ‚Stimulieren‘ beeinflussen hingegen Schrumpfung und Wachstum als parallel laufende Prozesse selbst.“

Von der Stahlrahmen-Glasfront anstelle eines Fensters beobachtet ein afrikanischer Holzgötze den neuen Direktor. Nur die Nussschale und der Holzgötze sind in diesem Raum von ihm. „Das ist ein Medizinmann aus Nigeria, wo meine Frau geboren ist“, sagt Oswalt, „er soll mir den Rücken stärken.“

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