Zeitung Heute : Die Stadt der kurzen Wege ist stets unter Strom

Berlin lässt sich besonders gut mit einem neuen Verkehrskonzept bewegen – eMobility lautet das Zauberwort

Weert Canzler Andreas Knie
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Jetzt umsteigen bitte. Mit Blick auf die Metropolen setzen Verkehrsplaner auf Fortbewegungsmittel an jeder Straßenecke. Sie müssen...

Berlin, 2010. Der Arbeitnehmer, der sich morgens auf den Weg ins Büro macht, prüft noch mal: Ist das Mobiltelefon aufgeladen und in der Tasche? Weit ist es nicht zum Fahrzeug seiner Wahl. An jeder Ecke stehen Räder, Roller und natürlich auch Autos, die man spontan nutzen kann und an einer beliebigen Ecke wieder abstellt. Und das natürlich im Verbund mit Bussen und Bahnen.

Alle Verkehrsmittel werden mit Strom betrieben, der aus regenerativen Quellen stammt, leise und bequem. Ein einfacher Check-in- und Check-out-Vorgang, wahlweise mit dem eigenen Mobiltelefon oder mit einer übertragbaren eMobility-Card erlaubt ein Nutzen aller Verkehrsmittel in Berlin, ohne nachzudenken, ohne eine Karte zu lösen oder am Schalter anzustehen. Nachdenken über Tarife oder Preiszonen? Das ist Geschichte. Die Rechnung kommt einfach am Monatsende. Bezahlt wird je nach Stromverbrauch pro Kilometer, punktgenau. Fährt man viel mit dem Auto, dann sind die Kosten höher, als wenn man meist mit U-, S- oder Straßenbahn unterwegs ist. Das Radfahren kostet gar nichts mehr, hier bleibt es bei einer monatlichen Grundpauschale. Findet man gerade kein geeignetes Fahrzeug, genügt ein Blick auf das Mobiltelefon: Das nächste verfügbare Fahrzeug wird sofort angezeigt, wichtige Verbindungsdaten zur Fernbahn bereitgestellt. So wie man im digitalen Web surft, so bewegt man sich in der realen Stadtwelt.

Eine Utopie? Metropolen brauchen neue Verkehrskonzepte, die Klima-Entwicklung erzwingt einen Wechsel auf post-fossile Energieträger. Der hohe Flächenverbrauch, Lärm und Unfallgefahren legen es nahe, Alternativen umzusetzen. Ob in Peking, Shanghai, Paris, London oder New York, neue Lösungen werden weltweit gesucht.

Berlin hat alle Voraussetzungen, diese eMobility zu realisieren. Mit der Deutschen Bahn AG ist der Fern- und Nahverkehr genauso in der Stadt zu Hause wie moderne Fahrrad- oder Autoverleihsysteme. Carsharing und Call-a-Bike verkörpern wie das bereits probehalber eingesetzte „Touch & Travel“ die Grundkomponenten des Systems. Die Strom- und Energieversorger stehen ebenso bereit zum Start wie die Automobilunternehmen. Senat, Bezirke und das Bundesverkehrsministerium sondieren schon die notwendigen infrastrukturellen und fördertechnischen Voraussetzungen. Berlin verfügt auch über eine breite Forschungsinfrastruktur, die technische, rechtliche und soziale Aspekte der eMobility wirkungsvoll unterstützen. Man braucht allerdings Mut. Denn eMobility heißt umdenken in Sachen Mobilität. Kaufen und exklusiv besitzen wird künftig nicht mehr wichtig. Ein öffentlicher Verkehr, der auf unübersichtlichen Tarifen pocht und immer neue Zugangshürden aufbaut, ist nicht mehr nötig. Autos, die alles können und daher auch 500 oder 600 Kilometer mit hohen Geschwindigkeiten – und das mit einer Tankfüllung – zurücklegen wollen, sind für den Metropolenverkehr einfach nutzlos. Elektroautos auf diesen technischen Pfad zu zwingen und den Diesel- oder Ottomotor durch eine andere Antriebstechnik einfach zu ersetzen, zeugt von einem verkürzten Innovationsverständnis. Elektroautos sind prädestinierte Stadtfahrzeuge, die im Verbund mit öffentlichen Verkehrsmitteln für die kleinräumige Feinverteilung sowie den unterstützenden Betrieb in Randzeiten mit schwacher Auslastung dienen. Sie müssen daher auch öffentlich zugänglich sein und werden im eMobility-Betrieb nur bei unkritischem Batteriestatus frei gegeben. Elektroautos im eMobility- Modus können auch nur maximal 24 Stunden ausgeliehen werden; eine Privatisierung öffentlicher Verkehrsmittel durch die Hintertür wird so vermieden.

Berlin hatte den Mut zu Neuem oft bewiesen. Hier sind wichtige Meilensteine der Verkehrsgeschichte mit weltweiter Ausstrahlung realisiert worden. Das elektrische Fahren mit Pferdedroschken und die Einführung der S-Bahn, die zum Synonym leistungsfähiger Stadtbahnsysteme wurde, entstanden hier. Der Einheitsfahrschein, der einen Wechsel zwischen Bussen, Straßenbahnen und U-Bahnen ermöglichte, kam aus Berlin. Auch das Carsharing wurde erstmals in Deutschland hier erprobt.

Obwohl die Bedingungen für einen eMobility-Betrieb günstig sind, braucht es einen Treiber, einen Koordinator. Es müssen Unternehmen kooperieren, die vorher wenig miteinander zu tun hatten, es sind neue riskante Geschäftsmodelle innerbetrieblich durchzusetzen und öffentlich zu diskutieren. Die notwendigen Impulse müssen daher auch aus der Wissenschaft kommen, die grenzüberschreitend in die Realisierung von Innovationen aktiv eingreift. Dass das gelingen kann, hat das WZB mit dem „Cash Car“-Projekt schon einmal getan und Ende der 1990er Jahre ein Zukunftslabor in Sachen Mobilität entwickelt.

Auch die Nutzer müssen mitmachen. Die Bereitschaft der Berliner und Berlinerinnen ist gegeben. In keiner vergleichbaren Metropole der Welt ist der Anteil der privaten Pkw so niedrig, die Nutzung des öffentlichen Fern- und Nahverkehr und der Anteil des Fahrradverkehrs so hoch wie in Berlin. Beste Voraussetzungen also zur Einübung eines neuen Metropolenverkehrs.

Die Autoren leiten die Projektgruppe Mobilität am WZB.

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