Zeitung Heute : Die Stadt, die eine Wunde ist

Wo die anderen Weite sehen, sieht er nur Leere. Und eine Dritte sieht in der Leere eine Chance – Bilder von Dresden, 60 Jahre nach dem 13. Februar 1945

Deike Diening[Dresden]

Dresden ist schon wieder umkämpft. Der ehemalige britische Bomberpilot Derek Jackson sollte eigentlich auf dem Altmarkt sprechen, aber das ist zu gefährlich, so wie die Dinge jetzt stehen. „Ein falsches Wort aus der Menge, und alles ist kaputt.“ Dresden hat sich gerüstet, für morgen, Sonntag, den 13. Februar, jeder auf seine Weise. Die Vorbereitungen sind sorgfältig, das Terrain ist schon lange vermint. Fragen, die längst geklärt zu sein schienen – wie hoch sind die Opferzahlen, wer trägt die Schuld – scheinen wieder offen. Es würde niemanden verwundern, wenn morgen, nach 60 Jahren, noch einmal ein Sturm hereinbrechen würde, kein Feuersturm allerdings, sondern einer der Bilder. Die Rechten betreten mannstark die Bühne, die Linken rufen zur Gegendemo, die Bürger tragen als Zeichen der Distanz zu den Rechten weiße Kunstrosen aus Sebnitzer Produktion, die Tage vorher schon nicht mehr zu haben waren, nicht im dritten Stock bei Karstadt und auch in der Christlichen Buchhandlung hinter dem Kulturpalast nicht, denn die Anteilnahme läuft gut. Es ist ein Kampf, der mit Symbolen geführt wird.

Das alles hat nur nicht viel mit dem Eigentlichen zu tun. Wenn man gewillt ist zu sagen, dass das Eigentliche ist, sich an die Zerstörung der Stadt zu erinnern. Und erinnern ist gut gesagt, denn im engeren Sinne kann das nur ein immer kleiner werdender Kreis von Leuten. Die anderen, Jüngere, hören die Geschichten und ihre Deutung gleich dazu.

„Ich habe auch Ihnen absagen wollen“, sagt Rudolf Eichner. Doch das Sprechen hat jetzt Züge einer Pflicht angenommen. „Damit’s mich nicht wieder zu sehr packt“ zeigt er erst einmal Bilder. Schwarzweiß, auf vergilbten Blättern aufgeklebt, eine Dresdner Stadtansicht, zehn Jahre nach dem Kriegsende aufgenommen, da hatten die Bewohner fünf Millionen Kubikmeter Trümmer beseitigt. Man sieht zwei Häuser und den Bahnhof. Da ist das noch unversehrte Lazarett, in dem er lag, als die ersten Bomben kamen, 22 Uhr 13. Und da ist die Stelle, an der er mit vier anderen die Nacht überlebt hat, zwei Geröllhaufen und Unkraut, von Bedeutung nur für ihn.

„Ich lag im Lazarett, nicht weit vom Hauptbahnhof, man hatte mir einen Bombensplitter aus dem Gesäß operiert.“ Eichner war 20, zurück von der Ostfront, und spielte mit seinem Bettnachbarn Schach. Das Spiel war das Verlobungsgeschenk seiner Mutter an seinen Vater, und er nahm es mit, als er im Schlafanzug in den Keller rannte. Sie kamen wieder heraus, darüber brannte schon das Haus, und begannen mit Löschen. Und dann erlebten sie, es war die zweite Angriffswelle, dass ein Feuersturm nicht bloß eine Metapher ist. Niemand konnte sich in der Stadt mehr aufrecht halten, so stark blies der heiße Wind. Auf allen vieren sind sie über die Straße in einen Vorgarten, mit Decken, Eichner inzwischen nicht mehr im Schlafanzug, sondern in Uniform, aber noch immer mit Schachspiel. Die fünf haben einen Kreis gebildet, jeder musste seinen Vordermann löschen. „Wir fingen ja alle immer wieder zu brennen an.“ Das bisschen Wasser im Garten reichte kaum aus. Irgendwann schlug ihm sein Hintermann auch das Schachbrett auf den Körper. Sechs geschlagene Stunden vergingen auf diese Art, Haare besaß nachher keiner von ihnen mehr, aber sie haben überlebt. Drei Tage lang hatte er rauchentzündete Augen, die seine Schwester mit Kamillenbeuteln kühlte. Mehrere Jahre lang ist er jedes Jahr am 13. Februar an diese Stelle gegangen, um sich zu besinnen, denn Eichner ist weder rechts noch links, sondern katholisch. 1948 fand er plötzlich an diesem Ort zwischen den Steinen einen schwarzen, hölzernen Springer des Schachspiels wieder.

