Die Stadt : Der letzte Akt

Ein mythischer Ort in Berlin-Lichtenberg: Hier begann die elektrotechnische Revolution, hier schuftete ein wahrer Held des Sozialismus, hier spielte eine Anarcho-Band zum Ende der DDR. Was ist geblieben? Eine blühende Landschaft.

Kerstin Decker
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Die alte Ofenhalle des ehemaligen Siemens-Plania-Werks in Lichtenberg.Foto: Holger Herschel/ Peter Badel

Es gibt Orte, von denen aus kann man Anfang und Ende ganzer Staaten, ganzer Systeme erklären. Und sogar deren Traum.

Ein solcher Ort liegt mitten in Berlin. Aber kaum ein Berliner kennt ihn. Kaum einer war da. Nur die, die unbedingt hinmussten. Hin mussten seit 1901 vor allem Arbeiter, Industrieproletariat. Den Ort, man erkennt ihn heute fast nicht mehr. Nur ein Gründerzeitverwaltungsgebäude und ein trauriges DDR-Kulturhaus sind noch da.

Das macht zu viel Dreck, damit gehen wir raus aus der Stadt, hatten die Brüder Siemens kurz vor der Jahrhundertwende beschlossen. In der Landgemeinde Lichtenberg bauten sie Öfen und Schornsteine, aus denen kam, was auch aus der Hölle kommt: Pech, Teer und Schwefel. Aus dem Werk kamen Elektroden, Kohlestifte, Schweißkohle, Kohlebürsten. Das war der Fortschritt. Das war die elektrotechnische Revolution.

Silit- und Kohlenstaub fraß sich ein Jahrhundert lang in die Lungen ganzer Familien. Die Väter arbeiteten bei Siemens-Plania in der Herzbergstraße, die Söhne und die Enkel. So war es üblich. So blieb das noch in der DDR, auch wenn das Werk nun „VEB Elektrokohle Lichtenberg“ hieß. Und wenn die Elektrokohle-Arbeiter sich den schwarzen Film vom Leib gewaschen hatten und nach Hause kamen, konnte es sein, dass sie dort denselben schwarzen klebrigen Film auf ihren Möbeln und den Blumen vorfanden. Zumindest wenn der Wind ungünstig stand und sie vergessen hatten, die Fenster fest zuzumachen. Ein neuer Schornstein, der endlich die richtigen Filter hatte, wurde 1990 fertig – und gleich wieder abgerissen.

Anfang und Ende der DDR. Der Anfang war eine Ofenreparatur, das Ende war ein Konzert.

Am Nachmittag des 21. Dezember 1989 – die Mauer war schon auf, die DDR gleich zu Ende, nur wusste sie das noch nicht – setzte ein republikweiter Marsch der Subkulturen der DDR auf den Kultursaal des VEB Elektrokohle ein. Das Ziel: Lichtenberg, Herzbergstraße, Wilhelm-Pieck-Saal.

Etwas später näherten sich Staatskarossen. Auch ein Westberliner Kleinbus wollte dorthin. Die Insassen füllten mit einem gewissen Ernst DDR-Zollerklärungen aus und schenkten den Grenzern Eintrittskarten: Wenn sie Zeit hätten, sie gäben ein Konzert. Man war damals freundlich zu den Grenzsoldaten, weil sie am 9. November nicht geschossen hatten.

Drei Tage vor Weihnachten 1989 spielte die Westberliner UndergroundBand im Kultursaal des VEB Elektrokohle Lichtenberg: die Einstürzenden Neubauten. Um das zu sehen, desertierten sogar Offizierschüler aus ihren Kasernen in Hinterthüringen. Das lag an ihrem Wirklichkeits- und Glaubensbegriff: Das glaube ich erst, wenn ich es sehe!

Die Einstürzenden Neubauten, das hieß: Apokalypse, Skepsis, Anarchie.

