DIE STADT : Die Sehnsucht nach dem Paradies

Zuerst war es nur ein idyllisches Dorf in Brasilien. Dann kamen Hippies aus der ganzen Welt. Ihnen folgten: Robert Redford, Sting, Robert de Niro. Seitdem geht es in Arraial d’Ajuda drunter und drüber

Ruedi Leuthold
Azurblaues Meer, weiße Strände. Die brasilianische Küste bei Arraial d’Ajuda. Fotos (5): Stefan Hess
Azurblaues Meer, weiße Strände. Die brasilianische Küste bei Arraial d’Ajuda. Fotos (5): Stefan Hess

In jeder Stadt gibt es die eine Ecke, wo alles zusammenkommt, was den Charme des Orts ausmacht oder seine Hässlichkeit. Auch die ganze Welt hat so eine Ecke, und sie ist nirgendwo anders zu finden als in Arraial d’Ajuda, einem 18 000-Einwohner-Ort im Süden des brasilianischen Bundesstaats Bahia. Das jedenfalls behauptet das heimische Touristenbüro, und vielleicht hat es gar nicht so unrecht.

Im Jahr 1500 verschlug es den Portugiesen Pedro Cabral auf der Fahrt nach Indien an die sandige Küste; aus Versehen entdeckte er Brasilien. Jahrhunderte später entdeckten die Hippies die schönen Strände und ein ideales Klima für ihre Topfpflanzen. Nach ihnen kamen die Filmschauspieler, dann die Millionäre, schließlich die Touristen. Heute nennen sich in Arraial d’Ajuda alle beim Vornamen und leben fröhlich aneinander vorbei, die Millionäre etwas fröhlicher, die Hippies etwas vorbeier.

Um nach Arraial d’Ajuda zu gelangen, muss man zuerst nach Porto Seguro finden, 730 Kilometer südlich von Salvador, und dann mit der Fähre über den Rio Buranhem setzen. Bis zur Kirche von Arraial sind es gut vier Kilometer, und einige weitere sind es bis nach Trancoso, dem nächsten kolonialen Städtchen. Das azurblaue Meer dazwischen ist von Palmen gesäumt, manchmal von Felsen geschützt, an einigen Orten wächst der atlantische Regenwald bis an sein Ufer, und kein Haus am Küstenrand darf höher als acht Meter gebaut werden. Es gibt noch einige Fischer, die ihr Handwerk ausüben, und so kann man in Arraial d’Ajuda und Umgebung wunderbar Fisch essen, auch japanisch zubereitet. Wie es sich für eine richtige Ecke der Welt gehört, ist die Küche global, man kann chinesisch essen, holländisch, französisch, marokkanisch, Pizza sowieso, man kann makrobiotisch essen, vegetarisch oder brasilianisch, was das Gegenteil von vegetarisch ist. Aber es gibt nicht wenige Leute, die verlangt es nach Evas schweizerischer Spezialität: Rösti mit Bratwurst.

Im 16. Jahrhundert bauten die Jesuiten die Kirche von Arraial auf einer kleinen Anhöhe über dem Meer, und nicht weit davon entfernt hat Eva ihre Bar, die so heißt wie sie: Evas Bar. Hierher kommen die Touristen, die alten Hippies und die Millionäre, um Rösti mit Bratwurst zu essen oder Zürcher Geschnetzeltes.

In jungen Jahren folgte Eva, 1952 geboren, gelernte Gärtnerin, mit Bus und per Anhalter den Spuren der kiffenden Nomaden: Nepal, Indien, Thailand, Burma. Sie war schon 40 und sesshaft in der Schweiz, als sie sich von den alten Hippiefreunden überzeugen ließ, das bürgerliche Leben ihrer Heimat aufzugeben und an einen Ort auszuwandern am berühmten 17. südlichen Breitengrad, wo die Temperaturen das ganze Jahr nicht unter 25 Grad fallen. So kam sie nach Arraial d’Ajuda. Wenige Jahre später stiegen ihre Freunde ins Boot, um zu fischen auf offenem Meer, sie nahmen entweder zu viel Stoff mit oder zu wenig Benzin oder beides, jedenfalls kehrten sie nie zurück, Wochen später wurde das Boot angespült. Eva putzte fortan die Häuser der Reichen, verkaufte Fische auf dem Markt. Jetzt wendet sie in ihrer Bar Kartoffelfladen wie eine Zirkuskünstlerin über drei Gasherden. Ansonsten ist sie nüchtern geworden, in jeder Beziehung, dem allgemeinen Redeschwall begegnet sie mit der einsilbigen Herzlichkeit ihrer ländlichen Heimat. Dazu gehört, neben Rösti, ein offenes Ohr für alle, die es, wie sie selbst, nicht verstanden haben, aus dem Paradies rechtzeitig Kapital zu schlagen.