Das ist seine Geschichte. 35000 Menschen sind bei dem Bombenangriff ums Leben gekommen. „Im Rückblick bilde ich mir ein, ich habe zu wenig darüber geredet“, sagt er, der Lehrer geworden ist. „Vielleicht wäre es sonst nicht so weit gekommen, dass heute wieder Rache und Vergeltung gefordert wird.“ Seine großen wasserblauen Augen wissen auch nicht weiter.

Rudolf Eichner ist längst daran gewöhnt, dass andere diese Bilder für ihre Zwecke nutzen. Er hat ein offenes, manchmal verschmitztes Zeitzeugengesicht. Wenn man mit Eichner, 80, einen Spaziergang durch Dresden macht, muss er erzählen, was er sieht, denn mit bloßem Auge ist es nicht mehr zu sehen. „Das kann ich eigentlich niemandem vermitteln.“

Wo andere Weite sehen, sieht er bloß Leere. Er sieht in den granitenen Gehwegplatten vor der Kreuzkirche die spezifischen, lang gestreckten Löcher, die nur Bombensplitter verursachen, er sieht eine Grünfläche – ja doch, auch über die Hölle kann Gras wachsen – und doch eigentlich die alten Häuser darauf, er sieht eine Hofeinfahrt, die führt ins Grüne, aber für ihn führt sie auf einen Hinterhof. Er ergänzt, er kann nicht anders, beim Sehen die kahlen Stellen der Stadt. „Hier“, sagt Eichner, und seine tränenden Augen rühren vermutlich nur vom kalten Wind, „hier in der Altmarkt-Galerie standen die Häuser so dicht, die Bewohner konnten sich aus den Fenstern die Hände reichen.“ Heute fahren die Kunden auf Rolltreppen aneinander vorbei. Weiße Rosen sind auch aus. Kommen morgen wieder rein. „Die ganze Stadt ist eine einzige Wunde“, sagt er.

Eine Stunde Parken kostet auf dem Altmarkt in der Woche einen Euro 50, am Wochenende 50 Cent. 1945 brannten hier zwei Wochen lang ununterbrochen die toten Körper von 6865 Menschen zur Noteinäscherung. Nur einer wie Eichner ordnet das gedunkelte Pflaster zu. Brühwurstbuden kann er hier nur schwer ertragen, er hätte gerne ein Mahnmal gesehen, am liebsten eine Stele. Dies sei ein Markt- und Parkplatz, ist ihm gesagt worden, wer bezahlt das, wenn sich einer an der Stele eine Schramme fährt? Außerdem könnten die Rechten die Stele missbrauchen. Aber das können sie, hatte Eichner vergeblich gesagt, doch mit allem tun! Eichner hat vier Jahre gekämpft. Jetzt ist es eine Bodenplatte geworden, über die die Dresdner schnell hinweggehen werden. Am Sonntag wird er die Platte enthüllen.

Die Dresdner haben beschlossen, die Wunde ist jetzt die Stadt und die Frauenkirche der Herd dieser Wunde. Die Wunden sind geheilt, wenn die Gebäude wieder stehen. Es war seltsam mit den Dresdnern, ein Großteil wollte nämlich kein eigenes Mahnmal gegen den Krieg, sondern schlicht die alte Stadt wiederhaben. Nicht ausgeschlossen, dass das alles auch eine Projektion ist, und die Sache mit den Gebäuden ein Stellvertreter-Konflikt für die Schäden an der eigenen Seele.

