Die Stadt, die Clubs und die Wende : Club der alten Raver

Eberle, Rapp, Denk, von Thülen, Gutmair: Das Berlin und sein Clubleben der frühen neunziger Jahre wird in zahlreichen Büchern erforscht, erinnert und vermessen.

Anhalter Bahnhof

Geschlossen, wiedereröffnet, abgerissen, wiederaufgebaut: Das Cookies in der Friedrichstraße ist einer dieser legendären Berliner Wanderclubs. Ein Ort, wie er nicht besser geeignet sein könnte für die Premiere eines Buches über „die ersten Tage von Berlin“, über die boomende Clubkultur nach der Wende. Lange bevor Ulrich Gutmair aus seinem Werk etwas zum Besten gibt, haben sich Altvordere schon über einstige Cookies-Stationen verständigt, wie etwa der Prenzlauer Allee/Ecke Saarbrückerstraße oder der Johannisstraße.

Erinnerung, sprich: So funktioniert Gutmairs Buch. Es macht Halt an vielen der sagenumwobenen Orte der Stadt, Friseur, WMF, Tresor. Oder am Sexiland, einem Techno- und Elektroladen am Rosenthaler Platz, der vorher als öffentliche Toilette diente. Keiner der Betreiber dachte damals an irgendeine Zukunft, daran, sich zu etablieren. Auch die Gäste ahnten nicht, dass diese Orte einmal legendär werden würden. Es zählte der Moment, der Spaß an Improvisation und Vorläufigkeit. Seltsam nur, dass diese Zeit im Moment lebendiger denn je erscheint, dass nichts von ihr verloren gegangen ist. , auf dass ja auch der sonderbarste, rauschebärtigste Clubveteran noch zu Wort komme. Man denke an Martin Eberles schönen Band „Temporary Spaces“ mit den Fotos von Clubs wie Eimer, Ibiza oder Init; an Tobias Rapps Buch „Lost and Sound“, das den Bogen von der frühen Technokultur bis in die Gegenwart des Easyjetsets schlägt; oder an Sven von Thülens und Felix Denks „Klang der Familie“, in dem sich Techno- und Clubprotagonisten an ihre ersten Stunden in West- und Ost-Berliner Kellerbars und leer stehenden Gebäuden erinnern.

Wer glaubt, dass es nun mal gut sein könnte mit den Berliner neunziger Jahren, wird nicht nur von den ewig existierenden, in der Popkultur nicht kaputtzukriegenden achtziger Jahren eines Besseren belehrt, sondern auch von Sven Regener. Im September erscheint von dem Element-of-Crime-Musiker der Roman „Magical Mystery“. Held ist Karl Schmidt, eine der Nebenfiguren aus Regeners Lehmann-Trilogie. Laut Verlag wollen Schmidt und seine Freunde „mit ihrem Plattenlabel auf einer Tour durch Deutschland den Rave der 90er-Jahre mit dem Hippiegeist der 60er versöhnen“. Noch ein Techno-Roman also. Bloß gut, dass Rainald Goetz keine „Rave“-Bücher mehr schreibt, sondern Wirtschaftsmagnaten porträtiert und kaputtseziert. Die Welt dreht sich um mehr als nur Discokugeln und Berliner Clubs. Gerrit Bartels

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