Nicht alle, die in den 60er und 70er Jahren Brasiliens „Küste der Entdeckung“ zum zweiten Mal entdeckten, waren beseelt vom reinen Glauben an die Wirkstoffe von Liebe und Marihuana. Einige Millionärskinder aus Sao Paulo, die ein bisschen Ferien machten vom bürgerlichen Zuhause, witterten schon bald ein gutes Geschäft. Als im gottverlassenen Süden Bahias plötzlich Leute wie Robert Redford auftauchten, Robert de Niro, Sting und Jimmy Cliff, um unbeachtet eins zu rauchen, begannen sie, die Grundstücke am Meer aufzukaufen und nach Investoren zu suchen. Einer von ihnen war Michael Rumpf-Gail, dessen Familie im deutschen Gießen eine Keramikfabrik besaß, die sie an die Japaner verkaufte. Das Geld investierte Michael, zusammen mit einem dieser ehemaligen Hippies aus Sao Paulo, in ein großes Tourismusprojekt. Jetzt hat sich zwischen Arraial d’Ajuda und Trancoso der Club Med breitgemacht, zusammen mit einem 18-Loch-Golfplatz, der als prächtigster in ganz Lateinamerika gerühmt wird. Die Millionäre aus Sao Paulo kommen mit dem Helikopter angeflogen. Das Marihuana, in besseren Zeiten noch zu fünfzig Dollar das Kilo gehandelt, kostet jetzt zehnmal so viel. Und die es verkaufen, sind keine Blumenkinder mehr.

Der Schweizer Peter Grimm arbeitete als Maschinenbauer in Brasilien, bevor er mit seiner Frau Dora auf die Idee kam, das Leben als Selbstversorger zu versuchen. Sie kauften ein Grundstück an der Straße nach Arraial d’Ajuda, und weil dann doch etwas fehlte nebst Fischen und Früchten, bauten sie neun Zimmer in die schöne Natur, um sie an Gäste zu vermieten. Dann wurde auf dem Nachbargelände ohne Bewilligung eine Disco gebaut, die die neuen Zimmer bis in den frühen Morgen beschallte. Grimms Wut war umso heftiger, als er einer der wenigen im Dorf war, die absolut nichts von dem rauchten oder schnüffelten, was den Betreibern der Lärmhölle zu Geld verhalf. Er zog vor Gericht. Später sah er den zuständigen Richter vergnügt in der Disco sitzen. In einer nächtlichen Aktion stürmte er mit dem Beil die Transformatorenstation, die den Strom zu den Übeltätern leitete. So kam er zu einigen Tagen Ruhe und einer Todesdrohung. Der Spuk endete, als der Betreiber am Flughafen von Rio de Janeiro mit einigen Kilo Kokain geschnappt wurde.

Sabine Vohmann-Heinze, Tochter deutscher Eltern, wuchs in Argentinien und Brasilien auf, in Münster ließ sie sich zur Physiotherapeutin ausbilden, arbeitete zwanzig Jahre in einem Krankenhaus in Wuppertal, schrieb zusammen mit ihrem Mann ein Buch zur „Kraftquelle Unterbewusstsein“. Als Feldenkrais-Therapeutin kehrte sie nach Südamerika zurück. Sie hat ein Haus an der Straße nach Arraial, und für wenig Geld behandelt sie eingeborene Fischer wie zugezogene Millionäre. Sie selber fühlt sich gefangen genommen von der sanften Energie des Weltdorfs, wo sich alle duzen und wo man trotzdem, wie in einer großen Stadt, wenig mehr voneinander weiß als den Vornamen.

Etwas Gemeinschaftssinn tut dennoch not, und so widmet sich Sabine in langen Sitzungen der Einführung zivilisatorischer Grundregeln. Sie hat die Anrainer der Straße, die ins Städtchen führt, miteinander vernetzt, dazu gehören, nebst einer amerikanischen Opernsängerin, auch der ehemalige brasilianische Formel-1-Fahrer Emerson Fittipaldi. Die Bewohner organisieren die Abfallbeseitigung und haben die örtliche Polizei mit einem Computer ausgerüstet sowie einem Fahrzeug, damit, falls ein Überfall gemeldet wird, auch tatsächlich ausgerückt werden kann. Denn Arraial d’Ajuda befindet sich, zum Glück der einen, zum Pech der anderen, so weit weg von allen Kapitalen, dass die staatlichen Mittel zum Schutz und zur Kontrolle der Bevölkerung nur spärlich fließen.