Der Baubürgermeister Herbert Feßenmayer sächselt nicht, weil er 2001 aus Mainz nach Dresden kam, und so etwas wie hier hat er noch nicht erlebt. „Die Anteilnahme am Baugeschehen ist in dieser Stadt enorm. Hunderte besichtigen einen Tunnel“, sagt Feßenmayer, der zu einem Diplomaten geworden ist. Die Dresdner wollen sich nichts mehr verordnen lassen, schon gar keine Bauten, wie in der DDR. Es kommen immer wieder die nötigen 62000 Unterschriften für einen Bürgerentscheid zusammen.

Plätze, hat mal einer gesagt, sind wie Lichtungen in einer Stadt: Man tritt aus einer städtischen Intimität auf eine plötzliche Weite hinaus. Was aber, wenn sich eine Lichtung an die andere reiht? Es gibt in Dresden jede Menge Lichtungen, die waren nie als Plätze gemeint. Feßenmayer kann nicht beurteilen, ob der Ruf nach einer besonders intimen, dicht bebauten Stadt abebbt, wenn die Menschen tot sind, die Dresden vor dem Krieg kannten. Vielleicht wird es bei den Jüngeren kein dringendes Bedürfnis geben, eine alte Stadt naturgetreu wiederzuerrichten, die sie selbst nie gekannt haben.

Feßenmayer rutscht auf seinem Stuhl hin und her. Ja, er hat bemerkt, dass sich die Wahrnehmung der Stadt in der letzten Zeit geändert hat. Politisch gemeinte Bauten werden jetzt auch ästhetisch beurteilt. Und schon ist auch der Sozialismus historisch interessant. In der sozialistischen Prager Straße sind die Häuser zum Teil 40 Meter voneinander entfernt. „Das würde kein Einzelhändler erlauben, auf diesen 40 Metern kommen die Leute auf andere Gedanken, als einkaufen zu gehen.“

Die Dresdner haben die Erfahrung gemacht, dass die Erinnerungs-Gesten, je größer sie waren, umso falscher wurden. Die großen Gesten sind bislang immer nach hinten losgegangen. Die der Nazizeit sowieso. Aber auch die der Sozialisten. Deren Logik ging so: Schuld an der Zerstörung hatten die Faschisten. Wiederaufbau heißt, die Faschisten besiegen. Nach der jeweiligen Schuld der Dresdner wurde nicht gefragt. Im Kalten Krieg verschob sich die Schuld dann auf die Amerikaner und Engländer, die Imperialisten. Als Gegenleistung für die Verdrängung gehörten die Dresdner zu den Siegern der Geschichte. Sie selbst hatte niemand gefragt, der Staat hatte immer schon die Antwort. Das Trauma lag gedeckelt in den Seelen. Genauso gut hätten sie es in der Prager Straße hinter den glatten Fassaden einmauern können.

Matthias Neutzner spricht bei seinem Vortrag mit der vorsichtigen Stimme eines Mannes, der es gewohnt ist, dass jedes unvorsichtige Wort eine Explosion auslösen kann, und zwar rechts und links. Er ist der Vorsitzende der Interessengemeinschaft 13. Februar 1945.

„Warum wurde ausgerechnet Dresden zerstört?“, fragt man aus dem Publikum. Und: „Ich sage jedem, dass es eine Sauerei ist, wenn einer meine Stadt kaputtmacht.“ Vorsichtig dreht Neutzner die Frage um: Warum nicht Dresden? Etwa wegen der besonderen Unschuld dieser deutschen Großstadt? Wegen der Kunstschätze? In der Kriegslogik war dieser Angriff Routine. Aber viele wollen eigentlich gar nicht mehr wissen. Jede neue Erkenntnis zerstört das Bild der unschuldigen Stadt. Es ließ sich still leben damit. Als genössen ausgerechnet Barockstädte einen speziellen Unschuldsausweis.

Ulrike Gärtner ist eine Dresdner Künstlerin, die sich die Brachen, diese bedeutungsgeladenen Restecken der Stadt, vorgenommen hat. Zerstörung als Chance für etwas Neues. Humor ist auch erlaubt. Ohne Ulrike Gärtner gäbe es nicht diesen spielerischen Ton in der Debatte um Bau und Boden, aber jetzt sitzt sie auf ihrer grünen Ledercouch in Dresden-Neustadt und sagt, das kleine, private Erinnern war ja immer viel echter als das verordnete.