Die Jugend Ost hatte die Antworten auf die Fragen „Wer bin ich?“, „Was soll ich tun?“, „Was darf ich hoffen?“ längst in der Musik von Blixa Bargeld und seinen Musikern gefunden. So eine Jugend baut nichts mehr auf. Schon gar nicht den Sozialismus. Der Stasi waren die musikalischen Vorlieben der Jugend auch nicht entgangen, sie konnte sie bloß nicht identifizieren. In ihren Abhörprotokollen stand etwa: „X hört wieder seine Geräusche“.

„Die Einstürzenden Neubauten spielen an Stalins Geburtstag im Kultursaal des VEB Elektrohle Lichtenberg“ – auf Veranstaltungsideen wie diese kommen nicht viele Menschen. Auf diese Idee kam der Dramatiker Heiner Müller. Er erschien nicht allein zum Konzert. In den Staatskarossen saßen regierende Franzosen. Präsident Mitterrand weilte gerade zum ersten Staatsbesuch nach der Maueröffnung in der DDR, Heiner Müller war auch geladen, und als er sich abmeldete zur Blixa-Bargeld-Session, sagten die Franzosen: Da kommen wir doch mit!

Müller war mit Blixa Bargeld befreundet. Der Anarchismus des Jüngeren rührte ihn, es war der seine mit anderen Mitteln. Sentimental war Müller nie, auch nicht angesichts von Untergängen. Und das war einer. Vielleicht wusste das damals am 21. Dezember 1989 nur er. Und ganz gewiss war er der einzige im Saal, der auch wusste, dass genau hier einmal ein Anfang seinen Anfang nahm.

Wenn es mythische Orte des Sozialismus gäbe, dieser wäre einer. Eine Archäologie des Sozialismus könnte genau hier zu graben beginnen, auf der Industriebrache in Lichtenberg. Und sie stieße auf einen Ofen.

Auf einen Ringofen mit 36 Brennkammern, vier Eckkammern und 32 Mittelkammern. Jede Kammer ist zwei mal zwei Meter breit und zweieinhalb Meter tief. Sie sind untereinander durch Gaskanäle verbunden. Drinnen wird es 1000 Grad heiß.

Für den Ofen haben sich schon viele interessiert. Zuerst Bertolt Brecht, dann Heiner Müller, dann zwei Fotografen, die 2007 durch die Industriebrache streiften, die einmal der VEB Elektrokohle war. Peter Badel und Holger Herschel hatten schon andere stillgelegte Industrielandschaften erforscht. Denn diese aus der Zeit gefallenen Orte können Geschichten erzählen, die irgendwie – das hatten beide Spurensucher längst gemerkt – zu ihrer eigenen Geschichte gehörten. Peter Badel hatte als Schüler im VEB Elektrokohle gearbeitet, denn wer in der DDR zur Schule ging, musste einmal pro Woche in eine Fabrik. Das Fach hieß „Einführung in die sozialistische Produktion“, und man lernte darin vor allem das Staunen: wie Menschen diesen Gestank, diesen Lärm, diese verdammt schwere Arbeit nicht ein Mal pro Woche, sondern oft ein Leben lang aushalten konnten. Peter Badel erfuhr damals auch, dass diese Fabrik gewissermaßen über einen Hochaltar des Sozialismus verfügte, gewidmet einem einstigen Siemens-Plania-Arbeiter, aber „ich interessierte mich damals nur für die Beatles und die Mädchen meiner Klasse“.

Dann hat es ihn aber doch interessiert. Und er hat mit Herschel eine Ausstellung über diesen vergessenen Industriestandort gemacht, die gerade im Museum Lichtenberg zu sehen ist.

Der Anfang. Zu Beginn der 50er Jahre hatte der RIAS einen Auftrag für seine Hörer im Osten: „Achtung! Achtung! Wir sprechen zur Sowjetzone. Achtet auf den Arbeiterverräter, den Banditenführer Garbe mit seinen Trabanten. Schlagt ihn, wo ihr ihn trefft!“

Was hatte dieser Hans Garbe getan, um den freiheitlichen Rundfunk mit der faschistoiden Sprache so zu reizen?

Er hatte den Ofen repariert.

Geboren 1902, wurde Hans Garbe auf einem Gut in Pommern groß, wo der Gutsherr seinem Großvater die Reitpeitsche durchs Gesicht zog, wenn der anderer Meinung war. Schon als Achtjähriger arbeitete Hans Garbe von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. Was aus ihm werden sollte, durfte seine Familie nicht entscheiden. Das entschied der Gutsherr. Es war ohnehin klar – nichts würde aus ihm werden, fast ohne Schulbildung, ohne Lehre. Er lief weg, kam nach Berlin. Da wusste er schon, dass er goldene Hände besaß. Er brauchte das Mauern nicht zu lernen, er hatte dem Großvater dabei zugesehen, er konnte es.

In einer Berliner Großbäckerei fiel Ende der 20er Jahre am Abend ein Ofen aus. 6000 Brote mussten raus, bis der Betriebshandwerker Garbe „Halt!“ rief und in den heißen Ofen kroch. Am nächsten morgen um 5 kroch er wieder heraus. Die Brote waren längst fertig, und die nächsten und übernächsten 6000 auch.

Als er 1949, im Gründungsjahr der DDR, zu Siemens-Plania kam, interessierte er sich sofort für die Öfen. Ofen ist Ofen, dachte er, egal ob er Brote backt oder bei 1000 Grad die Zauberstäbe der elektrotechnischen Revolution, ohne die kein Rasierapparat funktioniert, keine Straßenbahn fährt.

Seit die Betriebe volkseigen waren, arbeitete Hans Garbe noch mehr. Er erklärte das so: „Wir wollen doch einmal so weit kommen, daß wir nicht mehr acht Stunden zu arbeiten brauchen. (...) Dann gehen wir ins Kulturheim und ins Theater. Dann kommt für uns Arbeiter das Paradies.“ Das glaubte Hans Garbe. Seine Mit-Arbeiter glaubten, dass man diesen Kerl mal ordentlich verprügeln müsse, damit er wieder aufwacht. Und im Übrigen sagten sie, dass sich in Amerika sogar Arbeiter Autos kaufen, und die brauchen dazu keinen Sozialismus.

Noch waren die alten Siemens-Ingenieure im Werk, noch wurde alles so gemacht, wie es immer den Erfolg in Deutschland und darüber hinaus verbürgt hatte. Nur Hans Garbe aus Pommern dachte: Das geht doch schneller! Also mauerte er einen Ofendeckel in 13 statt in 50 Stunden. 440-prozentige Normerfüllung! Den zweiten Deckel mauerte er in neun Stunden, den dritten in viereinhalb. 900 bis 1000 Prozent über Norm! Niemand sprach mehr mit ihm. Nur der Werkmeister, und der sagte: „Was ich für die Leute raushole, einen guten Stundenlohn, hast du versaut.“ Aber der einstige Landjunge aus Pommern entdeckte immer mehr Verbesserungswürdigkeiten, damit alle bald den halben Tag lang statt zur Arbeit ins Theater gehen könnten.

Menschen wie ihn nannte die Partei Aktivisten. An ihnen hing die Hoffnung der sozialistischen Produktion. Aktivisten wurden bestenfalls belächelt, meist aber verhauen und bedroht. Vor allem wurden sie gemacht, aufgebaut von der Partei.

Hans Garbe war der einzige echte Aktivist. Er hatte nur sich selbst und seinen freien Willen, der ihm in einer Dezembernacht 1949 befahl, seine Frau zu wecken: „Mutti, zieh dir eine Jacke an und nimm Papier und Bleistift, du musst mir helfen!“ Sie gingen ins Werk, zum Ringofen III, der am Tag zuvor kaputtgegangen war. Das bedeutete vier Monate Produktionsausfall, denn der Ofen musste stillgelegt werden. Noch nie seit Siemens-Plania-Zeiten war das anders gewesen.

Am nächsten Morgen kündigte Hans Garbe an, dass er den Ofen bei laufender Produktion reparieren würde. Die alten Siemens-Ingenieure erbleichten. Garbe und ein paar andere krochen in den Ofen. Die restlichen Arbeiter wünschten sich, er möge nie mehr rauskommen. Sie tauschten seine getrockneten gegen feuchte Steine aus oder warfen sie in den Gaskanal. Sie nahmen ihm die Jacke weg, denn ein nackter Mann kann nicht im Winter über den Hof in die Kantine gehen, wenn er aus dem 100 Grad warmen Ofen kommt.

Am Ende war der Ofen bei laufendem Betrieb in zwei statt in vier Monaten repariert. So dramatisch ist also die sozialistische Produktion!, dachte der Dramatiker Brecht und wollte ein Stück darüber schreiben. Es ist Fragment geblieben. Heiner Müller dachte dasselbe, ihn interessierte der Aufbau eines Helden. „Der Lohndrücker“ wurde sein erstes Stück. Im „Lohndrücker“ heißt Garbe Balke, im Unterschied zu Garbe war Balke bis eben Nationalsozialist gewesen. Müller fand es noch dramatischer so.

Die Partei wusste nicht recht, ob sie dem Stück misstrauen oder es loben sollte. Sie machte beides. Als Müller den „Lohndrücker“, das DDR-Anfangsstück, kurz vor deren Ende noch einmal am „Deutschen Theater“ inszenierte, interessierte ihn vor allem der Zusammenhang zwischen dem Aufbau eines Helden und dem Abbau eines Menschen.

Der Sozialismus ist in seinem authentischen Kern eine Utopie der Arbeit. Karl Marx nannte sie die „freie Assoziation der Produzenten“. Die regierenden Arbeiter der DDR übersetzten das in Volkseigentum. Aber es gab nie ein Volkseigentum in der DDR. Die DDR hat es lediglich zu einem dilettantischen Staatsmonopolismus gebracht. Vielleicht ist das gar nicht ihre Schuld, vielleicht gibt es einfach kein Volkseigentum. Worte, denen nichts entspricht, sind gar nicht so selten.

Kann sein, nur einer hat wirklich daran geglaubt, Hans Garbe, der später mit Pieck gemeinsam den Grundstein zum Kulturhaus des VEB Elektrokohle legte.

Badel und Herschel fotografierten 2007 Garbes Ringofen III in der damals schon baupolizeilich gesperrten Gründerzeithalle. Im vergangenen Jahr verschwand er unter einer Betondecke.

Auf dem Siemens-Plania-Gelände ist inzwischen entstanden, was Helmut Kohl 1990 prophezeit hatte, eine blühende Landschaft: „Dong Xuan“, der größte Asiamarkt Berlins. „Dong Xuan“ heißt „Blühende Landschaft“.

Am 31.12.1997 hatte Ofenfahrer Klaus Hubrig die Brennerei des Werks für immer geschlossen. Die Öfen wurden zehn Tage lang kaltgefahren, damit Rückstände im Gaskanal sich nicht entzünden können. Hubrig: „Als ich die Ofenhalle außer Betrieb genommen habe, habe ich eine Minute lang die Sirene heulen lassen zum Abschied. Ich habe die Halle stromlos gemacht, abgeschlossen und mir gesagt: Ich möchte hier nicht mehr reingehen, es schmerzt zu sehr.“

Die Ausstellung „Von Siemens-Plania zu Dong Xuan. Ein Industriestandort mit Theatergeschichte“ läuft bis zum 22.5. im Museum Lichtenberg, Türrschmidtstraße 24. Der gleichnamige Katalog erschien im Verlag Theater der Zeit. Über das Konzert der Einstürzenden Neubauten gibt es einen Dokumentarfilm von Uli M. Schueppel: „Von wegen“ hatte auf der diesjährigen Berlinale Premiere.

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