An der Straße von der Fähre ins koloniale Dorf wohnt auch Kurt, bärtig wie ein Alpenbewohner. Früher tingelte er mit der Gitarre durch die Welt und verkaufte geschnitzte Ohrringe. Jetzt macht er die Bratwürste, die Eva zu ihren Rösti verkauft. Es gibt Leute, die sagen, Kurts Bratwürste seien einzigartig, weil man mit ihnen auch den Durst löschen könne. Wasser ist billig, krächzt Kurt, wenn er darauf angesprochen wird – am Wasser verdiene ich am meisten. Kurt war ein Metzgerbub, und daheim in Schlieren, in der Nähe von Zürich, dachte man, er werde irgendwann das Geschäft übernehmen. Kurt aber lernte Automechaniker, dann zog es ihn ins Hippieleben. Er war in den USA, in Asien, in Südafrika, dann landete er in Arraial d’Ajuda. Hier hat er eine Tochter und ein zweijähriges Enkelkind.

Heute, sagt er, würde er nicht mehr hier herkommen – zu viele Leute, die er nicht kennt. Denn, überlegt er, es sind ja nicht nur die Köpfe. Es sind immer auch zwei Ellbogen. Die seinen hat der Kurt nie einzusetzen gelernt. Ist zufrieden mit einem Joint und einem Bierchen, besser noch beides zusammen. Wenn nur das Geld nicht wäre, immer fehlt das Geld in seinem Haushalt. Zum Glück hat ihm der Vater die Wurstmaschine gebracht, eigenhändig ins Land geschmuggelt. Und jetzt sind alle scharf auf Kurts Würste, die ganze Straße, aber nicht alle begreifen, dass man auch mal einen schlechten Tag haben kann und dass man dann besser keine Würste macht. Diese Leute behaupten dann, man sei nicht zuverlässig. Kann aber jeder sagen, was er will. Nur mit Politik soll ihm keiner kommen, aufhören damit, sagt Kurt dann, der alte Hippie, aufhören, ich will meine Ruhe haben.

Der Gerd aber, Gerd Schröder aus Duisburg, Ingenieur, hat sein berufliches Leben im Bergbau verbracht, zuletzt als Direktor von Thyssen-Krupp in der brasilianischen Stadt Belo Horizonte. Dann dachte er, es sei Zeit, noch etwas zu leben, möglichst in einem angenehmen Klima, wo kein Erdbeben droht, kein Tsunami, kein Vulkan.

Er kaufte ein Grundstück am Strand von Arraial d’Ajuda, und als Hobby begann er, eine kleine Pension zu bauen. Erinnerte sich an alles, was ihn je geärgert hatte an all den billigen und teuren Absteigen, in denen er übernachtet hat. Und zeichnete dann ein Waschbecken, bei dem der Wasserhahn so weit vom Rand entfernt ist, dass man sich richtig die Hände waschen kann. Badezimmer mit reichlich Ablagefläche. Die Außenmauer plante er nicht als abweisend gerade Wand, er wollte sie sinnlich sanft gerundet, wie es der Architekt Oscar Niemeyer vorgemacht hatte, als er Brasiliens Hauptstadt entwarf. Dann weckte Schröder spätnachts ein ungewöhnlicher Lärm, und als er nachschaute, sah er, wie vier Leibwächter des Bürgermeisters sein geschwungenes Mauerwerk zerschlugen. Ihr Chef saß im Auto daneben und beschied, solche Bauweise gefalle ihm nicht.

Eine Zeitlang dachte Gerd Schröder daran, nach Deutschland zurückzukehren, aber dann blieb er doch und beendete seinen Traum, den Traum eines Managers, der seine Hippie-Seele entdeckt. Beija-Mar heißt der Traum, Küss das Meer. Alles sehr blumig, sehr grün, sehr tropisch, die Anlage voller Teiche und Bächlein, in denen Karpfen und Goldfische schwimmen, die Zimmer großzügig und individuell gestaltet, zwei Schwimmbäder, die Palmen, das Meer, alles in allem ein privilegierter und nicht ganz billiger Blick auf diese Welt. Abends sitzt der Hausherr an der massiven Bar, die Haare fallen ihm über die Schulter, und manchmal erzählt er von den ungemütlichen Absteigen, die ihm in seinem Bergmannsleben zugemutet wurden, und wie er einmal, es war in Indien, plötzlich erwachte und sah, wie Ratten an seinen Brusthaaren knabberten. In seinen Zimmern hat man es besser. Man kann auch essen, brasilianische und internationale Küche, neuerdings auch Deutsches. Die Würste lässt Gerd aus Sao Paulo einfliegen.

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