Da tauchte plötzlich am 13. Februar an irgendeiner Straßenecke ein Stein auf und ein Zettel mit einer schlichten Erklärung: An dieser Stelle war ein Café, stand da, dazu die Namen der Toten und der Überlebenden. Oder Blumensträuße hingen an den Häusern. Derjenige, der unvermutet auf so ein privates Mahnmal stößt, glaubt Ulrike Gärtner, ist viel ergriffener. Bei ihrer Großmutter hing immer ein Bild der Frauenkirche im Schlafzimmer. Das „Mutter-Geläut“ der Frauenkirche beeindruckt sie auch. Aber für sie, 1961 geboren, heilt es keine alten Wunden. Für sie ist es einfach ein neuer Ton in der Stadt.

Es gibt jetzt Leute, Künstler auch, die kommen von woanders, ziehen in die Plattenbauten und finden die auch noch schön, erzählt ihr Gefährte, der Regisseur Carsten Ludwig. „Das ist doch nicht möglich, die Bauherren waren doch Unterdrücker!“ Nun ja. Und dann sagt er: „Man konnte sich nach der Wende entscheiden, wo man anknüpfen wollte – und wo haben sie angeknüpft? An der Barockstadt,“ erzählt Ludwig. – Aber warum ist der Barock hier mehr als Fetisch des Bürgertums? Vielleicht so: Die Wiederherstellung der Barockstadt ist die Wiederherstellung der Unschuld. Die Schönheit des Barock ist im Gegensatz zu den Bauten der sozialistischen Zeit angenehm ideologiefrei. Man hat sich geeinigt, Dresden die „Barockstadt“ zu nennen, obwohl natürlich das Residenzschloss aus der Renaissance, die Semperoper klassizistisch und die Prager Straße sozialistisch ist.

Aber wo bekommt das Neue seinen Platz? Der Erfindergeist, ruft Ulrike Gärtner, die Sachsen, die die Ersten waren, die Porzellan hatten, und 1476 schon Feigen in der Orangerie, durch Albrecht den Beherzten! High-Tech. Infineon. Reinsträume, das ist auch sächsisch. Damals hielt man auf seinen Lustgarten, heute auf das Parkleitsystem. Die Attraktion ist nicht mehr nur das Schloss, sondern die gläserne Manufaktur von VW. Allen ist klar: Feudaler als der VW-Luxuswagen Phaeton werden die Zeiten nicht mehr. Aber ist das schon tragisch?

Ulrike Gärtner raucht noch eine. Bei einer Kunstaktion auf dem Gelände hinter dem Zwinger, dem Herzogin-Garten, wo die alte Orangerie stand, hat sie sich etwas lustig gemacht, über diese zwar für Dresden typische, aber für Sachsen untypische Rückgewandtheit. Das Wort „lustig“ tauchte bis dahin in der ganzen Geschichte in diesem Zusammenhang noch nicht auf.

Auf Brachen wachsen Götterbäume, nicht nur in Dresden, sondern überall auf der Welt. Sie bevorzugen karge Standorte, Mauerritzen, das Unwirtliche. Auf dem Gelände der Orangerie hat Ulrike Gärtner ein Bäumchen gepflanzt, statt der höfischen eine „bürgerliche Feige“, und Dresden hat sie ebendort statt des Goldenen Reiters einen goldenen U-Bahn-Eingang vorgeschlagen.

Litfasssäulen drehen sich mit den Gedenkplakaten darauf – Grosny, Dresden, Vietnam – , und nachts drehen sie sich mit Licht. Wenn man im sächsischen Landtag steht und durch die getönten Scheiben auf Dresden guckt, sieht alles gleich ein bisschen brauner aus, aber das ist nur eine optische Täuschung. An den Laternenmasten mahnen Plakate „Geh-Denken“, Sonntagnachmittag, gegen die Rechten. Ein Schlittschuhläufer am Zwingerteich betritt das Eis auf eigene Gefahr.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben